Aus Chicago berichtet Matthias Dersch
Später wird es am Donnerstag, ehe Nathaniel Brown zur Pressekonferenz erscheint. Eine knappe halbe Stunde müssen sich die Medienvertreter gedulden, bis die eigentlich für 14.30 Uhr (Ortszeit) angesetzte Digitalrunde beginnt. Dabei ist die Ungeduld an diesem Tag noch etwas größer, machten doch tagsüber Berichte von sky und Bild die Runde, wonach der Frankfurter sich mündlich bereits mit dem FC Bayern über einen Vertrag bis 2031 einig sei.
Lange Trainingseinheit in Chicago
Dass der 22-Jährige verspätet erscheint, hat allerdings nichts damit zu tun, dass er sich noch das richtige Wording zurechtlegen muss. Vielmehr hat der dichte Verkehr in Chicago, wo sich die deutsche Nationalmannschaft seit Dienstag auf die bevorstehende WM vorbereitet, den Plänen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dass Bundestrainer Julian Nagelsmann die Intensität der Vormittagseinheit erhöhte und länger trainieren ließ als bei der Auftakteinheit tags zuvor, tat sein Übriges dazu.
Frisch gestärkt und geduscht wird Brown dann aber natürlich gleich in der ersten Frage mit den Gerüchten um seine Zukunft konfrontiert. "Ich werde das nicht kommentieren. Ich konzentriere mich voll und ganz auf die WM", antwortet er - und wird diese Antwort in den nächsten Minuten noch zweimal wiederholen. Aus Browns Sicht ist das nur verständlich. Der hochtalentierte Linksverteidiger steht vor seiner ersten Weltmeisterschaft. Nach nur vier Länderspielen ist ihm der Sprung ins finale Aufgebot geglückt. Und im Zweikampf mit David Raum (Leipzig) stehen seine Chancen gar nicht schlecht, auch auf Spielzeit zu kommen.
Nagelsmanns Austausch mit Toppmöller
Denn anders als die meisten anderen Eintracht-Profis kam Brown überwiegend stabil durch die Saison. Die Irrungen und Wirrungen, Trainerwechsel und Spielertausche drückten seine Form nicht. Mit am Ende vier Toren und vier Assists spielte er offensiv eine wichtige Rolle für die Frankfurter, defensiv zählte er ebenfalls zu den Stützen. Das weckt Begehrlichkeiten. Bei anderen Klubs wie dem FC Bayern. Aber eben auch beim Bundestrainer, der sich für ihn und gegen Maximilian Mittelstädt (Stuttgart) entschied, der noch bei der EM vor zwei Jahren zum erweiterten Stammpersonal zählte.
"Dein ehemaliger Club-Trainer Dino Toppmöller hat mir vorgesagt, was du für ein wissbegieriger und lernwilliger Spieler bist. Und ich sage, ich kann es zu tausend Prozent bestätigen", sagte Nagelsmann zu Brown in dem offiziellen Video, das der DFB am Tag der Nominierung veröffentlichte. Zuletzt stellte ihn der Bundestrainer zweimal in die Startelf, beim 2:1 gegen Ghana im März ebenso wie am vergangenen Sonntag gegen Finnland (4:0). Am Samstag, im finalen WM-Test gegen die USA, könnte der nächste dazukommen.
Brown: "Die Vorfreude steigt von Tag zu Tag"
Es ist ein sehr wichtiges Spiel für uns. Danach wissen wir, wo wir stehen. Wir wollen es positiv gestalten“, sagt Brown. Die Bedingungen sind dabei gänzlich andere als gegen die Finnen in Mainz: Gespielt wird in Chicago zur Mittagszeit bei entsprechend hohen Temperaturen, der Gegner ist ein WM-Teilnehmer, der voll im Training ist, auch das Soldier Field genannte Stadion wird voll sein und einen ersten Vorgeschmack auf die WM-Atmosphäre bieten. "Die Vorfreude steigt von Tag zu Tag", sagt Brown, der die Zeit in Chicago nutzte, ein bisschen auf Erkundungstour zu gehen. Mit Lennart Karl und Aleksandar Pavlovic spazierte er durch die Straßen der US-Metropole.
Als Tourist allerdings will er die WM nicht gestalten. Sein Ehrgeiz ist groß, natürlich will er spielen. Dennoch verläuft der Konkurrenzkampf mit Raum sportlich wie menschlich fair. Eine klare Nummer 1 auf der Position gibt es aktuell nicht. Eine Art Job-Sharing gilt als das derzeit wahrscheinlichste Modell, je nachdem, was der Gegner fordert. Wobei Brown eher für spielerische Lösungen im Halbfeld steht, während Raums große Stärken die Flanken sind.
Raum und Brown: Zwei Konkurrenten, ein Ziel
"Wir verstehen uns gut. Er gibt mir viele Tipps", sagt Brown über seinen Konkurrenten, der ihm aufgrund der größeren Erfahrung als Ratgeber zur Seite steht. "Wir haben ein großes Ziel, da müssen wir unsere Egos hinten anstellen." Und die Reporter auf ihre Antworten zu Browns Zukunft warten.