Herr Barisic, in den neun Bundesliga-Runden fielen 140 Tore, aber nur ein einziges davon aus einem direkten Freistoß. Haben Sie als ehemaliger Freistoßspezialist eine Erklärung dafür?
Ja, eine ganz einfache. Talent ist für einen guten Freistoßschützen die eine Seite, aber die noch viel wichtigere ist Übung. Beim direkten Freistoß geht es schlicht um die Wiederholungsanzahl. Dass es immer weniger Spezialisten gibt, ist für mich auch ein Zeichen dafür, dass Freistöße heute zu wenig trainiert werden. Das ist der logischste Grund. Wenn ich ein Freistoßspezialist werden will, muss ich mich alleine auf dem Platz hinstellen und einmal eine Methodik entwickeln. Und dann üben, üben, üben. Es gilt immer noch, was Antonin Panenka über seine Kunst gesagt hat: "Ich habe von jedem Fleck auf dem Platz tausende Male geschossen."
Und Panenka war ja Ihr Vorbild?
Den Antonin habe ich als Kind bei unzähligen Rapid-Trainings beobachtet, genau geschaut, wie er seine Freistöße trainiert. Herbert Gager, der ja auch ein exzellenter Freistoßschütze war, und ich haben das dann nachgestellt, haben nach dem Training noch so lange Freistöße geschossen, bis uns der Trainer oder der Platzwart in die Kabine gejagt hat.
Sie waren doch lange genug Rapid-Trainer, haben Sie nicht großen Wert auf das Freistoß-Training gelegt?
Doch, als Co-Trainer und Trainer habe ich das schon oft trainieren lassen. Steffen (Hofmann) ist ja auch nicht aus dem Boden gesprengt worden. Er hat geübt und geübt, und ist ein sehr guter Schütze geworden. Aber als Trainer musst du natürlich auch alle anderen Facetten des Spiels und der Standards trainieren.
Es gibt nicht über alle Ihre 30 Bundesliga-Tore Aufzeichnungen, aber gut die Hälfte sind als Freistoßtore belegbar. Würden Sie heute auch noch treffen?
Mit den körperlichen Voraussetzungen von damals glaube ich schon. Heute sind die Bälle allein vom Material her ja schon ganz anders konzipiert. Sie sind für den Schützen leichter zu kontrollieren, weil man nicht so viel Kraft aufwenden muss. Von daher glaube ich schon, dass ich auch heute noch Freistoßtore erzielen könnte. Obwohl ich keiner bin, der glaubt, dass früher alles besser war. Im Gegenteil. Die Torhüter sind heute sicher besser.
Vor wenigen Jahren hieß es, dass nur noch ein bis zwei Prozent der Bundesliga-Tore aus Freistößen fallen. Aktuell sind es 0,007 Prozent. Wird in den gefährlichen Zonen vielleicht heute auch weniger gefoult?
Mit Sicherheit. Die Spieler sind heute besser geschult, wissen genau, in welchen Zonen sie Fouls vermeiden müssen und wie sie das machen.
Dabei nimmt der Anteil an Standard-Toren tendenziell zu. Ist der direkte Freistoß gar schon der am wenigsten gefährliche Standard?
Standards sind auf jeden Fall eine Waffe. Ob Ecke oder Freistoß von der Seite - aber auch da gilt zuerst einmal, dass ich den Ball von fünf Mal mindestens drei Mal dort hinbringen muss, wo er hin soll. Das erfordert wieder Übung. Heute schaffen die Teams auch mit Outeinwürfen gefährliche Situationen. Wenn man schaut, wie oft diese Spielsituationen vorkommen, sind die nur seltenen direkten Freistöße vergleichsweise ungefährlicher.
Gibt es noch echte Spezialisten wie früher etwa Juninho Pernambucano von Lyon?
Ich würde meinen, sie sind weniger geworden. Juninho war einer, Sinisa Mihajlovic, Diego Maradona natürlich. Der - und da reden wir von einem wahren Genie - hat einmal gesagt, dass der direkte Freistoß überhaupt der genialste Spielzug im Fußball ist. Aber man muss dafür auch eine Liebe entwickeln.
Sehen Sie in Österreich einen Freistoß-Spezialisten? Kiteishvili müsste das doch können?
Kiteishvili, ja. Tomi Horvat ist sehr gut, auch Dejan Zukic hat einen guten Fuß. Sonst muss ich schon überlegen … in Salzburg wird's schon schwierig, wenn Kjaergaard nicht am Platz ist, wobei der auch selten über die Mauer schießt. Alleine die Tatsache, dass ich so lange überlegen muss, zeigt schon, dass die echten Spezialisten selten geworden sind. Früher gab es doch in fast jeder Mannschaft einen, vor dem die Trainer extra gewarnt haben. Metlitski, Anfang, Savicevic, …
„Ich war nur unter dem Radar, bewusst nicht im Licht der Öffentlichkeit. Aber jetzt hoffe ich wieder auf eine interessante Aufgabe, einen Klub, mit dem man etwas gewinnen kann oder bei dem ich etwas entwickeln kann.“ (Zoran Barisic)
Themenwechsel. Es ist bald zwei Jahre her, dass Sie bei Rapid gehen mussten. Seither hört man zwar immer wieder Ihren Namen, wenn Klubs auf Trainersuche sind, aber Verein hatten Sie seither keinen mehr. Warum?
Im letzten Jahr habe ich mich um andere Dinge kümmern müssen, jetzt ist es schon so, dass ich wieder etwas machen möchte. Ich bin auch viel im Ausland unterwegs, schaue mir Spiele an, auch die U-21-Länderspiele. Ich war nur unter dem Radar, bewusst nicht im Licht der Öffentlichkeit. Aber jetzt hoffe ich wieder auf eine interessante Aufgabe, einen Klub, mit dem man etwas gewinnen kann oder bei dem ich etwas entwickeln kann.
Apropos Entwickeln. In Ihrer Rapid-Zeit war das Entwickeln eigener Talente vorrangig. Vor zwei Jahren standen gegen Fiorentina elf Österreicher in der Startelf, nächste Woche vielleicht nur Torhüter Hedl. Wie gefällt Ihnen diese Entwicklung?
Jeder hat seine Strategie und Philosophie. Unsere war es, auf die Jungen aus der eigenen Akademie zu setzen. Man darf nicht vergessen, das war in der Pandemie, wo keiner wusste, wie es wirtschaftlich weiter geht. Da war es einmal wichtig, stabil aus der Krise zu kommen. Dann haben wir ohne Fremdkapital, nur aus dem Cashflow heraus, den Bau des Trainingszentrums gestemmt. Da haben wir natürlich darauf abgezielt, unsere Jungen zu entwickeln und damit auch Werte zu schaffen. Wir wollten auch einen spielerischen Spielstil entwickeln, was ja auch recht gut gelungen ist. Aber wenn die Resultate nicht mehr passen, wird das verständlicherweise in Frage gestellt. Auch mit dem neuen Präsidium ist es dann zu einem Strategiewechsel gekommen. Das ist auch okay, wenn es erfolgreich ist.
Am Sonntag treffen zwei Ihrer alten Weggefährten aufeinander - Rapid-Trainer Peter Stöger gegen LASK-Trainer Didi Kühbauer. Wie verfolgen Sie die beiden?
Sie sind sehr unterschiedliche Typen, aber sie sind beide Ikonen im österreichischen Fußball. Peter war im Offensivbereich mit seiner Technik und Schnelligkeit einzigartig. Aber das war auch der Didi, der das Spiel in beide Richtungen perfekt beherrscht hat. Peter hatte halt seine Emotionen immer besser im Griff. Aber sie sind beide erfolgreiche Trainer.
Aber auch diesbezüglich sehr ungleich. Kann man es darauf herunterbrechen, dass Kühbauer Fußball im Blut hat, während Stöger ihn im Kopf hat? Oder tut man Kühbauer damit unrecht?
Vielleicht tut man sogar beiden damit unrecht? (lacht) Didi ist ein sehr guter Trainer, das haben wir auch bei Rapid immer gewusst. Er hat einen Blick für Spieler, er weiß, wie er sie einsetzen muss und wie er sie behandeln muss. Didi verteilt keine Geschenke, bei ihm muss sich ein Spieler alles erarbeiten. Aber er weiß genau, welche Knöpfe er drücken muss, damit eine Mannschaft funktioniert. Ich freue mich auf das Spiel, sehe aber Rapid als Heimmannschaft gegen den LASK im Vorteil. Auch weil Didi noch nicht so lange dort ist.