Es ist schon frappant. Schaut man oberflächlich auf die Formkurve der Wiener Austria, muss man fast unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass die Fans einfach recht hatten. Nach dem Aus im Europacup, der Cup-Pleite gegen Voitsberg und dem Fehlstart in die Meisterschaft hatten sie am 24. August schon während der 1:3-Heimniederlage gegen Hartberg mit aller Vehemenz den Rücktritt von Sport-Vorstand Jürgen Werner gefordert.
Drei Tage später tat ihnen der Investor den Gefallen. Seither läuft es bei den Violetten. Die Austria feierte vier Siege in Folge, Derby-Erfolg gegen die bis dahin in der Liga unbesiegten Rapidler inklusive. Dass es so einfach ist, werden vermutlich nicht einmal die lautstärksten Werner-Gegner glauben. Was aber sind die Faktoren für den Umschwung?
Der Trainer
Vor einem Monat, vor dem knappen Heimsieg gegen den SCR Altach, war Stephan Helm in diversen Fankreisen unten durch, eine Tageszeitung vermeldete sogar schon seine Entlassung. Dennoch hat der Burgenländer Ruhe bewahrt, weiterhin auf das Fundament seiner Arbeit vertraut und mit einigen Adaptionen sein System wieder zum Funktionieren gebracht.
"Jede Kaderzusammenstellung", führte der Austria-Trainer bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Blau-Weiß Linz aus "gibt dir Potenziale. Letzte Saison haben wir mit Fitzi, Nik (Prelec) und Maurice (Malone) ganz spezielle Spielertypen gehabt und es hat prima geklappt. Jetzt haben wir andere Spielertypen mit anderen Potenzialen. Dementsprechend haben wir unser Spiel um einen Ticken verändert. Das ist auch gut so, weil man damit weniger ausrechenbar wird. Aber wir haben wieder große Potenziale - und die schöpfen wir jetzt immer mehr aus."
Dass Helm weiß, diese Potenziale bestmöglich einzusetzen, hat er beim Derby-Sieg demonstriert. Schonungslos nutzten die Violetten die Schwächen des Erzrivalen im Zentrum aus. Helm: "Diese Räume waren in den Spielen davor auch schon da. Rapid hat gegen uns nicht viel anders gespielt als vorher. Aber wir waren darauf vorbereitet und haben gewusst, wie wir das ausnützen können. Das hätten die Gegner davor auch schon machen können."
Das Teamgefüge
Schon in der Vorsaison, als die Austria entgegen jede Erwartung bis zum Schluss um den Meistertitel mitspielte, war das funktionierende Teamgefüge eine ihrer größten Stärken. Nach einigen Wacklern zu Saisonbeginn, die nicht zuletzt auf die Kaderveränderungen zurückzuführen waren, hat sich die Mannschaft wieder gefunden. Wichtigster Baustein auf dem Weg dorthin war der 3:2-Sieg gegen Ried nach 0:2-Rückstand.
Für diesen Prozess unverzichtbar ist immer noch Kapitän Manfred Fischer, der (anders als etwa Seidl bei Rapid) auch im persönlichen Formtief das Herz der Mannschaft blieb. Von den eigenen Fans schon ausgebuht, hat er sich dank seiner unbestreitbaren Tugenden mit dem Siegestor gegen Ried belohnt und damit sich und die Mannschaft aus dem Sumpf gezogen. Wer das Video seiner Ansprache nach dem Derby gesehen hat, kann ermessen, dass es dabei um mehr geht als nur Kabinen-Party.
Die Jungen
Einer der Vorwürfe an Jürgen Werner war, dass er sein bei Amtsantritt selbstausgerufenes Ziel, mit Spielern aus der eigenen Akademie reüssieren zu wollen, über Bord geworfen hat. Tatsächlich stand in den neun Spielen vor seinem Rücktritt nicht einmal einer der Jungen in der Startelf. In den vier Spielen danach waren Sanel Saljic und Dejan Radonjic aus der ersten Elf nicht wegzudenken. Mit Pazourek und Maybach kommen zwei weitere Nachwuchshoffnungen vermehrt zu Einsätzen. Nach den Sperren von Wiesinger und Barry sind für das Spiel gegen BW Linz auch "Iffi" Ndukwe (17) und Aleksa Ilic (20) Optionen.
Der Trend zur Jugend ist aber nicht zwingend auf den Werner-Abgang zurückzuführen, eher auf die Abgänge von Fitz und Malone bzw. die Ausfälle von Lee, Handl und Plavotic. Helm nennt einen anderen Grund, warum er sie plötzlich forciert hat: "Weil sie bereit waren, sich im Training aufgedrängt haben. Ich hätte statt Saljic ja auch auf Sarkaria setzen können". Im Frühjahr hätte das noch anders ausgesehen, da hat sich der Austria-Trainer bei der (Wechsel-)Frage "routinierter Potzmann oder junger Maybach?" aufgrund der Trainingsleistungen noch für Ersteren entscheiden müssen. "Aber jetzt hat Philipp auch in engen Partien schon gezeigt, dass man sich auf ihn verlassen kann."
Freilich würde es um die Jungen auch jetzt noch anders stehen, wenn Jürgen Werner alle seine Transferpläne umsetzen hätte können. Den fast schon perfekten 1,5-Millionen-Transfer des nunmehrigen Düsseldorfers Anouar El Azzouzi hat im letzten Moment der Aufsichtsrat mit knapper Mehrheit abgedreht. Der Zuwachs, den die LASK-Fraktion mit Max Ullmann bekommen hätte, wäre nicht der letzte geblieben. Und so hat man es bei der Austria derzeit gar nicht eilig, einen neuen Sport-Vorstand zu bestellen.
Einen Sportdirektor gibt es mit Manuel Ortlechner ohnehin, da kann man ein Vorstandsgehalt gerne einsparen. Zumal mit der Bestellung eines Werner-Nachfolgers aufgrund des pikanten Vorschlagsrechts des Investors (und der einmaligen Ablehnungsoption der Austria) ohnehin neues Ungemach vorprogrammiert wäre.