Ob er den Stand der Entwicklung und die aktuelle tabellarische Lage vor der Saison so unterschrieben hätte, wurde Simon Rolfes nach dem 4:3 in Mainz gefragt, und Bayers Geschäftsführer musste zumindest kurz überlegen. Besser als Platz 5 könnte es durchaus sein, "aber punktemäßig sind wir gut unterwegs", sagte er dann. Und in der Tat, nach dem verkorksten Saisonstart samt der Entlassung von Erik ten Hag ist die Werkself mit dem nach wie vor ungeschlagenen Trainer Kasper Hjulmand und dem dritten Ligasieg in Folge weiterhin im Aufwärtstrend. Der Weg stimmt ganz offensichtlich - auch in puncto Spielvortrag. Wobei festzustellen ist: Bayer bewegt sich nicht mit ganz großen, kraftvollen, immerzu gänzlich überzeugenden Sprüngen, sondern kleinen Schritten nach vorn.
Torhüter Mark Flekken ordnete den insgesamt vierten Bundesliga-Sieg in dieser Spielzeit dann auch wohltuend ausgewogen ein. Denn einerseits rekapitulierte er: "Wir hätten viel mehr Tore machen können. Wir haben uns die Chancen rausgespielt, sind unserem Plan treu geblieben. Jetzt müssen wir aber noch lernen, den Sack zuzumachen." Und andererseits meinte er: "Du gehst hier dreimal mit zwei Toren in Führung ... Am Ende können wir froh sein, dass wir das Ding gewinnen." Für ihn gelte ohnehin: Wenn vorne keine fünf Tore fielen, "sondern drei und wir gewinnen 3:1, dann ist mir das auch recht". Nur kassierte die Werkself nicht einen Treffer, sondern gleich drei. Also sprach Flekken während seines dreiminütigen Mixed-Zone-Auftritts einmal von einer "durchwachsenen Leistung", einmal von einer "guten Leistung mit einigen Verbesserungspunkten". Und das traf es ganz gut.
Dominanz, Effizienz und Abwehrarbeit: Bayer zeigt Licht und Schatten
Bayer zeigte jedenfalls Licht, aber auch Schatten - mit und gegen den Ball. "Wir hatten Phasen, in denen wir richtig gut gespielt haben", sagte Rolfes. "In den ersten 30 Minuten waren wir sehr dominant, haben die Mainzer Aggressivität aus dem Spiel genommen durch gutes Positionsspiel." Einmal mehr rückte Alejandro Grimaldo dabei ins Zentrum, wandelte in den Halbräumen umher, mal links, mal rechts - und erwies sich nicht nur wegen seiner beiden Treffer als wichtiger Faktor. Jonas Hofmann, der zu zwei Assists kam bei seinem Startelf-Debüt 2025/26, war mit seiner Cleverness und seinem Verhalten zwischen den Linien in diesem Spiel zudem zweifelsfrei ein Gewinn im rechten Halbraum, während Ernest Poku links erneut mit seinem Tempo auf sich aufmerksam machte und beim 2:0 auch hervorragend ins Kurzpassspiel mit Arthur, Equi Fernandez und dem sehr fleißigen Torschützen Christian Kofane eingebunden war.
Doch Hjulmands Team hatte eben auch Phasen, in denen es nicht so umsichtig war, die Ruhe im eigenen Spiel verlor. Zudem verpasst es Bayer, mit weiteren Toren frühzeitig für klare Verhältnisse zu sorgen. Allein Youngster Kofane hatte noch mehrere gute Situationen (16., 23., 59.), blieb indes unpräzise. Und selbst als Martin Terrier in der 87. Minute zum 4:2 traf und sein Comeback nach seinem im Januar erlittenen Achillessehnenriss krönte, war die Partie noch nicht beendet, weil nachfolgend zu lasch, zu schlafmützig verteidigt wurde und das 4:3 fiel. Schon in der ersten Hälfte war zuweilen das Zentrum zu offen. Auch im Aufbau wurde da mal böse geschlampt, wie von Aleix Garcia vor Edmond Tapsobas Einsteigen gegen Paul Nebel, das eigentlich einen Elfmeter zur Folge hätte haben müssen. Kurzum: Einiges war gut bei diesem keineswegs simplen Auswärtsspiel, mit der Souveränität eines Top-Teams trat Bayer aber nicht auf.
Bayers Geschäftsführer Rolfes freut der "ganz gute Mix"
Dorthin muss sich die im Sommer stark umgebaute, verjüngte und von einigen verletzungsbedingten Absagen aktuell deutlich geschwächte Werkself, die in Mainz auf gleich mehrere wichtige Kräfte (Jarell Quansah, Axel Tape, Lucas Vazquez, Exequiel Palacios, Malik Tillman, Nathan Tella, Patrik Schick) verzichten musste, in nächster Zeit erst noch entwickeln, das scheint allen bewusst zu sein. Rolfes sagte: "Jetzt zieht sich die Tabelle etwas auseinander. Wichtig ist, dass wir oben mit dabei sind. In dieser Phase ist es wichtig, dass wir Punkte machen, unseren Spielstil mehr und mehr zeigen können, um dominanter und stabiler zu sein. Im Moment finden wir einen ganz guten Mix, um uns und unsere Identität mehr zu finden und gleichzeitig Punkte zu machen. Es ist ein bisschen ein Neuaufbau in dieser Saison, was aber ja nicht heißt, dass wir nicht oben mitmischen wollen", erklärte er.
„Wir haben viel zu verbessern, sind aber sehr, sehr froh über die drei Punkte.“ (Bayer-Trainer Kasper Hjulmand)
Und Flekken meinte: "Es dauert, bis alles perfekt läuft - wahrscheinlich läuft es auch nie ganz perfekt. Aber das Mindset ist da, die Arbeit im Training ist gut. Wenn wir jedes Mal so einen Schritt nach vorne machen, kann es noch eine spannende Saison für uns werden." Wohl wissend, dass nach limitierten Gegnern wie zuletzt Union (2:0) oder angeknockten Kontrahenten wie Mainz auch wieder Duelle kommen, die deutlich größere Herausforderungen beinhalten - etwa am Dienstag in der Champions-League gegen Titelträger PSG, gegen den mehr Effizienz und bessere Abwehrarbeit elementar sein dürfte. Hjulmand setzt auf den stückweisen Fortschritt. In Mainz sagte er: "Insgesamt sind wir sehr zufrieden. Wir haben viel zu verbessern, aber wir sind sehr, sehr froh über die drei Punkte."