Anstrengende Tage und sogar so manche buchstäblich schweißtreibende Nacht liegen hinter Jonathan Annel, dem Geschäftsführer der TSG Balingen. Gerade bei einem Amateurverein wie der TSG, bei dem jeder Euro umgedreht werden muss und sich das hauptamtliche Personal auf eine Handvoll Menschen beschränkt, wird die Manager-Aufgabe traditionell weit gefasst und beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf Angelegenheiten der ersten Mannschaft.
Neuerdings hat Annel eine weitere Zusatzaufgabe - und das buchstäblich rund um die Uhr. Der schwäbische Regionalligist baut derzeit ein neues Vereinsheim und weil die Sponsorengelder dafür nicht ausreichen, haben sich die Verantwortlichen um Annel und Vereinschef Eugen Straubinger für die Refinanzierung etwas Besonderes einfallen lassen: einen Spendenlauf, kombiniert mit einer Crowdfunding-Kampagne. Unter dem Motto "Run the Alm" drehen Vereinsmitglieder, Ehrenamtliche und letztlich jeder, der sich dafür mobilisieren lässt, nun seit anderthalb Wochen ohne Unterbrechung Stadionrunden in der Bizerba-Arena. Die Kampagne wird livegestreamt, parallel in den Sozialen Medien begleitet und mit dem Spendenaufruf verbunden.
„Wir sind ein Verein, der eigentlich alles über die Gemeinschaft schafft.“ (Geschäftsführer Jonathan Annel)
"Wir sind ein Verein, der eigentlich alles über die Gemeinschaft schafft. Deshalb passt eine solche Aktion zu uns", sagt Annel, der den Spendenlauf organisiert. "Es ist wunderbar zu sehen, welche Anekdoten bereits geschrieben wurde: Unsere Unterstützer laufen vor oder nach der Arbeit, auch nachts, übergeben anderen Läufern den Staffelstab, die sie davor teilweise noch nie gesehen hatten", berichtet der Tübinger, der auch selbst die Laufschuhe ausgepackt hat.
Der Holzbau im Stile einer Almhütte soll am 18. Oktober zum Heimspiel gegen die Stuttgarter Kickers mit einem Oktoberfest eingeweiht werden - stilecht mit Spanferkel, Weißwurst-Frühstück und Vesper also. Bis dahin haben sich die Balinger Zwischenziele gesetzt, die den Lauf entweder verlängern oder ihn jäh ausstoppen.
Guinness-Weltrekord möglich
Die ersten Etappenziele wurden schon erreicht; mittlerweile haben schon über 25.000 Euro die Baukasse bereichert. Im Idealfall, wenn also regelmäßig gespendet wird und sich genug freiwillige Läuferinnen und Läufer finden, wird 30 Tage durchgejoggt - das könnte dann sogar einen offiziellen Weltrekord bedeuten. Annel und Kollegen stimmen sich hierzu mit den Verantwortlichen des Guinness-Buchs ab. "Der Rekord steht aber nicht im Fokus. Uns geht es vor allem darum, Menschen zusammenzubringen und vielleicht den ein oder anderen in der TSG-Familie begrüßen zu dürfen", so Balingens Manager.
Denn da drückt der Schuh. Trotz des Wiederaufstiegs aus der Oberliga Baden-Württemberg und einem ansehnlichen Fußball unter Trainer Murat Isik, wie er bei der TSG wohl nie zuvor gespielt wurde, lassen die Zuschauerzahlen nach. Den Balingern fehlen dadurch wichtige Einnahmen. Lediglich 620 Besucher kamen in der laufenden Saison im Schnitt zu den Heimspielen des Aufsteigers, der drittschwächste Wert der Südweststaffel. Zum Vergleich: Als die Württemberger 2018/2019 erstmals in die vierte Liga eingezogen waren, wiesen sie einen Heimspiel-Schnitt von fast 1.600 Zuschauern aus.
"Das Interesse dürfte größer sein", sagt auch Annel, der darin aber einen allgemeinen Trend erkennt. "Solche Phasen gibt es, noch ist das kein Drama. Aber wir hoffen schon, dass die Resonanz wieder zunimmt." Hinter dem schwindenden Interesse vermutet Annel eine Art "Sättigung", wie er sagt. Schließlich habe die TSG in den vergangenen Monaten zahlreiche Highlights in der Bizerba-Arena gehabt: das erste Heim-Halbfinale im württembergischen Verbandspokal überhaupt, das Entscheidungsspiel im Rahmen der Aufstiegsrunde und dann das Freundschaftsspiel gegen die Stars des saudischen Topklubs Al-Hilal. "Das ist schwer zu toppen", glaubt Annel.
Klar ist beim Blick auf die Konkurrenz, wie allen voran Kickers Offenbach (7.285), Stuttgarter Kickers (4.798) oder Hessen Kassel (3.460), aber auch: Bei jedem Heimspiel fällt die TSG, die finanziell ohnehin viel kleinere Brötchen backen muss, gegenüber den anderen Vereinen aus dem Südwesten in Sachen Einnahmen ein weiteres Stück zurück. Anders gesagt: Jeder Zuschauer weniger bedeutet ein paar Euro weniger, die die Schwaben in den Verein stecken können.
„Wir bräuchten einen vierstelligen Zuschauerschnitt, damit sich die Heimspiele finanziell wirklich rechnen.“ (Vereinsvorsitzender Eugen Straubinger)
Das bringt die Württemberger zwar nicht ernsthaft in Bedrängnis, fordert sie aber heraus. Gleichwohl betont der Vereinsvorsitzende Eugen Straubinger mit Nachdruck, dass die Lage nicht bedrohlich sei und die fehlenden Zuschauereinnahmen keineswegs der Grund für den Spendenlauf seien. Er rechnet vor: "Wir bräuchten einen vierstelligen Zuschauerschnitt, damit sich die Heimspiele finanziell wirklich rechnen. Wir rätseln selbst, woran es liegt, setzen alle Hebel in Bewegung, aber noch will es nicht so richtig fruchten", so Straubinger.
"Wir haben es mit einer jungen Mannschaft, mit bescheidenen Mitteln und ganz viel Ehrenamt erneut in die Regionalliga geschafft, die vornehmlich mit Profiklubs bestückt ist. Das ist eine enorme Leistung, die in der Region leider noch nicht gebührend geschätzt wird. Und das macht uns schon auch ein Stück weit traurig." Gleichwohl sei man von Resignation weit entfernt, vielmehr sehe man darin eine Herausforderung, erklärt Straubinger und verweist auf den Spendenlauf. "Wir wollen damit auch zeigen, was wir als Verein alles erreichen können. Eine solche Aktion schweißt Verein und Region zusammen."
Musterbeispiel Freiburg II: Balingen bietet beste Unterhaltung
Am Sportlichen dürfte es kaum liegen. Zwar kämpfen die Balinger als Tabellen-15. erwartungsgemäß gegen den Abstieg, zeigen sich bisher mit ihren Gegnern aber meistens auf Augenhöhe und lieferten durchaus sehenswerte Partien ab. So wie am Dienstagabend, als sich die Isik-Elf mit dem U-Team des SC Freiburg ein wildes Hin und Her lieferte und beim 4:4 erst in Führung ging, dann einen Rückstand drehte, in der Schlussphase einen fragwürdigen Elfmeter konterte, um in der Nachspielzeit noch den vierten Gegentreffer zu kassieren.
"Die Mannschaft spielt einen schönen Fußball, hängt sich rein", sagt Straubinger, der hofft, dass sich der Spendenlauf auch in Sachen Zuschauerschnitt auszahlen wird. Diesen Samstag müsste sich jedenfalls ein erster Positivtrend zeigen. Dann kommen die Offenbacher Kickers auf die Schwäbische Alb, die traditionell zahlreiche Besucher anlocken und selbst etliche Fans zu den Auswärtsspielen mitbringen.