Kaua Santos zählte zu den großen Entdeckungen der vergangenen Saison. Zweimal vertrat er über Wochen den verletzten langjährigen Stammtorhüter Kevin Trapp. Dabei wandelte Kaua Santos zwischen den Extremen: Genie und Wahnsinn. Famose Leistungen bei Besiktas (3:1), in Tottenham (1:1) und Bochum (3:1) ließen das riesige Talent erkennen.
Wenn er sich mit seinen stattlichen 1,96 Metern groß macht, wirkt das Tor plötzlich ganz klein. Im April schrieb der kicker: "Mit seinen Händen, groß wie Pizzateller, fängt der Brasilianer Bälle scheinbar mühelos aus der Luft." Patzer gegen Pilsen (3:3), vor allem aber der Slapstick-Auftritt gegen Mainz (1:3) verdeutlichten aber auch, dass der 22-Jährige noch reifen muss.
Ein verhängnisvoller Abend
Der rasante Aufstieg des Brasilianers endete jäh, als er im Europa-League-Heimspiel gegen Tottenham (0:1) mit einer Kamikaze-Aktion den spielentscheidenden Strafstoß verursachte und sich dabei das hintere Kreuzband im rechten Knie riss. Kaua Santos verzichtete auf eine Operation und kehrte am 21. September im Heimspiel gegen Union Berlin (3:4), nur fünf Monate nach jenem verhängnisvollen Abend, zwischen die Pfosten zurück.
Der im Sommer aus Bremen verpflichtete Michael Zetterer, bis dahin ein souveräner Rückhalt, verlor seinen Platz. Bitter für Kaua Santos: In den vier Pflichtspielen seit seinem Comeback musste er 16-mal den Ball aus dem eigenen Netz fischen. Eindeutig auf seine Kappe ging zwar lediglich das vierte Gegentor beim 6:4-Sieg in Gladbach, Sicherheit strahlte er in den vergangenen Wochen aber auch sonst nicht aus.
Sportdirektor Timmo Hardung nimmt den jungen Keeper in Schutz: "Trotz der hohen Anzahl an Gegentoren kann man ihm wenig vorwerfen. Er trainiert gut und hart, wir vertrauen ihm." Einen abermaligen Wechsel im Tor soll es nicht geben. Zetterer muss sich mit der von vornherein besprochenen Rolle als Nummer 2 hinter Kaua Santos begnügen.
Neue Rolle als klare Nummer 1
Der kommende Gegner SC Freiburg ist ein gutes Beispiel dafür, dass es sich lohnen kann, Geduld mit jungen Torhütern zu haben. Noah Atubolu (23) zählt nach anfänglichen Patzern mittlerweile zu den besten Torhütern der Liga.
Bereits im Sommer formulierte Kaua Santos das ambitionierte Ziel, der beste Torwart der Welt zu werden - und setzte sich damit selbst öffentlich unter Druck. Jetzt ist er erstmals nicht mehr in der Rolle des Herausforderers, sondern die Nummer 1.
Die nächsten Spiele werden zeigen, ob er dieser Aufgabe gewachsen ist. Findet er die richtige Balance bei der Risikoabwägung im Herauslaufen? Schafft er es, individuelle Fehler zu minimieren? Oder stellt sich die Torwart-Frage bald doch noch einmal neu? Denn eines ist klar: Auch im Tor muss das Leistungsprinzip uneingeschränkt gelten.