Auch Emerse Faé wollte es nicht ganz abstreiten - zumindest noch nicht. "Das kann nur die Zukunft zeigen", sagte der Trainer der Elfenbeinküste vor dem abschließenden Gruppenspiel beim Afrika-Cup gegen Gabun auf die Frage, ob seine Mannschaft zu abhängig von Flügelspieler Amad sei. Sowohl beim zähen 1:0-Auftaktsieg über Mosambik als auch beim 1:1 gegen Kamerun hat der 23-Jährige von Manchester United jeweils das Tor für die Ivorer erzielt.
"Wir schauen nicht darauf, wer trifft und wer für Tore sorgt", gibt Faé zwar zu Protokoll. "Das Wichtigste", betont er, "ist das Kollektiv, dass die Mannschaft defensiv stark ist und wir Tore schießen." Wobei man hier wiederum geneigt ist zu sagen: Im Vordergrund steht bei Faé erstgenanntes. Die Defensive bleibt das Prunkstück der Elfenbeinküste, die in der WM-Qualifikation kein einziges Gegentor zuließ. Tore schießen, das macht aber bislang in erster Linie Amad, auf dessen Konto die letzten drei ivorischen Pflichtspieltreffer gehen.
Das Problem der Elefanten ist durchaus augenfällig: Trotz der zweifellos vorhandenen Qualität fehlt es an Durchschlagskraft im vorderen Drittel. Bereits in der WM-Qualifikation biss sich die Elfenbeinküste gegen gut strukturierte Defensiven immer mal wieder die Zähne aus. Spielerische Lösungen gelingen nur selten, für Gefahr sorgten in den ersten beiden Afrika-Cup-Spielen hauptsächlich Einzelaktionen von Leipzigs Yan Diomande und eben Amad. Der Ausfall von Sebastien Haller im Sturmzentrum ist bislang nicht zu kompensieren - und erinnert an den Afrika-Cup 2024 im eigenen Land.
Auch damals fehlte den Ivorern in der Gruppenphase ein Spieler mit Präsenz in vorderster Front. Erst als der zuvor angeschlagene Haller in der K.-o.-Phase ins Spiel kam, hatte man einen Zielspieler, der mit seiner Physis auch Platz für die Ausnahmekönner um sich herum schuf - und der letztlich die entscheidenden Tore zum Titelgewinn erzielte.
Knapp zwei Jahre später ist ein solcher Spieler nicht in Sicht. Gegen Mosambik durfte sich noch der mittlerweile in die Jahre gekommene Wilfried Zaha in zentraler Rolle versuchen, gegen Kamerun fiel die Wahl dann auf Udine-Angreifer Vakoun Bayo, dem in der laufenden Serie-A-Saison noch kein einziges Tor gelang.
Aston Villas Evann Guessand könnte mit seiner Physis für die Rolle infrage kommen, er ist aber kein gelernter Mittelstürmer und läuft seiner Form seit seinem Sommerwechsel in die Premier League derart hinterher, dass ihn Faé erst nachnominierte, als Haller ausfiel.
"Wenn unsere Stürmer treffen, ist es umso besser, denn das stärkt ihr Selbstvertrauen", sagte Faé mit Blick auf Amad. Für ihn und auch Diomande mag das zutreffen. Den Mittelstürmer mit Selbstvertrauen muss er wohl erst noch finden.