Das Foto zeugt von Einheit. Es zeigt die aktuelle Führungsriege der TSG Hoffenheim. Für den e.V. den Interimspräsidenten Christoph Henssler und seinen Stellvertreter Frank Engelhardt, Kapitalgeber Dietmar Hopp und einen seiner langjährigen Wegbegleiter, den SAP-Aufsichtsrat Gerhard Oswald, sowie die beiden verbliebenen Geschäftsführer der Spielbetriebs-GmbH, Andreas Schicker (Sport) und Tim Jost (Marketing). Das Kommunique von Ende November, dem das Bild beigefügt war, verkündete die Botschaft: Der vom VfL Wolfsburg und RB Salzburg umworbene Schicker bleibt.
Nur das vorläufige Ende des Machtkampfs
Was hinter den Kulissen lange anders aussah. Henssler soll es am Ende gewesen sein, der Schicker den Weggang verwehrt hat. Der Österreicher und Hopp selbst, so heißt es, sollen sehr offen gewesen sein für einen Wechsel. Unabhängig vom sportlichen Erfolg ließen sich Schickers Gespräche mit der Konkurrenz ob des Führungschaos - (mittlerweile beigelegter) Rechtsstreit mit Spielerberater Roger Wittmann, Rücktritt von e.V.-Chef Jörg Albrecht, Abberufung der Geschäftsführerkollegen Dr. Markus Schütz und Frank Briel - nachvollziehen. Jenes Kommunique aus dem November jedenfalls war das vorläufige Ende eines Machtkampfs, der schon bald wieder entbrennen dürfte.
Denn Henssler, der nun interimistisch dem e.V. vorsitzt, sieht als Vertreter der Ultra-Szene wie diese die Nähe von Hopp zu Wittmann und dessen Agentur Rogon kritisch. Seit der Milliardär seine Stimmrechte im Zuge der 50+1-Rückkehr zurückgegeben hat, hat formal der e.V. das Sagen. Albrecht war von Hopps Gnaden ins Amt gekommen, ehe auch er - zumindest ein bisschen - aufbegehrte, die Sache aber nicht zuletzt krankheitsbedingt nicht durchhielt. Von Henssler kann man das nicht sagen, ihn wählte die organisierte Fanszene, nun folgte er Albrecht übergangsweise, ehe im Frühjahr eine erneute Vorstandswahl im e.V. ansteht.
Ging es um die Suche nach Gegenkandidaten?
In genau diese Gemengelage fällt nun plötzlich eine Datenpanne. "Nach aktuellem Kenntnisstand wurde die Mitgliederliste des Vereins unberechtigt im Vereinsumfeld weitergegeben. Die Umstände dieses Vorfalls werden derzeit im Rahmen einer laufenden Untersuchung aufgeklärt", teilten die Kraichgauer am Donnerstagmittag mit. Maßnahmen gegen den Missbrauch der Daten seien eingeleitet worden, ebenso eine Untersuchung mit Hilfe externer Rechtsberater. Zudem sei die Sache an den Landesdatenschutzbeauftragten von Baden-Württemberg gemeldet worden.
Doch was könnte dahinterstecken? Einfach nur ein argloses Versehen? Oder mehr? Nach kicker-Recherchen soll die Mitgliederliste von einer leitenden e.V.-Mitarbeiterin an einen leitenden GmbH-Mitarbeiter gereicht worden sein. Ob beide mittlerweile freigestellt worden seien, lassen e.V. und GmbH auf Nachfrage offen. Der ganze Vorgang erweckt den Eindruck, als sei es darum gegangen, nach passenden Kandidaten für die Vorstandswahlen gegen den - siehe oben - machtbewussten Henssler zu suchen.
Auch Henssler soll aktuell nicht wählbar sein
Denn vor Albrecht war es in der Regel so, dass die Vereinsbosse in Hoffenheim Hopp nahestanden und im Zweifel sich seinem Willen niemals verweigert hätten. Es ist nicht ganz so trivial, bei der TSG für ein Wahlamt zu kandidieren. Um in Hoffenheim wählbar zu sein, muss man aufgrund einer Änderung bei der letzten Mitgliederversammlung - übrigens nach Hensslers Wahl zum damals 2. Vorstand - drei Jahre Mitglied sein. Eine Vorgabe, die auch Henssler aktuell nicht erfüllen soll, weswegen es für seine Wiederwahl eine erneute Satzungsänderung bräuchte.
Es geht aktuell um nichts weniger als die Macht im Kraichgau: Bleibt sie im Sinne von 50+1 in der Hand eines eigenständigen e.V., oder kehrt sie zu Geldgeber Hopp zurück? Was ein durchaus legitimer Wunsch des 85-Jährigen und seines Umfelds wäre angesichts seiner millionenschweren Investitionen in den Profifußball in Hoffenheim.
Beim VfB wurde aus dem Skandal ein Machtkampf
Dass ein solcher Datenvorwurf nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist, zeigt das Beispiel VfB Stuttgart. Dort hatte der kicker 2020 die unrechtmäßige Weitergabe von Mitgliederdaten an eine externe PR-Agentur enthüllt, die im Vorfeld der Ausgliederung 2017 Stimmung machte. Es entsponn sich ein monatelanger Machtkampf, die Sache kostete zwei Vorstände und zwei leitende Mitarbeiter den Job, einiges an Abfindungen und Rechtsfolgekosten sowie ein Bußgeld des Landesdatenschutzes in Höhe von 300.000 Euro. Was glimpflich klingt, aber auch der Sachlage geschuldet war, dass der Stuttgarter Verstoß vor Einführung der neuen Datenschutzgrundverordnung anno 2018 stattfand - die nun ein deutlich schärferes Schwert darstellt als die Vorgängerordnung.