Er ist nirgends im Amt und dennoch viel unterwegs. Am Freitag in der 2. Liga bei Hannover gegen Karlsruhe (3:0), einen Tag später bei Magdeburg gegen Nürnberg (3:0). Alexander Kiene (47) bereitet sich auf seine nächste Aufgabe vor. Wo die liegt? Offen. Der Trainer könnte künftig auch als Sportdirektor arbeiten. Im Interview blickt er zurück auf seinen Karriereweg und voraus auf das, worauf er sich derzeit vorbereitet.
Seit Ihrem Aus bei Hessen Kassel vor rund einem Jahr sind Sie ohne Verein. Herr Kiene, was dauert da so lange?
Ich habe mir bewusst die Zeit genommen. Zum einen, um die intensive Station in Kassel zu reflektieren. Zum anderen war die Familie dran. Die letzten Jahre war ich viel unterwegs, habe 2019 den Fußball-Lehrer gemacht, war in Oldenburg, in Österreich, in Kassel. Jetzt mal mehr für die Familie da zu sein, war wichtig.
Ganz raus aus dem Fußball waren Sie dennoch nicht.
Nein, im Gegenteil. Ich bin viel als Experte tätig, unter anderem in einer regelmäßigen Talkrunde und einem Podcast zu Hannover 96 und der 2. Liga, gelegentlich auch bei Magenta Sport für die 3. Liga. Und ich habe mich weitergebildet. Ich habe das HPSI-Zertifikat bei Bernhard Peters erworben, zudem die CAS-Sportmanagement-Weiterbildung in St. Gallen absolviert. Außerdem war ich viel in Stadien unterwegs, habe mich mit Kollegen und Protagonisten aus dem Fußball ausgetauscht. Ich war also nie weg, nur eben nicht an der Seitenlinie.
Sehen Sie sich künftig eher als Trainer oder als Sportdirektor?
Beides ist denkbar. Die letzten 20 Jahre war ich natürlich hauptsächlich als Trainer unterwegs. Gleichzeitig habe ich aber auch Erfahrungen im Scouting und in Management-Themen gesammelt. Rollen als Sportlicher Leiter oder Technischer Direktor passen zu meinem Profil, genauso wie die Trainerbank.
„Ich bin heute ganz sicher ein besserer Trainer als noch vor zehn Jahren.“ (Alexander Kiene)
Sie mussten verletzungsbedingt früh Ihre aktive Karriere beenden, haben keine Profi-Vergangenheit. Macht es das komplizierter, als Trainer ganz nach oben zu kommen?
Es ist einfach ein anderer Weg. Ich habe nur bis zur 4. Liga gespielt und musste mir alles in der Trainerkarriere über Ehrgeiz, Akribie und Leidenschaft erarbeiten. Angefangen beim DFB-Stützpunkt über untere Ligen. Aufstiege, Klassenerhalte, Auslandserfahrung. Ich bin heute ganz sicher ein besserer Trainer als noch vor zehn Jahren. Aber um ganz oben anzukommen, brauchst du neben Fachlichkeit und Erfolg auch ein bisschen Glück und vor allem Klubs, die dir vertrauen.
Haben Sie in den vergangenen Monaten Anfragen abgelehnt?
Ehrlich gesagt: einige.
Weil es nicht gepasst hat?
Genau. Wenn ich ein Projekt annehme, will ich etwas gestalten: eine Strategie entwickeln, eine Mannschaft formen, Spieler besser machen. Wenn ich die Voraussetzungen dazu gegeben sehe, mache ich es. Meine Erkenntnis ist: Nicht jeder Klub passt zu einem. Und ich muss nicht aus Zwang heraus entscheiden.
Hilft da der Lehrerberuf, den Sie erlernt haben?
Ja, sehr. Ich hatte nie den Druck, etwas nur aus wirtschaftlichen Gründen machen zu müssen. Mein Standbein als Lehrer gibt mir Sicherheit. Aber: Fußball ist meine absolute Leidenschaft. Ich möchte sportliche Herausforderungen, die mich packen.
Was hat Sie in den Jahren am meisten geprägt?
Ich hatte das Glück, im Zuge meiner Ausbildung bei vielen unterschiedlichen Klubs und in unterschiedliche Bereiche hineinschnuppern zu können. Meine Zeit bei Werder Bremen im Trainerteam von Florian Kohfeldt war enorm lehrreich, dazu war ich in England bei Huddersfield und Barnsley, bei Vitesse Arnheim in den Niederlanden, bei Clermont in Frankreich, zuletzt in Belgien. Da siehst du unterschiedliche Kulturen, Trainingssteuerungen, Spiel- und Führungsstile. Das hat meinen Blick geweitet, und vieles davon fließt heute in meine Arbeit ein.
Gibt es ein Trainer-Vorbild für Sie?
Ja: Ralf Rangnick.
Warum er?
Zum einen wegen des pädagogischen Hintergrunds, er hat auch Lehramt studiert, sogar mit ähnlichen Fächern. Ich bin Lehrer für Sport, Englisch und Französisch. Zum anderen sein Weg: Trainer, Sportdirektor, Nationaltrainer, immer strategisch denkend, immer identitätsstiftend für Klubs und Verbände.
Sie haben Ihre Zeit in Österreich bereits angesprochen, 2020 waren Sie ein Jahr lang bei Austria Lustenau. Wie kam es zu dieser Station?
Lustenau gehört zu einem Verbund von Klubs, der von einem Schweizer Investor geführt wird. Die Verantwortlichen haben meinen aufstrebenden Weg in Deutschland verfolgt, der passte zu ihrem Modell: Talente entwickeln, Wert steigern, Strukturen weiterbringen. Ich hatte dort U- und A-Nationalspieler aus verschiedenen Ländern, es war ein sehr internationales und spannendes Projekt.
„Ich würde eine viergleisige Regionalliga plus eine eigenständige U-21-Liga der Profiklubs bevorzugen.“ (Alexander Kiene)
Hauptsächlich haben Sie bislang in der Regionalliga gearbeitet. Muss sich an der Aufstiegsregel etwas ändern, da nicht jeder Meister automatisch in die 3. Liga hochgeht?
Aus meiner Sicht ganz klar, ja. Ein Meister muss aufsteigen. Die aktuelle Praxis halte ich für falsch. Wenn du am Ende einer Saison Erster wirst, musst du auch in die höhere Liga.
Wie könnte eine Lösung aussehen?
Ich würde eine viergleisige Regionalliga plus eine eigenständige U-21-Liga der Profiklubs bevorzugen. Nimmst du diese Teams raus, regelt sich das Problem mit den vier statt fünf Regionalligen. Gleichzeitig schaffst du einen besseren Übergangsbereich für Talente.
Haben Sie es gemocht oder gehasst, gegen Zweitvertretungen der Profiklubs zu spielen?
Beides ein Stück weit. Du weißt als Trainer nie genau, wer von oben runterkommt. Ich habe zum Beispiel mal in Wolfsburg plötzlich gegen fünf Bundesligaspieler in der U 23 gespielt. Da waren Namen wie Daniel Ginczek und Xaver Schlager dabei. Mit Havelse und Rehden haben wir aber auch einige U-Teams geschlagen.
Warum sehen Sie diese in einer eigenen Liga besser aufgehoben?
Dort können Spieler zwischen 18 und 21 nochmal gezielt begleitet und weiterentwickelt werden. Viele sind in diesem Alter noch nicht fertig, weder körperlich noch mental. Der Übergangsbereich ist für mich in der Individualisierung und Spezialisierung wichtig. Ich habe zuletzt auch mit Per Mertesacker darüber gesprochen. Er hat als Akademie-Leiter von Arsenal berichtet, wie gut das da funktioniert, Spieler von unten durchzuschieben, auch mal 16- oder 17-Jährige in die U 21 reinzuwerfen.
In Havelse haben Sie den 19-jährigen Deniz Undav trainiert. Wie war er?
Er war ein Instinktfußballer, so wie heute.
Wie sind die Erinnerungen?
Er hat sich extrem clever in den Räumen bewegt, war torgefährlich und konnte Mitspieler einsetzen. Kein klassischer Strafraum-Neuner, eher ein spielstarker Stürmer. Wir haben viel an seiner Professionalität und seinem Mindset gearbeitet. Er war sehr beliebt in der Mannschaft, ein charismatischer Typ. Und er hat geliefert: Tore, Torbeteiligungen - dadurch kam sein erster Profivertrag zustande.
Hat Sie sein Weg überrascht?
Nein. Die Art von Toren, die er heute macht, hat er auch damals schon gemacht, nur vor weniger Zuschauern (lacht). Das Talent war klar erkennbar. Was dazugekommen ist: Reife, Professionalität, das richtige Umfeld. Deshalb freue ich mich extrem für ihn.
Haben Sie noch Kontakt zu ihm?
Im Moment nicht, zwischendurch aber immer mal wieder. Grundsätzlich versuche ich, den Draht zu vielen ehemaligen Spielern zu halten. Die Zusammenarbeit im Klub endet irgendwann, die Beziehungsebene nicht.
Undav in Havelse, Gladbachs Haris Tabakovic in Lustenau, Niclas Füllkrug früher am DFB-Stützpunkt: Sind Sie ein Stürmerentwickler?
Zumindest gibt es ein paar Beispiele (lacht). Es haben sich aber auch Spieler aus anderen Mannschaftsteilen gut entwickelt und Karriere gemacht. Ich sehe mich auch als Menschenentwickler. Es geht um die Persönlichkeit und das Sportliche gleichermaßen. Mein Lehrer-Background hilft mir da enorm: pädagogisch, kommunikativ, gerade im Umgang mit jungen Spielern.
Da Sie aktuell mehr als Experte statt als Trainer arbeiten, geben Sie bitte ein paar Einschätzungen ab: Wechselt Niclas Füllkrug im Winter von West Ham United zurück in die Bundesliga?
Ich halte das für sinnvoll - und auch für wahrscheinlich. Für seine Nationalmannschaftsambitionen, für seinen Rhythmus, seine Spielpraxis ist die Bundesliga die beste Bühne. Und ich bin sicher, dass einige Klubs ihn wegen seiner Erfahrung, Torgefährlichkeit und Persönlichkeit auf dem Zettel haben.
Fahren Undav und Füllkrug gemeinsam zur WM in die USA?
Ich sage ja. Sie sind unterschiedliche Stürmertypen, ergänzen sich gut und können beide einer Mannschaft viel geben, fußballerisch und mit ihrer Art auf und neben dem Spielfeld.
Sie leben in Hannover und beschäftigen sich intensiv mit 96. Steigt der Klub auf?
Wenn 96 die Balance zwischen offensiver Wucht und defensiver Stabilität hinbekommt, dann ja. Die individuelle Qualität im Kader ist sehr hoch, vor allem in der Breite. Das ist über eine lange Saison ein großer Trumpf. Ich bin ein großer Fan davon, wie Christian Titz Fußball spielen lässt. Ich wünsche Hannover, dass diese Spielweise am Ende mit dem Aufstieg belohnt wird. Diese Stadt und dieser Verein gehören in die Bundesliga.
Wann sehen wir Sie wieder an der Seitenlinie oder in anderer sportlicher Verantwortung?
Sobald eine Aufgabe kommt, bei der ich das Gefühl habe, dass ich etwas gestalten, einem Klub eine Identität geben, eine Mannschaft und deren Spieler formen und den Verein auf das nächste Level bringen kann.