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Bayers Mutmacher zur richtigen Zeit

kicker

Frust verspürten sie alle - der eine mehr, der andere etwas weniger. Nach leichtem Kontakt von Malik Tillman an Noni Madueke bekam der FC Arsenal kurz vor Schluss einen schmeichelhaften Strafstoß zugesprochen, nutzte ihn zum 1:1-Endstand. Hatte sich Bayers Kapitän Robert Andrich gleich nach Abpfiff im TV noch etwas defensiver geäußert, legte er sich später in der Mixed Zone fest: Tillman dürfe in dieser Szene zwar nicht zur Grätsche ansetzen, doch "für mich ist das gar kein Elfmeter". Ähnlich sahen es Coach Kasper Hjulmand und auch Simon Rolfes. "Früher hat man immer gesagt, eine Berührung reicht nicht für einen Elfmeter. Heute schauen wir nur, ob es eine Berührung gab. Für mich war das glasklar keiner", betonte der Geschäftsführer. Und man konnte den Ärger verstehen.

Aus einer guten bis sehr guten wurde durch den Pfiff des Schiedsrichters kurz vor Schluss nur noch eine solide Ausgangslage für das Achtelfinalrückspiel, das in London sicher zu einer immensen Herausforderung wird. Gerade, da die Gunners mutmaßlich nicht noch mal so lasch und träge agieren werden - im Anlaufen wie im eigenen Ballbesitz. Allein: Dass Bayer gegen den Premier-League-Tabellenführer überhaupt ein spannendes zweites Duell vor sich hat, Arsenal erstmals in dieser Champions-League-Saison keinen Sieg einfahren konnte, zu nur zwei Chancen kam und in der nächsten Woche als klarer Favorit nun unter Zugzwang ist - das durften sich alle Leverkusener Protagonisten trotz des späten Ausgleichs durchaus zufrieden vor Augen führen.

Rolfes lobt Bayer - und klingt ganz anders als im vergangenen Oktober

"Wir haben erwachsen gespielt, auch im Ballbesitz geguckt, dass wir nach guten Situationen nicht zu euphorisch und offen für Kontersituationen werden. Das ist häufig gegen solche Mannschaften der Fall. Dann denkst du, du kommst gut in Spiel, gibst dann aber Räume her. Wir hatten diesmal insgesamt eine gute Kompaktheit und die Ruhe, diese Stabilität nicht zu verlieren." So sagte es Rolfes, und man fühlte sich in diesem Moment unweigerlich an dessen Worte nach dem 2:7-Debakel gegen PSG erinnert. Seinerzeit, im vergangenen Oktober, hatte er bemängelt, wie wild und unorganisiert sich Bayer präsentiert habe. Davon konnte gegen Arsenal nun keine Rede sein, weshalb die Werkself drauf und dran war, den Favoriten mit einer Niederlage heimzuschicken.

Ein Mutmacher zur richtigen Zeit. Schließlich warten vor der Länderspielperiode noch drei wichtige Pflichtpartien: gegen den FC Bayern am kommenden Samstag, eben beim FC Arsenal und letztlich beim Tabellenletzten Heidenheim, wobei zuvorderst für die ersten beiden Top-Spiele nun eine gute Blaupause vorhanden ist.

Die Hjulmand-Elf zeigt, wie es gegen ein Weltklasse-Team funktionieren kann

Wie es in dieser Phase der Saison funktionieren kann gegen ein absolutes Weltklasse-Team, war jedenfalls ersichtlich: Erstens zeigte Bayer die von Rolfes thematisierte Ruhe. Zweitens agierte die Werkself flexibel. Im Arsenal-Aufbau verteidigte sie mit Viererreihe, im tiefen Block mit Fünferkette - und gestaltete ähnlich variabel den eigenen Ballvortrag, mal mit Vierer-, mal mit Dreieraufbau. Drittens waren Exequiel Palacios, Andrich und Co. präsent in den Duellen, standen zur Pause bei knapp 60 Prozent gewonnener Zweikämpfe. Und viertens suchte Hjulmands Team immer wieder geradlinig den Weg nach vorn, fahndete mal per Flachpass, mal per Flugball nach seinem eifrig arbeitenden Mittelstürmer Christian Kofane, der auch in den nächsten Duellen von Bedeutung werden dürfte.

Patrik Schick ist zwar zurück, stand gegen Arsenal nach muskulären Problemen wieder im Kader. Sollte Kofane über die dafür nötige Fitness verfügen und Hjulmand Schick den Bankplatz nahebringen können, dürfte der 19-jährige Shootingstar für die Top-Duelle gegen den FC Bayern und Arsenal aber erneut die erste Wahl sein. Geradlinigkeit, Tiefenläufe, Dynamik und Wucht - all das hat Kofane ja in seinem Portfolio. Und all das dürfte wichtig werden in diesen Partien, wenn Bayer nicht andauernd, sondern nur ab und an im gegnerischen Strafraum zu erwarten ist, wohl über weniger Ballbesitz verfügt - und vermehrt über das zügige Umschalten kommen muss.

Kofane überzeugt gegen Arsenal - und startet auch gegen Bayern?

Kofane ist dafür schlicht deutlich besser geeignet als sein 30-jähriger Sturmkollege Schick, der vor allem im Strafraum in seinem Element ist und als deutlich besserer Abschlussspieler wieder beim FCH reüssieren könnte. Zumindest in der Theorie. Abwarten, zu welchen Entschlüssen Hjulmand kommt. Wie Kofane Arsenals herausragendes Innenverteidiger-Duo Gabriel/William Saliba bearbeitete und immer wieder die Tiefe attackierte - das nötigt allerdings allen reichlich Respekt ab. "Er hat sie immer wieder vor große Probleme gestellt, hat dagegengehalten", lobte Rolfes und nannte Kofanes Leistung "wirklich großartig". Einzig einen Treffer oder eine noch entscheidendere Aktion konnte das Sturm-Talent nach zuletzt zwei Bundesliga-Toren nicht bejubeln.

Kofanes zwei Torschüsse blieben ungefährlich. Und nachdem er sich mal wieder durchgetankt hatte, verpasste auch Aleix Garcia per Distanzschuss das mögliche 2:0. Noch mehr aus den sich bietenden Szenen im letzten Drittel zu machen, sollte dementsprechend eine Aufgabe für die kommenden Spiele sein.

„Wir haben gesehen, dass wir Arsenal schlagen können.“ (Bayers Kapitän Robert Andrich nach dem 1:1 im Hinspiel)

Ebenso wie Arsenal sammelte die Werkself schlussendlich nur zwei Großchancen - einerseits war da Martin Terriers Kopfball (46.), andererseits Andrichs Kopfballtreffer nach einer Ecke (46.), die angesichts der Flanke und der Blockstellungen rund um den Fünfmeterraum verblüffende Ähnlichkeit zu Arsenals so gefürchteter Eckballpraktik aufwies. "Das war eine der Varianten“, freute sich Andrich hinterher und befand: "Der Ball ist perfekt, ich köpfe ihn auch gut ein. Man hat gesehen, dass sie hinten auch was zulassen." Beinahe also hätte Bayer die Gunners mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Schlussendlich gelang das nicht. Aber, sagte Andrich: "Wir haben gesehen, dass wir Arsenal schlagen können, dass wir Paroli bieten könnten."

Neben dem Elfmeterfrust machte sich demnach auch Zuversicht breit. Physisch wie psychisch schaue man nun, schnell wieder voll da zu sein. "Und dann", so Bayers Kapitän, "freuen wir uns auf Bayern und auf London." Nach den inkonstanten Auftritten in den vergangenen Wochen samt Verletzungssorgen und Müdigkeit war das nicht unbedingt zu erwarten. Nun plötzlich zu euphorisch zu werden, wäre falsch. Fakt ist aber: Gegen den FCB, gegen den es um wichtige Punkte für die infrage stehende Champions-League-Quali geht, und in London liegen Erfolge mit einer so wehrhaften, cleveren Leistung wie am Mittwoch zumindest im Bereich des Möglichen.