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Der Fall Undav und der schmale Fuß der UEFA

kicker

"No to racism" heißt der Titel einer Kampagne, die die UEFA vor anderthalb Jahrzehnten ins Leben gerufen hatte mit dem Ziel, Diskriminierungen rund um das schöne Spiel den Kampf anzusagen. In dieser Tradition verlas auch am Donnerstag im Chobani Stadyumu Fenerbahce Sükrü Saracoglu ein Sprecher noch ein paar schöne Worte, wonach der Fußball allen Menschen offenstehen möge, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Fähigkeiten. FootbALL heißt diese neue Gleichstellungs-Aktion, die die UEFA seit 2023 fährt.

Die Eskalation bestärkt Undav in seiner Argumentation

Nun geht es auf dem Feld manchmal hitzig zu, keine Frage, und diskriminierende Beleidigungen bleiben leider nun einmal nicht immer aus. Schön ist das nicht, zu verhindern mutmaßlich auch nicht. Sich gegenseitig angefeindet wurde dann auch am Donnerstagabend beim 1:0-Sieg von Fenerbahce über den VfB Stuttgart, wo insbesondere Fener-Kapitän Ismail Yüksek und Deniz Undav aneinandergerieten.

Hintergrund sollen antikurdische Beleidigungen gegen den VfB-Angreifer sein. Von einem "neuen Höhepunkt" einer Hetzkampagne gegen den 29-Jährigen hatten die Informationsstelle Antikurdischer Rassismus (IAKR) und der Zentrale Menschenrechtsrat der Kurdinnen und Kurden in Deutschland (ZMRK) geschrieben. Undav sei demnach "seit Monaten gezielten rassistischen und ethnisch motivierten Anfeindungen ausgesetzt - insbesondere aus Teilen der türkischen Community und Fangemeinschaft". Der Streit mit Yüksek befeuert diese Entwicklung nun ganz offensichtlich heftig. Als kurdischer Jeside hatte Undav seine Entscheidung für den DFB und gegen die türkische Nationalelf einst wie folgt begründet: "Ich wusste, dass ich bei zwei, drei schlechten Spielen für die Türkei komplett durchbeleidigt worden wäre." Die Eskalation der Ereignisse, bestens dokumentiert in beleidigenden Social-Media-Ergüssen, bestärken Undav in seiner Argumentation.

Die UEFA verfährt nach dem Prinzip: Klappe zu, Affe tot

Am Freitag reagierte der VfB Stuttgart mit einem sehr allgemein gehaltenen Statement, wonach der Klub "Vielfalt, Toleranz, ein respektvolles Miteinander und Fairplay" toleriere und sich gegen "Rassismus, Extremismus, Diskriminierung und Ausgrenzung" stelle. Ohne allerdings konkret auf den Fall Undav einzugehen, um die im Netz ohnehin schon völlig aus dem Ruder gelaufene Debatte - oder besser: Hassrede - nicht noch weiter zu befeuern.

Die UEFA sieht aktuell keinen Anlass, Ermittlungen in der Sache aufzunehmen. Weder im Bericht von Schiedsrichter Jakob Kehlet noch in den Ausführungen des Matchdelegierten seien die Vorfälle erwähnt, was eine Verfolgung des Themas unmöglich mache, heißt es. Klappe zu, Affe tot. Schwer zu glauben, dass ein eigens abgesandter Spielbeobachter nichts von den Auseinandersetzungen mitbekommen haben will, zumal es ja mit den Gelben Karten für Undav und Yüksek in der Nachspielzeit sogar einen spielbezogenen Anlass gegeben hätte, einmal nachzuhorchen, was denn da so an Trashtalk ausgepackt worden war. Denn die Rechtspflegeordnung der UEFA erachtet neben der Einvernahme von Zeugen sogar Fernseh- und Videoaufzeichnungen als zulässige Beweismittel.

VfB will die Vorfälle nun gesammelt per Brief dokumentieren

Warum also macht sich die Konföderation einen schmalen Fuß? Nun, das mag praktische Hintergründe haben. Gut informierten Personen zufolge haben die in Nyon für Disziplinarverstöße zuständigen Menschen pro Saison mit einer fünfstelligen (!) Zahl an Verfahren in ihren Klubwettbewerben zu tun. Um bei dieser Menge eigene Beweiserhebungen, beispielsweise am TV-Bildschirm, durchzuführen, bräuchte es eine massive Aufstockung der Rechtsabteilung.

Allerdings hat der Verband auch schon bei entsprechend hohem öffentlichem Druck reagieren müssen. Wäre beispielsweise das Klub-Statement aus Stuttgart konkreter auf den Fall Undav bezogen geworden - was der Verein mit Verweis auf die Beruhigung der Debatte eben nicht tun wollte - hätte dies womöglich Ermittlungen in Gang gesetzt. Der Bundesligist will nun per Brief an die UEFA die Vorfälle gesammelt und konkret benennen.

Mindestens zehn Spiele Sperre sieht die Rechtspflegeordnung übrigens bei Rassismus und anderem diskriminierendem Verhalten vor. Wenn aber trotz konkreter Hinweise wie im Nachgang des Duells zwischen Fenerbahce und dem VfB keine Ermittlungen angestellt werden, erweckt das den Eindruck, dass es lediglich darum geht, Werte wie Gleichberechtigung wie eine Monstranz vor sich herzutragen - sie im Zweifel aber nicht proaktiv schützen zu wollen.