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Le Mans, Nordschleife und Spa: 72 Stunden im Juni

kicker

Extreme Belastung für die Fahrer

Strapazen sind Rennfahrer gewohnt. Der Motorsport-Kalender hält für sie in diesem Jahr aber einen besonders kräftezehrenden Juni bereit. An drei Wochenenden in Folge finden die drei großen 24-Stunden-Rennen Europas statt: Le Mans, Nürburgring Nordschleife, Spa-Francorchamps. Drei Rennen, jedes für sich einzigartig - drei Mythen.

Doch in dieser geballten Form steigern sich Herausforderung und Beanspruchung ins schier Unermessliche. Auch BMW-Pilot Kelvin van der Linde stellt sich dem anstrengenden Triple-Header an 24h-Klassikern. "Es gibt viele Rennen, und es werden jedes Jahr gefühlt mehr. Deswegen haben wir bei BMW Motorsport auch so viele Werksfahrer", sagt der 28-Jährige. Rund 20 Piloten stehen beim Autobauer aus München unter Vertrag, um sämtliche Rennsport-Projekte zwischen Langstrecken-WM und nationalen GT-Meisterschaften stemmen zu können.

Die Inflation an Rennen in der Formel 1, sie hat auch den Prototypen- und GT-Rennsport erreicht. "Bei mir sind es dieses Jahr über 25 Rennwochenenden. Das ist schon anspruchsvoll. Aber drei 24h-Rennen in Folge gab es für mich noch nie, und wahrscheinlich auch im GT3-Bereich noch nie. Für alle ist das Neuland", betont van der Linde. Nicht nur die Fahrer müssen körperlich und mental ans Limit gehen, auch die Techniker. Auf alle wartet ein Monster-Programm mit ständigen Reisen, Nachtschichten, dem Auf- und Abbau der Boxen.

Die seltenen Ruhephasen zwischen den Rennen zur Regeneration zu nutzen, ist essenziell. Van der Linde hat sein eigenes Rezept: "Im besten Fall fahre ich nach Hause ins Allgäu. Auch wenn es nur für einen Tag ist: Das gibt mir viel mentale Erholung. Anstatt an einem Ort zu bleiben, wo man sich nicht so wohlfühlt, ist es mir lieber, diesen Extra-Tag zu Hause zu verbringen."

Immerhin, im kommenden Jahr wird der erbarmungslose Rennplan etwas entzerrt: Die 24 Stunden am Nürburgring finden dann wieder am Himmelfahrts-Wochenende Mitte Mai statt, Le Mans wird seinen traditionellen Slot Mitte Juni behalten, und Spa hat seinen Platz Ende Juni gefunden.

Drei Rennen, drei Mythen

Alle drei Rennen haben ihren eigenen Charakter: Le Mans gilt als größtes Sportwagen-Event der Welt, das von den Franzosen und der internationalen Rennsport-Gemeinschaft jedes Jahr mit viel Pomp zelebriert wird - über satte zehn Tage. Viel ist über die Faszination dieses mehr als 100 Jahre alten Wettstreits schon geschrieben und gesagt worden. Der Nürburgring besticht durch seinen Volksfest-Charakter, die traumhafte Landschaft neben der Strecke und die ungeheure Vielzahl an Fahrzeugen und Fahrzeugtypen. Und der traditionsreiche Dauerlauf in Spa-Francorchamps hat sich längst als größtes GT-Festival weltweit etabliert.

Doch wo liegen aus der Fahrer-Perspektive die Unterschiede? Die LMGT3-Klasse in Le Mans sei "vielleicht nicht so am Limit, wie Spa oder der Nürburgring, einfach durch die Mischung mit Silber- und Bronze-Fahrern", weiß van der Linde. Eine gemischte Besatzung aus Profi- und sogenannten Gentleman-Piloten, das war eine Vorgabe, als die Langstrecken-WM vor zwei Jahren die GT3-Klasse aufnahm. "Trotzdem muss man das Beste aus den Teamkollegen herausholen. Bei den Silber- und Bronze-Fahrern kann man auch mal Sekunden herauskitzeln. Da ist dann eher der Fokus auf dem Bronze-Fahrer, dass wir ihm so viele Tipps und Input geben, damit er das Beste aus seinem Einsatz machen kann."

"Mein persönliches Lieblingsrennen ist der Nürburgring", so der DTM-Vizemeister von 2024. "Es gibt keine Strecke auf der Welt, die mit der Nordschleife vergleichbar ist. Sie hat eine gewisse Tradition und eine gewisse Fan-Base, die dort jedes Jahr hingeht. Wenn man da anreist, dann weiß man einfach, dass das ein einzigartiges Rennen ist. Ich hatte das Glück, zweimal dort zu gewinnen."

2017 und 2022 war das, vor allem der erste Sieg des Südafrikaners bleibt im Gedächtnis. Die Land-Mannschaft verlor rund 90 Minuten vor der Zielflagge wegen eines Defekts die Führung, der Regen in der letzten Stunde erwies sich als Rettungsanker. Das Audi-Team packte die Gelegenheit beim Schopf, und Schlussfahrer van der Linde blieb bei chaotischen Verhältnissen cool. Spa dagegen sei, findet van der Linde, "was die Performance und die Leistungsdichte angeht, das schwierigste von den drei Rennen. Was es so schwierig macht: Das sind alles GT3-Autos. Wenn du überholst oder überrundest, musst du auch physisch überholen. Das ist nicht so wie auf der Nordschleife. Da ziehst du bei den langsamen Autos einfach auf der Geraden vorbei. Man muss in Spa immer extrem fokussiert sein. Und die Leistungsdichte ist einfach brutal. Die 30 Top-Autos können alle um den Sieg mitfahren. Deswegen ist klar, dass BMW dieses Jahr auch so einen großen Aufwand betreibt und so viele Top-Autos am Start hat."

Gleich elf teils hochkarätig besetzte Fahrzeuge schickt der Münchner Autobauer beim belgischen Endurance-Klassiker ins Rennen, insgesamt umfasst die Starterliste ein Rekordfeld von sage und schreibe 76 GT3-Autos. In Spa, aber auch in Le Mans und auf dem Nürburgring, wird van der Linde im selben Fahrzeug sitzen: dem BMW M4 GT3 Evo. Das Auto ist bei allen drei Rennen zumindest äußerlich dasselbe. Unter der optischen Hülle sind die Unterschiede von Rennen zu Rennen jedoch teils frappierend. Der M4 in Le Mans wird mit jenem auf der Nordschleife nicht viel gemein haben.

Wo genau bestehen die Unterschiede zwischen den Spezifikationen? "Der größte Punkt sind natürlich die Reifen: Spa mit Pirelli, Nordschleife mit Michelin und WEC mit Goodyear", erklärt van der Linde. Und jeder Gummi erfordert eine eigene Abstimmung: "Man kann nicht sagen, dass man ein gewisses Set-up im Auto verbaut, und es funktioniert für alle drei Reifenmarken. Das ist wirklich viel Arbeit, man muss viele Daten sammeln. Für die Ingenieure ist das viel Arbeit, um das zu verstehen. Jeder Reifen hat seine Punkte im Set-up, wo er am besten funktioniert."

Respekt vor den Ingenieuren

Dazu müssen weitere Faktoren berücksichtigt werden: "Natürlich haben wir auch die Unterschiede in der Balance of Performance, heißt: In der WEC fahren wir mit deutlich weniger Leistung als in Spa beim 24er. Das nimmt auch wieder Einfluss. Und auf der Nordschleife haben wir einfach eine Strecke, die ganz besonders ist. Da fährt man in einer ganz anderen Höhe, also ist da das Auto wieder in einem ganz anderen aerodynamischen Fenster."

Umso wichtiger sind strukturiertes Denken und Handeln. Als Rennfahrer benötigt man möglicherweise etwas Anlaufzeit für die Umstellung. Bei den BMW-Kundenteams - van der Linde fährt für WRT in Le Mans und Spa, für Rowe Racing auf der Nordschleife - hat man entsprechende Arbeitsabläufe implementiert. Der 28-Jährige zeigt sich beeindruckt: "Da muss ich wirklich den Hut ziehen vor den Ingenieuren, dass sie da den Überblick behalten können. Jede Woche eine andere Reifen-Spezifikation oder eine andere BoP, damit kommen sie super klar. Ich finde es immer spannend, dass sie die Dinge nicht durchmischen. Sie sind wirklich akribisch. Ich dagegen muss für mich jedes Mal wieder neu auf Reset drücken, aber sie sind punktgenau bereit, schaffen es immer wieder, das Auto in ein gutes Fenster zu kriegen." Damit wären die Voraussetzungen für ebenso kräftezehrende wie erfolgreiche 72 Stunden im Juni geschaffen.