Herr Böllhoff, in der Theorie erscheint die Regel des Anwurfs relativ einfach, dennoch ist die Ausführung oft nicht ganz korrekt. Was ist der häufigste Fehler?
Dass der ausführende Spieler die Anwurfzone schon verlassen hat, bevor er den Ball gespielt hat. Das passiert, wenn sich der Spieler schon relativ tief in der Anwurfzone befindet, sprich schon relativ weit in Richtung des gegnerischen Tores steht und so nur noch wenig Spielraum hat.
Da der anwerfende Spieler in der Anwurfzone in Bewegung sein darf, kommt es häufig dazu, dass er nicht mehr abstoppt oder abstoppen kann und so vor dem Anpfiff und dem Spielen des Balls schon wieder auf der anderen Seite draußen steht.
Was wäre dann die Folge?
In diesem Fall sind die Voraussetzungen nicht erfüllt, unter denen die Schiedsrichter anpfeifen können. Daher wäre die Konsequenz nach Regelwerk, dass der Schiedsrichter auch nicht anpfeift, sondern den Spieler zurückholt, bis er komplett mit dem Ball in der Anwurfzone ist. Das war ja im Sommer die Regelanpassung. Ist der Anwurf aber angepfiffen, handelt es sich um eine regelwidrige Ausführung, die zu einem Freiwurf für die andere Mannschaft führt.
Magst du noch einmal kurz wiederholen, was diese Anpassung besagte?
Bei der Einführung der Anwurfzone hat man festgelegt, dass sich der Ball und mindesten ein Körperteil in der Anwurfzone befinden müssen, um den Anwurf anpfeifen zu können. Das hat man im Sommer angepasst: Ball und der ganze Körper des anwerfenden Spielers müssen in der Anwurfzone sein.
Unabhängig von den Fehlern in der Ausführung: Hat sich die Einführung der Anwurfzone vor drei Jahren aus deiner Sicht bewährt?
Auf alle Fälle! Der korrekte Abstand ist für den Schiedsrichter viel eindeutiger zu sehen, weil es eine klare Zone gibt. Vorher, als der Anwurf einfach an der Mittellinie ausgeführt wurde, musste man die notwendigen drei Meter Abstand zum Ballhalter schätzen. Jetzt ist für jeden offensichtlich, in welchen Bereich der Abwehrspieler nicht rein darf, das ist ein gewaltiger Fortschritt.
Ein Grund, die Anwurfzone einzuführen, war das Ziel, das Spiel flüssiger zu machen…
Es ist ein großer Vorteil, dass man in der Zone in Bewegung sein darf. Es war vorher - bei der Ausführung an der Mittellinie - ein häufiger Fehler, dass der Anwurf im Laufen ausgeführt wurde, obwohl der Spieler hätte stehen müssen. Mit der Ausführung aus der Bewegung - ohne das Abbremsen - ist das Spiel ohne Zweifel schneller. Allerdings sind wie eingangs erwähnt weiterhin viele Anwürfe falsch ausgeführt (lacht). Wir scheinen also immer noch keine adäquate Variante für eine flächendeckende regelgerechte Ausführung gefunden zu haben.
Was die adäquate Variante angeht: Im Beachhandball und einigen Kinderhandball-Varianten, die auch im Spielbetrieb in der E-Jugend umgesetzt werden, gibt es keinen Mittelanwurf nach einem Torerfolg, sondern das Spiel wird mit einem Abwurf des Torwarts fortgesetzt. Wäre das nicht eine Variante?
Das wäre grundsätzlich eine denkbare Variante, um den Spielfluss zu erhöhen und die Anzahl der Ballaktionen pro Spieler zu steigern. Meiner Einschätzung nach würde eine solche Regeländerung das Spiel jedoch deutlich beschleunigen und dadurch auch unübersichtlicher gestalten.
Würde man den bisherigen Mittelanwurf durch einen sofortigen Abwurf des Torwarts ersetzen, bestünde insbesondere im Kinder- und Jugendbereich die Gefahr, dass schwächere oder weniger erfahrene Spieler überfordert werden und die Spielqualität darunter leidet.
Des Weiteren könnte ein sofortiger Abwurf hingegen würde zwar die Dynamik erhöhen, könnte jedoch zu einer Reizüberflutung führen und das gezielte Wahrnehmen von Spielsituationen erschweren.
"Der Raum über der Anwurfzone ist tabu für den Abwehrspieler."
Dann lass uns weiter über die Regelungen sprechen, die es gibt. Aus Sicht der Abwehr: Wann darf ich als Abwehrspieler unterbrechen bzw. stören?
Ich darf als Abwehrspieler die Anwurfzone nicht betreten, bis der Anwurf ausgeführt ist. Das bedeutet, ich darf erst eingreifen, wenn entweder der Ball die Anwurfzone vollständig verlassen/überquert hat oder wenn ein zweiter, in der Anwurfzone stehende Spieler den Ball berührt oder kontrolliert hat. Zu dieser Frage passend gäbe es übrigens ebenfalls einen häufigen Fehler …
Ja?
Die Abwehrspieler sind sich oft nicht bewusst, dass auch der Raum über der Anwurfzone zur Anwurfzone zählt. Das bedeutet: Auch, wenn ich mit den Füßen außerhalb stehe, aber mit den Händen und Armen über der Anwurfzone herumfuchtele, kann ich bestraft werden, weil ich den Abstand nicht eingehalten habe. Der Raum über der Anwurfzone ist bis zur korrekten Ausführung tabu für den Abwehrspieler! Das ist vergleichbar mit dem Abwurf. Dort muss der Ball ja auch erst die Torraumlinie überschritten haben - und erst dann zählt der Abwurf als ausgeführt.
Bleiben wir bei der Mannschaft, die gerade ein Tor geworfen hat und zur abwehrenden Mannschaft wird: Du sagtest, dass der Abstand mit Anwurfzone besser zu bewerten ist. Wie würdest du den so genannten "Korridor" erklären, wo die Abwehrspieler ja Gefahr laufen, eine Zeitstrafe zu kassieren, wenn sie den Passweg zur Anwurfzone blockieren?
Das stimmt, die IHF hat imaginär einen Korridor gezogen - in der Breite des Tores durchgängig bis zur Anwurfzone. Wenn die neu abwehrende Mannschaft zurückläuft, sollte dieser Bereich gemieden werden, Spieler sollten ihn nicht queren. Auch, wenn man unbeabsichtigt getroffen wird, kann es geahndet werden. Da muss man als Abwehrspieler einfach aufpassen!
Und, noch ein Blick auf die den Anwurf ausführende Mannschaft: Wann darf ein Spieler dieser Mannschaft die Mittellinie überschreiten?
Sobald der Schiedsrichter den Anwurf angepfiffen hat - es muss nicht auf den Pass gewartet werden.
Einer der häufigsten sichtbar korrigierten Fehler ist dennoch das Zurückwinken der Außenspieler…
Das stimmt. Die Spieler wollen natürlich einen Vorteil haben, indem sie durchlaufen und sind dabei immer wieder zu schnell über die Mittellinie. Es kommt jedoch auch vor - das gehört zur Wahrheit -, dass die Schiedsrichter teilweise zu spät anpfeifen; sprich: Nicht pfeifen, obwohl die Voraussetzungen gegeben sind und erst dadurch der vermeintliche Fehler - Außenspieler schon über der Mittellinie - passiert. Es ist ein Balanceakt: Wir müssen auf die korrekte Position achten, aber dürfen auch nicht zu kleinlich sein.
Was kann ich als Schiedsrichter machen, um solche vermeidbaren Fehler … na ja, zu vermeiden?
Es gibt keine goldene Regel, außer: Auf der Höhe des Spiels sein. Nach einem Torerfolg darf ich nicht beim Tor verharren, sondern muss mich schnell auf den Anwurf konzentrieren. Gerade, wenn es in der spielentscheidenden Phase ist, suchen die Mannschaften nach einem Tor den schnellen Übergang in den Angriff, sie wollen den Anwurf schnell ausführen, ggf. sogar in das leere Tor. Da ist das Umschalten der Schiedsrichter mitunter manchmal zu langsam und man hängt hinterher und das Spiel stockt. Oder im Gegenteil: Man pfeift zu früh an, obwohl die Voraussetzungen nicht erfüllt sind.
Wenn beispielsweise der lange Pass des Torwarts in der Anwurfzone nicht sauber gefangen wurde. Oder, alternativ: Der lange Ball des Torwarts fliegt über die Anwurfzone hinweg, weil der Pass zu hoch war. Wie wird das geahndet? Da kommt es mitunter ja auch zu Irritationen …
Es gibt leider keine durchgängige klare Regelung; auch international wird es unterschiedlich ausgelegt. Das müsste besser geregelt sein, denn es gibt einen gewissen Interpretationsspielraum. Es geht dabei letztendlich um die Frage, ob es sich um passives Spiel handelt oder nicht. Um passiv zu zeigen, muss man alle Faktoren einpreisen. Welchen Eindruck hat man von dem Pass? Ist die Mannschaft in Unterzahl oder Überzahl? Wie ist der Spielstand? Automatisch den Arm zu heben, nur weil der Pass nicht ankommt, muss bei einer 20-Tore-Differenz nicht sein, das ist sinnfrei. Daher gilt es, die Situation zu berücksichtigen, in der sich das Spiel gerade befindet.
Ist ein Anwurf für den Schiedsrichter korrigierbar, wenn der Schiedsrichter schon angepfiffen hat?
Wenn ich eine falsche Ausgangsstellung angepfiffen habe, habe ich sie letztendlich legitimiert. Daher sollte die Korrektur der Position etc. vor dem Anpfiff erfolgen! Im letzten Mittel könnte man es zurückpfeifen, wenn man einen deutlichen Fehler erkennt, aber das ist unschön. Daher: Die Korrektur vor dem Anpfiff und keine falsche Ausführung zulassen!
Abschließend: Gibt es noch einen wissenswerten Fakt zur Anwurfzone?
Nicht direkt zur Anwurfzone, aber: Die Mittellinie gibt es im Regelwerk immer noch. Es wäre also theoretisch immer noch möglich, mit dem Anwurf an der Mittellinie zu spielen - allerdings nicht in Deutschland. Denn der Deutsche Handballbund hat entschieden, dass bei uns in jeder Liga mit der Anwurfzone gespielt wird.