Auch über seine sportlichen Titel hinaus mit Auszeichnungen bedacht zu werden, ist Jürgen Klopp gewohnt: von der Ernennung zum "Brillenträger des Jahres" (2008) bis zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes (2024). Im gut einstündigen Gespräch mit dem kicker wird deutlich: Der Walther-Bensemann-Preis, den Klopp am Freitag in Nürnberg entgegennehmen wird, besitzt für ihn einen besonderen Stellenwert. Und: Die Jury lag mit ihrer Entscheidung für diesen "Brückenbauer des Fußballs" offenbar goldrichtig.
Herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung mit dem Walther-Bensemann-Preis, Herr Klopp. Was bedeutet Ihnen diese Würdigung?
Allein wenn man sieht, wer den Preis vor mir schon bekommen hat, ist das natürlich eine Ehre, die ich sehr gerne annehme. Zugleich sind solche persönlichen Auszeichnungen nichts, was mein Leben verändern würde. Ich habe mir ja keine Mühe gegeben, den Bensemann-Preis zu gewinnen. Sondern ich habe die Dinge, die mit meinem Job zusammenhängen, immer so gemacht, wie ich sie für richtig gehalten habe. Einfach aus dem Verständnis heraus, das sich seit meiner Kindheit entwickelt hat.
Wie sah diese Entwicklung aus?
Der Fußball, also das Spiel an sich, hat mich mein Leben lang beschäftigt. Solange ich denken kann, habe ich das Spiel geliebt und den Effekt, den es als Gemeinschaftserlebnis hatte. Zunächst im ganz kleinen Kreis in meinem Heimatort mit seinen 1200 Einwohnern. Mit den Jungs, die Freunde fürs Leben wurden, auch wenn man sich nicht mehr so häufig trifft. Wenn die 1. Mannschaft des SV Glatten sonntags gespielt hat, dann hing samstags in einem Schaukasten im Ortskern die Aufstellung. Da bin ich hingelaufen und habe geguckt: Wer spielt morgen? Weil mich nichts mehr interessiert hat als unsere 1. Mannschaft. Aus meiner damaligen Sicht waren das ganz, ganz großartige Kicker - und einige davon waren es bestimmt auch tatsächlich. Wobei ich das 51 Jahre später nicht mehr so ganz genau weiß (lacht).
Hatte diese Zeit dann tatsächlich Einfluss auf ihre Weltkarriere?
In dieser Zeit wurzelt sicher, was der Fußball generell für mich bedeutet. Deshalb habe ich meine Rolle immer so interpretiert, dass ich jetzt eben einer derjenigen war, die dafür sorgen sollen, dass die Leute weiterhin diesen Spaß am Spiel haben, den ich als Junge hatte. Es haben sich also einfach nur die Rollen für mich verändert.
„Als ich Trainer werden durfte, waren diese Limits plötzlich weg.“ (Jürgen Klopp)
Aber persönlicher Ehrgeiz muss doch auch mitgespielt haben.
Natürlich wollte ich so gut spielen können wie irgend möglich und habe dabei irgendwann körperliche Limits registriert. Also: Was im Kopf war, ist nicht auf dem Platz herausgekommen. Dann kam dieser große Moment, in dem ich Trainer werden durfte. Da waren diese Limits plötzlich weg, und ich konnte noch viel mehr Einfluss nehmen. Trotzdem habe ich es immer so verstanden, dass wir nur deshalb da sind, weil es den Leuten so einen Riesenspaß macht und es die Leute so verbindet. Wenn ich dafür jetzt tatsächlich einen Preis bekomme, dann nehme ich den sehr gerne an, gar keine Frage.
Was verbinden Sie konkret mit kicker-Gründer Walther Bensemann?
Neben dem Preis in erster Linie, dass er den kicker gegründet hat (lacht). Den lese ich tatsächlich, seit ich lesen kann. Seit Urzeiten in Papierform und inzwischen vermehrt online. Ich habe sogar das kicker+-Abo, mit dem ich alle Inhalte abrufen kann. Als Zweitligaspieler hat man natürlich immer ganz besonders auf die Noten geschaut. Rainer Holzschuh war für mich jahrzehntelang das Gesicht und die Persönlichkeit, die für den kicker und seine Ausrichtung stand. Der kicker hat mich also mein Leben lang begleitet, und ihr müsst euch keine Sorgen machen, dass ich euch irgendwann nicht mehr lese. Ich bin ja sozusagen ein Fußballpurist. In dieser Hinsicht war der kicker für mich immer ein Anker, und ich sage das bei dieser Gelegenheit ganz gerne mal: Ihr macht einen sehr guten Job in einem nicht ganz so einfachen Umfeld, in dem man die Leute gut kennen und trotzdem unabhängig berichten muss. Auch weil ihr bei aller Kritik nicht in den Krümeln sucht und euch nicht vereinnahmen lasst von den bunten, schrillen Begleiterscheinungen.
Vielen Dank, das nehmen wir stellvertretend für die Redaktion natürlich sehr gerne entgegen. Aber zurück zu Ihnen: Am Rosenmontag 2001 wurden Sie in Mainz vom Spieler zum Cheftrainer. Das Team steckte ganz tief im Abstiegskampf.
Nur deshalb durfte ich mich ja damals überhaupt als Trainer versuchen. Und natürlich konnte ich mir da noch nicht so viele Gedanken machen, was die Leute von unserer Art des Fußballs halten. Da ging es nur um Ergebnisse. Als wir die eingefahren haben, ließ sich aber relativ zügig feststellen, dass sich auch die Stimmung in der Stadt verändert hat. Da habe ich schon registriert: Das Gefühl rund um eine erfolgreiche Fußballmannschaft kann auch die Atmosphäre in einer ganzen Stadt positiv beeinflussen.
Nach Mainz dürften Sie das auch in Dortmund und Liverpool festgestellt haben, oder?
Interessanterweise war das, zumindest aus meiner Perspektive, immer ein extrem angenehmer begleitender Faktor während meiner Zeit in der jeweiligen Stadt. Nicht dass es in anderen Zeiten nicht auch so war. Aber wir haben begeisterungsfähigen Fußball gespielt, und das hat nach unserer Wahrnehmung schon dazu geführt, dass die Leute glücklicher ins Stadion kamen und auch glücklicher wieder nach Hause gingen. Das war unser Auftrag, und der war uns schon immer bewusst, über das nackte Ergebnis hinaus.
„In einer Fußballkabine spielt Herkunft keine Rolle. Sondern nur, was einer einbringt.“ (Jürgen Klopp)
Walther Bensemanns großes Thema war: Fußball als Mittel der Völkerverständigung. Kann der Fußball auch heute noch, rund 100 Jahre später, diese prägende Rolle spielen?
Ich würde sagen: Er hat das immer getan. Ich habe in den 90er Jahren gespielt, da hatten wir den Balkankrieg. In der Kabine saß mir gegenüber ein Serbe und neben mir ein Kroate. Wenn man abends Nachrichten geschaut hat, wusste man, was alles passiert zwischen diesen beiden Nationen. Doch am nächsten Tag in der Kabine hat man davon kein bisschen gespürt. Ich denke, dieses Gefühl ist heute nicht anders.
Sie sagten ja mal: Eigentlich müsste die ganze Welt sein wie eine Fußballkabine …
Dann wäre die Welt ein besserer Ort, definitiv. In der Kabine einer Fußballmannschaft wird keiner danach beurteilt, wo er herkommt. Sondern jeder nur danach, was er einbringt für die Gemeinschaft. Wenn sich jemand gut verhält, spielt die Herkunft keine Rolle. Und wenn er sich schlecht verhält, genauso wenig. Das habe ich in all den Jahrzehnten ausnahmslos so gelebt und vor allem auch erlebt.
Aki Watzke schwärmt: Was Sie in neun Jahren beim FC Liverpool für die Völkerverständigung geleistet haben, hätte kein hauptberuflicher Diplomat so hinbekommen können …
Ich habe eine solche Rolle logischerweise nie bewusst gespielt. Und ich kannte auch das Bild, das Engländer von Deutschen haben, nicht im Detail. Ich habe mich damit vorab nicht beschäftigt und bin auch nicht in der Geschichte so weit zurückgegangen. Aber es hat eben sicher nicht geschadet, dass wir als Stab mit ein paar deutschen Leuten drüben waren wie Peter Krawietz, Mona Nemmer, Andreas Kornmayer, Andreas Schlumberger oder Chris Rohrbeck. Dass wir den Job relativ erfolgreich gemacht und einfach gezeigt haben: Wir haben durchaus Humor, wir sind eigentlich okay. Für mich war das im Gegenzug auch wichtig, weil ich 2015 nach Liverpool gekommen bin, kurz bevor 2016 der Brexit erfolgte. Von außen betrachtet, habe ich auch gedacht: Was machen die denn da? Wie kann denn das passieren? Aber vor Ort hast du einfach festgestellt: Zum allergrößten Teil sind die Menschen da genauso in Ordnung wie bei uns, die haben eigentlich kein Problem mit uns anderen Europäern. Auch wenn der Brexit aus meiner Sicht nicht richtig war.
„Ich war Liverpooler. Den Gedanken, irgendetwas für mein Vaterland zu machen, hatte ich nie.“ (Jürgen Klopp)
Wie hat die Zeit in England generell Ihre persönliche Perspektive beeinflusst?
Vor Ort zu sein hilft immer, aufeinander zuzugehen, miteinander umzugehen und sich zu verstehen. Die neun Jahre in England kann und will ich nicht rauswaschen, nur weil ich jetzt halt wieder in Deutschland lebe. Die Zeit hat mich sicher internationaler gemacht in meiner Denke. Das ist jetzt einfach so. Es hat lange genug gedauert, bis ich den Schwarzwald mal verlassen hatte. Dann nach Frankfurt zu kommen, hat erstmals dazu geführt, einen anderen Blick aufs Leben einzunehmen. So ging es weiter in Dortmund, wo ich den Ruhrpott kennengelernt und aufgesaugt habe, und schließlich in England. Das alles hat mich ein Stück geprägt und mir geholfen, meinen Horizont zu erweitern.
Zu Ihrem Abschied formten die Menschen auf der legendären Liverpooler Tribüne "The Kop" mit ihren Körpern ein schwarz-rot-goldenes Herz. Für viele Beobachter eine Geste von historischer Dimension.
Ehrlicherweise habe ich das so gar nicht mitbekommen. Und es ging mir ja letztlich einfach um den Job, nicht um ein Bestreben, die vielfältige Palette des Deutschseins in England zu präsentieren. Ich war Liverpooler, zu 100 Prozent, weil ich mich voll mit der Aufgabe identifiziert habe. Den Gedanken, damit irgendetwas für mein Vaterland zu machen, hatte ich nie. Wenn du in so einem Job bist, hast du für die Begleiterscheinungen sowieso gar keine Zeit. Du bewegst dich zwischen Trainingsplatz, Stadion, Teamhotel und Mannschaftsbus. Wie bekannt ich durch meine Tätigkeit in Liverpool wirklich geworden bin, wurde mir erst hinterher bewusst. Wenn ich irgendwo hinkomme, abseits des Fußballs, und mich frage: Huch, warum kennen mich hier anscheinend alle?
Seit Jahresbeginn stehen Sie als Head of Global Soccer bei Red Bull unter Vertrag. Wie erleben Sie auch in dieser Rolle die interkulturelle, verbindende Kraft des Fußballs?
Ich war von Anfang an total neugierig und würde heute sagen: In den vergangenen neun Monaten habe ich Erfahrungen in der Größenordnung von vier Jahren gesammelt. Überall, wo ich hinkomme, geht es darum, Neues kennenzulernen. Beginnend mit unterschiedlichen Kulturen, die mit dem Fußball erst mal nichts zu tun haben, aber den Fußball natürlich beeinflussen. Ob man in Brasilien ist, in Japan oder in den USA - unterschiedlicher könnten die Kulturen ja fast nicht sein. Das heißt also: Meine Palette ist jetzt riesig.
„Sorry, aber mir macht diese Aufgabe bei Red Bull einfach riesigen Spaß.“ (Jürgen Klopp)
Wie sind Sie die Aufgabe angegangen?
Ich war noch nie der Typ, der irgendwo hinkommt und an Tag 1 sagt: "Was ihr bisher gemacht habt, war jetzt nicht so dolle. Wir ändern alles." Ich habe immer schon versucht, zu verstehen: Was passiert vor Ort und aus welchen Gründen? Und dann, wenn es gute Gründe gab, etwas zu verändern, das auch zu tun. Was ich bislang im Kleinen bei meinen jeweiligen Vereinen gemacht habe, mache ich jetzt eben im Großen. Also mit mehreren Klubs, aber natürlich nicht mit dem täglichen Einfluss. Ich kann nicht jeden Tag in Japan, Brasilien, den USA oder auch in Leipzig draufgucken - und ich will das auch gar nicht. Ich möchte die Leute dabei unterstützen, den jeweiligen Klub so erfolgreich wie möglich nach vorn zu treiben. Das macht per se einen Riesenspaß. Dabei die Menschen vor Ort kennenzulernen, ist natürlich Wahnsinn. Man kann ja auch in fremde Länder reisen, um sich interessante Bauwerke oder sonst etwas anzuschauen. Das ist alles beeindruckend, absolut. Aber richtig Kontakt zu Menschen bekommt man eben nur, wenn man etwas hat, worüber man reden kann. Und was gibt es da Besseres als den Fußball? Mir ist bewusst, was manche in Deutschland über mein Engagement bei Red Bull denken. Aber sorry: Mir macht diese Aufgabe einfach riesigen Spaß.
Ihr bekanntes Zitat "Manche sammeln Titel, ich sammle Beziehungen" leben Sie also in der neuen Rolle einfach weiter …
Tatsächlich sind an den verschiedenen Standorten relativ schnell sehr gute, sehr enge Beziehungen entstanden. Auch das wird mich wieder weiterentwickeln auf meinem Weg zu dem Kerl, der ich irgendwann mal sein soll. Zudem bewegen sich die Vereine sportlich gerade auf ganz unterschiedlichen Ebenen, und das macht die Aufgabe so spannend und herausfordernd zugleich. Wir bringen uns immer wieder ein, aber auf eine Art, wie ich Leadership verstehe: Wir übertragen Verantwortung und bestärken die sportlich Verantwortlichen, und dann muss man Leute auch machen lassen.
Was hat Sie an den jeweiligen Kulturen besonders beeindruckt, woran könnte man sich womöglich auch aus deutscher Perspektive orientieren?
Da gäbe es sicher einiges. Unter dem Aspekt bin ich es aber gar nicht angegangen. Was beispielsweise sofort auffällt: Der direkte persönliche Umgang miteinander ist in Japan natürlich ein völlig anderer als in Brasilien, das sind schon wirklich enorme Unterschiede. In Brasilien ist man sich sehr schnell sehr nah, und in Japan muss man schon eher aufpassen, dass man nicht zu schnell zu nah ist. Über die Menschen an sich sagt das erst mal gar nichts aus. Es ist einfach eine Tradition, eine Kultur. Man kann sich vorstellen, dass es mir mit meiner direkten Art in Brasilien etwas leichter fällt, niemandem auf die Füße zu treten, als in Japan, und das ist natürlich das Letzte, was ich möchte. Ich liebe beide Kulturen. Und in beiden, so unterschiedlich sie sind, hat der Fußball einen riesigen Stellenwert.
In den USA …
… stellt man dann relativ schnell fest, wie klein man ist. Wenn ich bei einer Border Control meinen Namen nenne, dann höre ich in vielen Ländern auf der Welt: "DER Jürgen Klopp?" In Amerika passiert das null. Da werde ich bei der Einreise gefragt, was und für wen ich arbeite. Wenn ich sage: Für Red Bull als Head of Global Football, dann gehen beim Gegenüber die Augen auf: "Football!" Dann muss ich leider sagen: "Sorry, soccer." Dann gehen die Augen wieder runter (lacht).
„Jeder Klub auf der ganzen Welt ist es wert, verbessert zu werden.“ (Jürgen Klopp)
Lohnt sich die ganze Energie, die Sie da investieren, wirklich an allen Standorten?
Ich finde, jeder Klub auf der ganzen Welt ist es wert, verbessert zu werden und erfolgreicher zu sein, als er bisher war. Nur die wenigsten Klubs können den absolut maximalen Erfolg erreichen. Aber auf dem Weg zum eigenen Maximum sollten alle zusammen die beste Zeit haben, die möglich ist. So habe ich den Fußball und das Leben insgesamt immer verstanden. Sonst macht das Ganze ja gar keinen Sinn. Deswegen finde ich es total lohnend, eine Community wie in Saitama zu unterstützen, wo es noch darum geht, in unmittelbarer Nähe zur Metropole Tokio eine richtige Fangemeinde aufzubauen. In Teilbereichen ist das für mich dann auch wieder ein "back to the roots". Natürlich brauchen die Dinge Zeit. Öffentlich werde ich an den kurzfristigen Resultaten gemessen, davon gehe ich mal aus. Mich interessiert aber die mittel- und langfristige Entwicklung. Wenn die entsteht, ist das cool.
Mal ganz global betrachtet, losgelöst von Ihrer aktuellen Aufgabe: Wo steht der Fußball von heute?
Das kann man so generell gar nicht beantworten. Bei der Einordnung hilft sicher, dass ich jetzt wirklich in unterschiedliche Kontinente blicke. Da muss man ganz klar sagen, dass der Fußball nicht überall im gleichen Zustand ist. Klar gibt es den europäischen Fußball und die Premier League, in der das Geld regiert und wohin deshalb auch die besten Spieler wechseln. Aber die Japaner zum Beispiel haben damit gar nichts zu tun, die haben ganz andere Probleme. Da steht die abgeschlossene berufliche Ausbildung über dem Fußball, da beginnt die Profikarriere mitunter erst mit 23. In den USA wird Fußball immer noch vorgestellt und nach Möglichkeiten gesucht, das Spiel attraktiver und spektakulärer zu machen, um mit den populäreren Sportarten dort konkurrieren zu können. Und dann hast du das super-emotionale Brasilien, wo lange Zeit die Spieler weggegangen sind und jetzt ganz viele Profis - für gar nicht so wenig Geld - wieder zurückkommen. Das wäre vor Jahren undenkbar gewesen. Um auf Ihre Frage zurückzukommen, wo der Fußball steht: Er entwickelt sich ganz unterschiedlich, und er muss sich auch ganz unterschiedlich entwickeln. Es geht darum, es an den jeweiligen Standorten nachhaltig und richtig zu machen.
Was heißt das für Deutschland?
Ich gehe davon aus, dass diese Frage auf die Nationalmannschaft abzielt und die Diskussionen, warum wir keine Rechtsverteidiger haben und so weiter.
„Zu wenige Spezialisten? Ich sehe es komplett anders als Markus Krösche.“ (Jürgen Klopp)
Zum Beispiel, in der Tat.
Ich finde generell erst mal: Meinungen darf man äußern, und man muss darüber diskutieren dürfen. Zum Beispiel hat Markus Krösche kürzlich gesagt, dass wir zu wenig Spezialisten ausgebildet haben. Ich sehe es komplett anders. Mein perfekter Außenverteidiger ist ein rechter Flügelspieler, der nicht genug Tore schießt. Mein perfekter Achter ist ein Zehner, der richtig arbeiten will. Mein perfekter Sechser ist ein Achter, der darüber hinaus auch noch das große Ganze überblickt und eine Lust auf Zweikämpfe hat. Ich glaube nicht daran, dass es hilft, wenn wir Spezialisten ausbilden. Aber das heißt ja nicht, dass ich recht habe oder Markus Krösche recht hat. Wichtig ist, dass wir uns alle darin einig sind, dass nicht genügend Talente ankommen im Profifußball. Das ist das wahnsinnig wichtige Thema …
... weshalb Sie, ebenso wie Krösche, Teil der neuen DFL-Expertengruppe zur sportlichen Zukunft des deutschen Fußballs sind. Wie lautet Ihr Lösungsansatz?
Ich muss ein bisschen aufpassen mit meinen Äußerungen, weil sie von manchen schnell abgestempelt werden als reine Interessenvertretung von Red Bull. Doch dafür ist mir das Thema viel zu wichtig. Alle können sagen, was sie wollen, aber das Thema muss ja trotzdem behandelt werden. Ich glaube nicht, dass in Spanien, Holland oder Frankreich talentiertere Babys auf die Welt kommen, die gleich 20-mal den Ball hochhalten. Das kann also nicht der Grund dafür sein, dass dort mehr Talente oben ankommen.
Sondern?
Natürlich können wir über soziokulturelle Unterschiede sprechen, also wo und wie die Jungs und Mädels aufwachsen und so weiter. Trotzdem haben auch wir in Deutschland alle Voraussetzungen, die man bräuchte. Also stellt sich die Frage: Wo passiert im Alter zwischen sechs und 18 Jahren der Fehler? Warum gibt es bei den 18-jährigen Franzosen 100 Talente auf einer Position und bei uns nur 50? Warum? Ich habe die Antwort nicht. Ich kann nur sagen, dass wir daran schrauben. Und dann kommt Hannes Wolf an mit einer wundervollen Idee ...
… die der DFB-Sportdirektor für Nachwuchs, Training und Entwicklung in der Trainingsphilosophie Deutschland vorgestellt hat ...
… und sie wird vom ersten Moment an derart zerrissen, dass du denkst: "Oh lieber Himmel, darf man überhaupt noch eine Idee äußern?" Und diese Ideen werden immer von Leuten zerrissen, die nicht im Ansatz so viel drüber nachgedacht haben wie beispielsweise Hannes Wolf und sein Team.
„Ich bin absolut davon überzeugt, dass uns eine eigene U-21-Liga helfen würde.“ (Jürgen Klopp)
Sie haben in einem Interview mit der Welt am Sonntag für eine eigene U-21-Liga der Profivereine plädiert.
Weil ich absolut davon überzeugt bin, dass es uns helfen würde. Meine Meinung, das meine ich wirklich ernst, ist nicht wichtiger als die von anderen. Aber diskutiert werden sollte darüber doch bitte trotzdem - und zwar mit den richtigen Leuten. Als das Interview erschien, kamen gleich Stimmen zum Beispiel aus Gladbach oder Dortmund mit dem Tenor: Bei uns läuft’s gut, wir sind happy. Aber es geht nicht um einen Verein und darum, ob der happy ist. Es geht um die generelle Entwicklung, und irgendwas machen wir da nicht richtig, denn es kommt nicht genügend dabei raus.
Weil die Ausbildungszeit zu kurz ist?
Mit 17, 18, spätestens 19 haben wir entschieden, wer übernommen wird oder eben nicht. Das biologische Wachstum ist da bei den Allermeisten noch gar nicht fertig, doch wir helfen nicht mehr. Die Frage ist deshalb: Wie können wir dafür sorgen, dass Mädchen und Jungs die Perspektive sehen und die Zeit bekommen, sich so zu entwickeln, dass sie bereit sind für das, was da kommt? Mit einer U-21-Liga geben wir ihnen diese Zeit. Und - wahnsinnig wichtig - wir entwickeln auch noch einen neuen Trainermarkt. Ob das alles kommt oder nicht, kann ich nicht entscheiden, aber ich bin mit den richtigen Leuten - Marc Lenz von der DFL und Andreas Rettig vom DFB - in ständigen Gesprächen. Da ist die Offenheit absolut da, aber irgendwann müssen natürlich auch die Vereine mitmachen - und zwar alle.
RB Leipzig hat bereits unter Ralf Rangnick seine U 21 abgemeldet und in seiner Akademie noch nie einen Spieler für die eigene Profimannschaft entwickelt. Sie könnten ja mal im Kleinen mit der Umsetzung Ihrer Ideen starten und Maßstäbe setzen.
Natürlich haben wir dahingehend bei RB Leipzig Dinge zu verbessern, und mit der Ernennung von David Wagner zum neuen Akademie-Leiter wurde dort damit auch bereits begonnen. Er war Jugendtrainer in Hoffenheim, Amateurtrainer in Dortmund, Chefcoach in verschiedenen Profiligen - mehr Erfahrung geht nicht. Aber wir allein können keine neue Liga gründen. Es werden trotzdem Dinge verändert, beispielsweise durch die Teilnahme an internationalen Wettbewerben. Doch es geht nicht um eine Leipzig-Lösung, sondern um eine Fußball-Lösung: Entscheidend für die individuelle Entwicklung sind immer das richtige Training zum richtigen Zeitpunkt - und der richtige Wettbewerb zum richtigen Zeitpunkt in der jeweiligen Altersklasse.
„Diesen Druck vor einem Spiel, der einen kaum atmen lässt, vermisse ich nicht.“ (Jürgen Klopp)
Wenn man Sie hört und erlebt, hat man nicht den Eindruck, dass Ihnen im Vergleich zum Trainerjob in Sachen Leidenschaft und Energie etwas fehlen würde.
(schmunzelt) In meinem alten Job gab es so viele Dinge, die Energie gezogen haben, aber gar keine Relevanz hatten. Ich vermisse keine Pressekonferenzen und auch keine Interviews. Und diesen unmittelbaren Druck vor einem Spiel, der einen kaum atmen lässt, vermisse ich auch nicht. Die Energiequelle für alle zu sein in so einem Verein, das war schon heftig. Der Umgang mit Niederlagen ist kein Kindergeburtstag. Ich hatte das Glück, dass ich nicht öfter verloren habe als gewonnen - aber trotzdem gefühlt viel zu oft verloren. Damit umzugehen und sofort wieder alle auf die Beine zu stellen, das war über die Jahre schon viel. Die sieben Monate Pause danach haben richtig gutgetan, die waren wichtig.
Nach Ihrer Entscheidung für Red Bull hieß es vielerorts: Nur sieben Monate!
Dass ich nicht mehr arbeite, war für mich nie ein Thema, keine Sekunde habe ich daran gedacht. Ich spiele kein Golf. Ich wüsste also gar nicht, was ich tun sollte (schmunzelt). Und dementsprechend ist es so, wie es jetzt ist, genau richtig. Wir versuchen, Dinge auf die Beine zu stellen, die dann irgendwann so funktionieren, dass man wiederum nach etwas anderem gucken kann. Nicht nach einem anderen Job, nach einem anderen Feld. Um auf Ihre vorherige Frage zurückzukommen: Ja, mir fehlt keine Energie. Aber die Energie, um jetzt einen Verein zu übernehmen, die würde ich momentan auch nicht verspüren. Jetzt zu sagen: Okay, wir fangen von vorn an wie 2015 und drehen mal alles auf links. Nein, dafür hätte ich nicht die Kraft.
Können Sie Ihre Stärke, diese unmittelbare Wirkung auf Menschen, in der jetzigen Rolle überhaupt einbringen? Und vermissen Sie nicht diesen direkten Einfluss eines Trainers?
Ich liebe Fußball, und all unsere Klubs in unserem Red-Bull-Netzwerk sind mir total wichtig - doch das ist nicht mein persönliches Ding. Ich habe früher versucht, meine Co-Trainer wachsen zu lassen und sie zu unterstützen, damit sie nicht mit mir alt werden, sondern irgendwann hinausgehen, um die Welt zu erobern. Das ist jetzt genau das Gleiche: Ich versuche, die Trainer, Sportdirektoren und alle Mitarbeiter in Bereichen, von denen ich ein bisschen was verstehe, zu unterstützen und ihnen das Gefühl zu geben, dass wir es gemeinsam weiterentwickeln wollen. Ich komme als Trainer aus einem Bereich, wo man bei Misserfolg sofort entlassen wird. Das wollen wir einfach so nicht mehr machen.
Hat bei Marco Roses Beurlaubung in Leipzig nicht wirklich funktioniert.
Das war ziemlich am Anfang, und wahrscheinlich passiert so etwas immer mal wieder. Nichtsdestotrotz: In der Zukunft soll sich das anders darstellen. Und wenn man sich schon irgendwann trennt, dann soll die Zeit, die man zusammen hatte, trotzdem wertvoll gewesen sein. Das ist im Grunde die Idee.
„Bei der EM 2024 hat das Zuschauen Spaß gemacht - und darum geht es doch.“ (Jürgen Klopp)
Wenn Sie spontan ein U-17-Spiel des Mainzer Stadtteilvereins SV Gonsenheim gegen den SC Freiburg besuchen, dann ist das "just for fun"?
Wir wohnen in Mainz. Außerdem muss ich unserem jüngsten Enkel, der ist jetzt zweieinhalb, ja nach und nach zumindest mal zeigen, dass es dieses Spiel namens Fußball auch gibt (schmunzelt).
In einer WM-Saison darf die Frage nicht fehlen: Was trauen Sie der Nationalmannschaft im Sommer 2026 zu?
Ich respektiere Julian Nagelsmann, ich mag ihn total. Er ist ein außergewöhnlicher Kollege. Ich finde, er hat eine ganz, ganz tolle Mannschaft, vor allem wenn die Verletzten alle wieder da sind. Dennoch sollten wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir, wenn wir am Turnier teilnehmen, das Ding auch gewinnen müssen. Die genauen Gründe, warum dies so sein sollte und wir bei einem Aus im Halb- oder Viertelfinale alles neu überdenken müssen, kenne und verstehe ich nicht. Dafür sind andere Länder einfach zu gut, ob das nun Frankreich ist oder Spanien. Oder England, das schon mehr hätte gewinnen können in den letzten Jahren mit dem, was sie da zur Verfügung haben.
Was ist aus Ihrer Sicht für Deutschland drin, was wäre ein Erfolg?
Erst einmal mache ich mir keine Sorgen, weil ich davon überzeugt bin, dass die Qualität der Spieler und vor allem die des Trainers groß genug ist. Deshalb bin ich sehr optimistisch, aber trotzdem wird man von mir nicht hören, dass wir das Ding gewinnen. Zweierlei ist wichtig: Wir müssen uns natürlich erst einmal qualifizieren, und dann müssen wir uns in das Turnier rein entwickeln, wie es bei der Heim-EM 2024 der Fall war. Auch wenn das nackte Abschneiden mit einem Aus im Viertelfinale nicht so überragend war: Da zuzuschauen, hat Spaß gemacht. Und darum geht es beim Fußball uns allen doch in allererster Linie.