Am Samstagabend im Wembley-Stadion in London wird Daniel Dubois versuchen, etwas zu schaffen, was in 23 Kämpfen von der Weltelite des Boxens bislang nicht geschafft wurde: Den komplexen Stil und das außergewöhnliche Talent von Oleksandr Usyk zu entschlüsseln. Dabei stehen nicht nur Usyks WBA-, WBC- und WBO-Gürtel im Schwergewicht auf dem Spiel, sondern auch Dubois’ IBF-Titel. Der Rückkampf ist also ein Kampf um die unumstrittene Schwergewichtskrone.
Für den 27-jährigen Dubois ist die Aufgabe schon aus sportlicher Sicht gewaltig. Zumal er im ersten Aufeinandertreffen im August 2023 durch K.o. in der neunten Runde verlor. Und es wird noch schwieriger, wenn man bedenkt, dass Usyk bereits zwei Siege gegen die britischen Schwergewichts-Asse Tyson Fury und Anthony Joshua auf seinem Konto hat. Sollte er Dubois jetzt am Samstag erneut besiegen, würde er den nächsten britischen Kontrahenten wohl endgültig in diese Liste einreihen.
Doch Dubois schöpft aus einem Moment im ersten Kampf Hoffnung. Einem Moment und eine Schwäche, die für ihn beinahe alles verändert hätte: Usyks vermeintliche Anfälligkeit für Körpertreffer. Ungefähr 20 Sekunden nach Beginn der fünften Runde landete Dubois im August 2023 einen harten rechten Schlag genau auf Usyks Gürtellinie. Der Weltmeister krümmte sich sofort vor Schmerz, ging zu Boden und setzte sich auf die Knie.
Der Schlag landete an der Taille und an Usyks Hose. Und wurde als Tiefschlag gewertet. Der Ringrichter gewährte Usyk folglich und den Regeln entsprechend eine längere Erholungspause. Tatsächlich nahm sich Usyk ganze drei Minuten und 45 Sekunden Zeit, um sich von dem Treffer zu erholen. Es hätte auch der Moment sein können, der Dubois zum neuen Weltmeister hätte machen können. Usyks Legacy wäre im Keim erstickt worden.
"Ich finde, der Schlag war präzise", sagte Dubois kürzlich im Gespräch mit Carl Frampton auf DAZN über den Körpertreffer, der Usyk vor zwei Jahren zu Boden brachte, "wir haben diesen Schlag im Training immer wieder geübt, und wir haben ihn perfekt ausgeführt. Ja, ich habe das Gefühl, dass man mir da den Sieg gestohlen hat."
Wäre der Schlag als regulärer Knockdown gewertet worden, ist sich Dubois sicher, dass Usyk nicht rechtzeitig wieder aufgestanden wäre. Auf die Frage, ob Usyk eine Schwäche im Körperbereich habe, antwortete "Triple D": "Könnte sein. Ich glaube, er wurde schon ein paar Mal durch Körpertreffer zu Boden gebracht."
Dubois erkannte die potenzielle Schwachstelle und setzte in Runde fünf sowie in den folgenden beiden Runden weiter gezielt auf den Körper. Insbesondere in der siebten Runde sah es kurzzeitig so aus, als hätte er Usyk erneut spürbar verletzt. Trotz seiner wuchtigen Körpertreffer schaffte es Dubois nicht, Usyk entscheidend ins Wanken zu bringen. Was dem technisch brillanten Ukrainer genug Zeit ließ, seinen Boxstil durchzusetzen und letztlich innerhalb von neun Runden zu gewinnen.
Seit dieser Niederlage hat Dubois viel Selbstvertrauen gesammelt: Mit vorzeitigen Siegen gegen Jarrell Miller, Filip Hrgovic und Anthony Joshua, alle innerhalb von nur neun Monaten, hat sich Dubois zum IBF-Champion gekürt und eine Menge Ansehen gewonnen. Wenn es eine echte Schwäche bei Usyk gibt, dann könnte Dubois sie nun im Rückkampf konsequent ausnutzen.
Mindestens könnten die Körpertreffer Usyks flinke Beinarbeit bremsen. Im Idealfall aber bringen seine krachenden Schläge Usyk endgültig zu Boden – und ebnen Daniel Dubois den Weg zur Krönung als neuer unumstrittener König im Schwergewichtsboxen.