Aktuell sind sieben NFL-Teams ohne Head Coach. Doch seit Harbaughs Entlassung ist klar: Die Suche läuft nicht mehr nach den üblichen Regeln. Zwei Dynamiken haben sich sofort verschoben.
Der begehrteste Kandidat auf dem Markt
John Harbaugh ist mit Abstand der attraktivste Coaching-Kandidat dieser Offseason. Seine Vita ist jeder anderen verfügbaren Option klar überlegen: 18 Jahre Amtszeit, ein Super-Bowl-Titel, sechs Divisionstitel, 193 Siege inklusive Playoffs. Wenn Harbaugh weiter coachen möchte - und alles deutet darauf hin -, wird er praktisch freie Auswahl haben.
Genau das sorgt ligaweit für Bewegung. Teams mit offenen Stellen werden ihn ganz oben auf ihre Listen setzen. Und selbst Organisationen mit noch amtierenden Head Coaches beobachten die Situation genau. Denn kein Team wird seinen aktuellen Coach entlassen, ohne zumindest das Gefühl zu haben, realistische Chancen auf Harbaugh zu besitzen. Hinter den Kulissen ist das Manövrieren bereits in vollem Gange.
Wie brisant die Lage ist, zeigte sich unmittelbar nach der Entlassung. Laut ESPN erhielt Harbaughs Agent Bryan Harlan innerhalb von nur 45 Minuten nach Bekanntgabe der Entscheidung Anrufe von sieben NFL-Teams, die Interesse an seinem Klienten signalisierten. Das bedeutet im Umkehrschluss auch: Mindestens eines dieser Teams wird Harbaugh kontaktiert haben, obwohl dort offiziell noch ein Head Coach im Amt ist.
Allein diese Tatsache verdeutlicht die Tragweite der Personalie. Bereits in den ersten Stunden nach der Entlassung waren Organisationen bereit, ihre bestehende Situation wegen des neu verfügbaren Harbaugh zumindest einmal zu hinterfragen.
In einem Hiring-Zyklus, dem es bislang an wirklich attraktiven Kandidaten mangelte - es gibt in diesem Jahr keinen Ben Johnson, keinen Mike Vrabel und keinen Mike Macdonald -, wirkt Harbaughs Verfügbarkeit wie ein metaphorisches Erdbeben, das die NFL erschüttert hat.
Der attraktivste Job der Liga
Parallel dazu ist der Ravens-Job selbst zum begehrtesten Opening dieses Hiring-Zyklus geworden. Man kann sogar argumentieren, dass der Posten des Head Coaches in Baltimore einer der attraktivsten ist, die in der jüngeren NFL-Geschichte frei geworden sind. Wer auch immer Harbaugh beerbt, findet dort eine Ausgangslage vor, wie sie nur selten existiert.
Der neue Head Coach übernimmt ein stabiles Front Office, ein konkurrenzfähiges Roster und - das ist der entscheidende Punkt - sofort einen zweimaligen MVP als Quarterback. Dass ein neuer Cheftrainer direkt mit einem Spieler vom Kaliber eines Lamar Jackson arbeiten kann, ist in der NFL die absolute Ausnahme.
Der Grund liegt auf der Hand: Teams mit einem Quarterback dieser Qualität sind nur selten auf Head-Coach-Suche, da ein Elite-QB in der Regel auch viele Siege bedeutet - und Siege sind die wichtigste Währung für Coaches, um im Amt zu bleiben. Die letzte vergleichbare Situation gab es in Los Angeles, wo ironischerweise Harbaughs Bruder Jim genau dieses Szenario nutzen konnte und seinen neuen Job bei den Chargers mit Justin Herbert als Quarterback im Kader antrat.
Hinzu kommt in Baltimore ein üppiges Draft-Kapital: Die Ravens verfügen im kommenden Jahr über zehn Draft Picks und damit über enorme Flexibilität bei der Weiterentwicklung des Teams.
All das macht den Ravens-Posten zu einer der attraktivsten Head-Coach-Positionen der letzten Jahre. Doch genau hier liegt das Paradoxe der Situation: Den besten verfügbaren Trainer - John Harbaugh - haben die Ravens selbst gerade entlassen. Der attraktivste Kandidat und der attraktivste Job existieren gleichzeitig, aber doch getrennt voneinander.
Wer folgt auf Harbaugh?
Die zentrale Frage lautet nun: Wen wollen die Ravens überhaupt als Nachfolger? Es ist schwer vorstellbar, dass die Organisation diesen Schritt ohne klaren Plan gegangen ist. Vieles deutet darauf hin, dass Baltimore entweder einen offensiv geprägten Coach mit Erfahrung im Umgang mit mobilen Quarterbacks sucht - oder einen etablierten Head Coach, der sofort Autorität und Struktur mitbringt.
Erste Namen kursieren bereits. Kliff Kingsbury, der am selben Tag als Offensive Coordinator in Washington aufgehört hat, erfüllt beide Kriterien. Er bringt nicht nur ein etabliertes System mit, das mit einem ähnlichen Spielertyp wie Lamar Jackson (zuletzt bei Jayden Daniels) gut funktioniert hat, sondern auch Head-Coach-Erfahrung.
Auch Defensive Coordinator mit Head-Coach-Erfahrung wie Vance Joseph (Broncos) oder Brian Flores (Vikings) gelten als mögliche Optionen. Gerade Flores könnte als klarer Tonangeber in die Fußstapfen Harbaughs treten und gut zum Ravens-Roster passen, da seine aggressive und variable Defense Spieler wie Kyle Hamilton oder Marlon Humphrey benötigt, die mehrere Positionen auf hohem Niveau spielen können.
Sollte Baltimore einen First-Time-Head-Coach bevorzugen, rückt Jesse Minter in den Fokus. Der Defensive Coordinator der Chargers bringt Ravens-DNA mit, arbeitete zuvor eng mit Mike Macdonald zusammen und steht seit zwei Jahren bei den Chargers unter Harbaughs Bruder Jim an der Seitenlinie. Ebenfalls interessant ist Robert Saleh, aktuell Defensive Coordinator der 49ers. Seine Führungsqualitäten, defensive Expertise und seine Verbindungen zum Shanahan-Coaching-Tree machen ihn zu einem äußerst attraktiven Kandidaten außerhalb des Harbaugh-Ravens-Michigan-Kosmos, der die Franchise über viele Jahre geprägt hat.
Ein Beben mit Langzeitfolgen
Die Entlassung von John Harbaugh ist kein isoliertes Ereignis, sondern ein Einschnitt, der das gesamte Coaching-Karussell beeinflusst. Teams überdenken ihre Pläne, Kandidaten ordnen ihre Prioritäten neu, und ein Markt, der zuvor als eher dünn galt, hat plötzlich einen klaren Fixpunkt.
Ob Harbaugh am Ende sofort einen neuen Job annimmt oder sich bewusst Zeit lässt, bleibt offen. Sicher ist nur: Diese Entscheidung hat die NFL-Offseason nachhaltig verändert - und sie wird noch einige überraschende Wendungen nehmen.
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