Himmel und Hölle liegen in der NBA oft sehr nah beieinander. Eine Verletzung hier, ein Buzzerbeater oder eine verpasste Auszeit da - aus euphorischen Situationen können schnell tragische werden, und andersherum ist es genauso. Die Playoffs demonstrieren das derzeit mal wieder mehr als deutlich. Die Lottery hat es nun ebenfalls getan.
Etwas mehr als drei Monate lang bewegten sich die Mavericks schnurstracks auf die Hölle zu - selbst verschuldet auf der einen Seite, der Trade von Luka Doncic war schließlich ihre Idee. Dann kam auch noch jede Menge Pech dazu; Anthony Davis verletzte sich, Kyrie Irving verletzte sich schwer, aus einem Contender wurde ein Play-In-Team mit einer Fan-Basis, die bereit schien, Front Office und Besitzer-Familie geteert und gefedert aus der Stadt zu vertreiben.
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Diese Franchise schien am Boden. Wenn schon nicht auf dem Weg in die Hölle, dann doch wenigstens in die Irrelevanz, die Perspektivlosigkeit. Dann kullerten in der Nacht auf Dienstag ein paar Bälle in der richtigen Reihenfolge aus ihrer Maschine - und auf einmal war alles anders. Ist alles anders.
Eine der bizarrsten Saisons der NBA-Geschichte hat eine weitere bizarre Wendung genommen: Dallas wurde mit dem Nr.1-Pick belohnt, hat die Aussicht auf Cooper Flagg, einen Franchise-Changer. Diese Saison der Mavs wäre indes nicht diese Saison der Mavs, wenn damit gesichert wäre, dass nicht noch eine weitere bizarre Wendung am Horizont erscheint.
Dallas: Zu gut für den Nr.1-Pick
In den allermeisten Fällen wäre relativ klar, was ein Team mit einem solchen Geschenk wie dem 18-jährigen Flagg machen würde, der die Draft-Experten allesamt begeisterte wie kein US-amerikanisches Talent seit ausgerechnet Davis: Ihn draften, ihn entwickeln, behutsam ein Team um ihn herum aufbauen. So ähnlich sah zumindest die Norm aus, als in der Lottery noch Teams "gewannen", die noch kein Top-Level-Talent in ihren Reihen hatten und neu aufbauen mussten.
Die Mavs sind eigentlich kein solches Team. 39 Siege holten sie im Vorjahr, die elftbesten Odds (1,8%) für Flagg hatten sie nur deshalb, weil sie einen Münzwurf gegen die Chicago Bulls gewinnen konnten. Ihr Team sollte besser sein, für das Hier und Jetzt gebaut sein. Was sich durch den Kreuzbandriss Irvings mangels guter Alternativen auch nur bedingt verändert hat.
Nico Harrison hat es nach dem Trade von Doncic ja selbst gesagt: "Die Zukunft, das sind für mich drei, vier Jahre. Zehn Jahre, das weiß ich nicht. Bis dahin werden sie mich und [Head Coach] Jason Kidd vermutlich schon begraben haben." In der Realität zählte nur die Gegenwart.
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Keine Erstrunden-Picks zwischen 2027 und 2030
Davis, der beste Spieler des Teams, ist 32, Irving, so er denn zurückkehrt, ist 33 Jahre alt - natürlich war dieser Kader nicht für die ganz ferne Zukunft konstruiert. Zumal die Mavericks zwischen 2027 und 2030 nicht ihre eigenen Erstrundenpicks kontrollieren und ihren Trade-Spielraum scheinbar schon fast komplett ausgeschöpft hatten.
Viele Türen stehen offen
Dallas könnte Flagg draften, sich verjüngen und tatsächlich um ihn herum aufbauen - und sich von Veteranen trennen, um die nicht gerade prall gefüllte Asset-Schatulle aufzufüllen. Was bekämen die Mavs beispielsweise für Davis zurück? Es gäbe schlechtere Ausgangspunkte für einen vollen Rebuild als das Generational Talent, das Flagg allem Anschein nach ist.
Dazu gibt es auch noch eine Möglichkeit, die am wahrscheinlichsten wirkt: Flagg draften und ihn in das bestehende Mavs-Team integrieren. Ihn irgendwann als Brücke in die nächste Ära nutzen, bis dahin jedoch versuchen, mit ihm, Davis und hoffentlich Irving Spiele und vielleicht sogar Titel zu gewinnen.
Doch wie sähe der On-Court-Fit Flaggs in Dallas eigentlich aus? Diese Frage ist an einem Ende des Courts leichter zu beantworten als am anderen.
Wie Flagg zu den Mavericks passt
Defensiv besteht bei den Mavs mit insbesondere Davis und Dereck Lively II bereits eine sehr brauchbare Infrastruktur. "Defense Wins Championships" war bekanntlich auch der Hauptgrund für den Luka-Trade, den Harrison immer wieder vorbrachte. Zu diesem Credo passt Flagg deutlich besser als sein slowenischer "Vorgänger".
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Mit 2,06 m Körpergröße, langen Armen und exzellenter Athletik kann Flagg beide Forward-Positionen besetzen. Am College bestach er als defensiver Playmaker (1,4 Steals, 1,4 Blocks pro Partie) und zeigte abseits des Balls großes Potenzial als Ringbeschützer. Durch ihn würde der ohnehin schon große und athletische Frontcourt der Mavs noch größer und athletischer.
Kompliziert wirkt dabei lediglich, dass er bei den Mavs wohl viel auf der Drei und somit als Wing spielen müsste. Davis spielt bekanntlich lieber neben einem anderen Center, das Team hat zudem viel in Lively und dessen Backup Daniel Gafford investiert. Ob das langfristig die richtige Position für Flagg ist, wird sich zeigen, dennoch ist damit zu rechnen, dass die Mavs-Defense mit ihm ziemlich stark aussehen sollte.
Die Lösung des Creation-Problems?
Offensiv sind die Fragezeichen auf den ersten Blick etwas größer. Flagg hat sich am College als Shooter zwar dramatisch verbessert (38,5% von der Dreierlinie), es scheint jedoch nicht allzu sinnvoll, ihn als Spacer in einer Davis-zentrierten Offense einzusetzen. Vielleicht liegt die Lösung darin, ihm den Ball vorerst selbst in die Hand zu legen.
Nach der Irving-Verletzung war es eklatant, wie sehr es den Mavs an Shot Creation fehlte, auch nach Davis‘ Rückkehr. Flagg wiederum rückte im Lauf seiner einzigen Duke-Saison immer stärker in den Fokus der Offense, auch als Initiator. Über seine letzten 25 College-Spiele legte er 20,5 Zähler und 4,6 Assists bei starker Effizienz auf, zeigte Potenzial als Pullup-Shooter und auch als Pick’n’Roll-Creator. Insbesondere seine Lobpässe stachen bei Duke immer wieder ins Auge.
Abnehmer für Lobs gibt es in Dallas jede Menge - ein Relikt aus vergangenen Zeiten, als das Team noch um Doncic aufgebaut wurde. Flagg ist als Playmaker nicht Doncic, auch er liest das Spiel jedoch sehr gut und scheint hier noch Upside zu haben. Sofern er sein Ballhandling verbessert, was Stand jetzt als seine vielleicht größte Baustelle angesehen wird.
Kann das offensiv reichen?
Sicherlich würde Flagg in Dallas nicht mit einer Luka-artigen offensiven Verantwortung loslegen, dennoch könnte ihm das Team - insbesondere während Irving ausfällt - viele Touches geben, um seine Fähigkeiten als Creator zu testen. Was in Lineups mit ihm, Davis und einem Non-Shooting-Center nicht zwingend funktionieren müsste.
Aber natürlich könnten die Mavs auch um ihn herum noch feinjustieren. Ob Dallas mit Flagg noch immer an den zwei Bigs und P.J. Washington festhalten müsste, ist fraglich - mindestens einer aus diesem Trio könnte beispielsweise auch veräußert werden, um noch einen dynamischen Guard ins Team zu holen.
Stand jetzt würde dieses Team mit Flagg in jedem Fall etwas unbalanciert aussehen - mit viel Defense und Länge, aber zu wenig Qualität und Firepower im Backcourt. Wäre es mit den richtigen Moves dennoch möglich, dass die Mavs sich über Wasser halten, um dann bei Irvings etwaiger Rückkehr (gehofft wird auf Januar, was aber extrem schnell wäre) gefährlich zu werden?
Der Rettungsring
Das alles wird sich zeigen. Für den Moment ist lediglich eins so richtig klar: Dallas hat wieder Optionen, viel mehr als noch zu Beginn dieser Woche. Auf einmal hat diese Basketball-Stadt wieder Hoffnung; nachdem die Wings in der WNBA vergangenen Monat bereits College-Phänomen Paige Bueckers draften konnten, wurden nun auch die Mavs beschenkt.
"Für uns war das ein schwieriges Jahr, wie ihr alle wisst", sagte Ex-Mav Rolando Blackman, der das Team bei der Lottery repräsentierte, zu ESPN. "Aber das Wichtigste an dieser ganzen Angelegenheit ist es, dass wir jetzt eine Chance erhalten, um unsere Franchise weiter zu entwickeln."
In welche Richtung auch immer.
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