Der Traum von einer Olympia-Medaille wurde auch in dem erfolgreichen Disney-Film von Regisseurs Jon Turteltaub frei erfunden. Aber zumindest die grobe Handlung mit dem Bobteam Jamaika beim ersten Olympia-Start 1988 in Calgary beruhte auf wahren Begebenheiten, auch der Sturz des Viererbobs passierte wirklich. Der Mythos ist immer geblieben. 2018 waren auch Jamaikas Frauen am Bobstart, der Auftritt endete in einem Eklat. Mittendrin damals Sandra Kiriasis, die nun als Teamchefin von Nigeria erneut Olympia anstrebte.
Cool Runnings 3.0 hört sich auch gut an. Doch die Realität ist eine andere. Das Zweierbob-Team mit der 44 Jahre alten Pilotin Simidele Adeagbo und Anschieberin Kewe King (28) verpasste die Olympia-Qualifikation für Cortina d'Ampezzo. Im Monobob war Adeagbo erste Nachrückerin im Ranking des Weltverbandes IBSF. Da keine Nation auf einen Startplatz verzichtete, platzte auch dieser olympische Traum vor wenigen Tagen.
Wolfgang Hoppe: "Schneeball-Effekt erzeugen"
"Solange es Frauen und Männer gibt, die sich für unseren Sport interessieren, aus Ländern, die keinen Schnee und keine Bobbahn haben, ist es immer zu befürworten", sagte der Doppel-Olympiasieger von 1984, Wolfgang Hoppe, der Deutschen Presse-Agentur. "Ich habe das aus eigener Erfahrung ja schon mit Jamaika erlebt, dass solche Nationen einen gewissen Schneeball-Effekt erzeugen und den Nachwuchs animieren."
Die einstige Leichtathletin Adeagbo, die die anspruchsvollen Bahnen in Lake Placid und zuletzt beim Weltcupfinale in Altenberg unfallfrei herunterkam, berichtet über ihre ersten Erlebnisse mit der Wintersportart. "Die erste Frage, die mir oft gestellt wird, ist: Was ist Bobfahren? Es ist eine Sportart, mit der viele Nigerianer nicht vertraut sind." Da Afrika noch nie eine Medaille bei den Winterspielen gewonnen hat, war und ist es ein Ansporn. "Vielleicht bin ich die Erste. Wir haben alle Cool Runnings gesehen. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal der Cool Runnings wäre", meinte sie zu Saisonbeginn stolz.
Anschieberin King, die einst Weitspringerin in Großbritannien war, wollte die Herausforderung mit angehen. "Es ist wie in einer Achterbahn, nur ohne Gurt", meinte King. Kiriasis, die 2006 in Turin Olympia-Gold holte, ließ den Traum leben. "Mit dem richtigen Set-Up und auch Mindset und den richtigen Partnern, können die etwas schaffen, woran sie vielleicht sogar selbst nicht geglaubt haben", meinte die 51-Jährige zum Projekt "Golden Underdogs".
Erst Dschungelcamp, dann Israel und Nigeria
Die siebenmalige Weltmeisterin, die auch schon an TV-Formaten wie dem RTL-Dschungelcamp (2019) teilgenommen hat, wird mittlerweile in der Kufen-Szene nicht wirklich ernst genommen. Angesprochen auf das neue Projekt, winken viele Trainer und einstige Weggefährten ab, wollen sich dazu nicht äußern. Hinter vorgehaltener Hand sprechen viele nur von Eigenvermarktung. Vor dem Team Nigeria hatte sie mit Blick auf Olympia 2022 in Peking Israels Viererbob auf Social Media in Szene gesetzt. Ein Olympia-Start sprang nicht heraus.
"Sandra ist ja eine Einzelkämpferin, die da die finanziellen Aufwendungen nicht scheut, um so eine Mannschaft möglicherweise nach Olympia zu bringen", sagte ihr ehemaliger Frauen-Bundestrainer Hoppe.
Chaos in Pyeongchang mit Jamaika
Das Chaos um Team Jamaika in Pyeongchang ist vielen im Boblager noch präsent. Nachdem Kiriasis bei der Eröffnungsfeier in Jamaika-Farben noch tanzend einmarschiert war, kam es noch vor dem Frauen-Rennen zum offenen Bruch. Der jamaikanische Chef de Mission hatte schwere Vorwürfe erhoben. "Sie verbreitet eine Menge Lügen", sagte Leo Campbell. Sie musste das olympische Dorf verlassen. Am Ende ging es um Geldforderungen für das Material.
Nun platzt wieder ein olympischer Traum. "Wir repräsentieren eine Milliarde Menschen. Wir stehen kurz davor, Geschichte zu schreiben", sagte Pilotin Adeagbo zu Saisonbeginn. Unerwähnt bleibt, dass es bereits 2018 mit Seun Adigun und Ngozi Onwumere ein nigerianisches Bobteam bei Olympia gab. Damals fuhr die heutige Pilotin Adeagbo noch mit dem Skeleton herunter.
Zwei Weltcups vor Saisonende postete Kiriasis im Januar noch auf Instagram: "Ein Monat, Zwei Rennen. Ein Traum: Olympia - Sportlich ist alles möglich. Finanziell ist es extrem knapp." Das Ende ist bekannt. Dass es sportlich auch anders geht, zeigen die Jamaikanerin Mica Moore (33 Jahre) sowie Sin-Rong Lin aus Taipei (27) - die sich für Olympia in Cortina qualifizierten. Auf der neuen Olympia-Bahn durfte Adeagbo dennoch fahren: Beim Test-Event und beim ersten Weltcup konnte sie einen Hauch von Olympia spüren, auch wenn sie drei Sekunden langsamer als Siegerin Laura Nolte war.