Herr Blancke und Herr Lindemann, hängen Sie sich in diesem Jahr neben Lametta und Kugeln auch die ausgedruckte Tabelle der Regionalliga Nord an den Weihnachtsbaum?
Lindemann: Die würde auf jeden Fall schön leuchten. Diese Momentaufnahme ist toll. Ich hätte gerne noch drei, vier Punkte mehr geholt, damit wir noch mehr Stress auf die Teams über uns ausüben. Aber wir haben ja auch noch ein Nachholspiel.
Blancke: Logisch ist, dass wir sehr zufrieden sind. Daher werden wir vielleicht auch mal auf die Tabelle gucken. Noch lieber hätten wir sie uns aber angeschaut, wenn wir auch im letzten Spiel des Jahres drei Punkte eingefahren hätten.
14 Spiele stehen bis zum Saisonende an. Können Sie noch ganz oben attackieren?
Blancke: Wir sind auf jeden Fall die Mannschaft mit dem geringsten Druck. Wir müssen jetzt nicht mehr nach unten gucken. Jetzt heißt es: So weit wie möglich oben platzieren. Und natürlich wollen wir im Pokal ins Finale kommen.
Der SSV galt vor der Saison als Abstiegskandidat. Wie haben Sie die Weichen für den aktuellen Erfolg gestellt?
Lindemann: Wir haben einen radikalen Schnitt gemacht und junge, hungrige Charaktere dazugeholt. Den Samen haben wir schon vorher gesät. Im Sommer haben wir unseren Weg dann noch mal optimiert. Wir haben keinen übertrieben geilen Regionalliga-Spieler für viel Geld geholt, aber einfach einen richtig guten Charakter in der Truppe.
Im Frühsommer gab es Unruhe im Klub, als Björn Lindemann nach dem Saisonende im kicker-Interview von "Landesliga-Niveau" sprach und betonte, dass der Verein "aufwachen" müsse. Haben diese Aussagen Sie geärgert, Herr Blancke?
Blancke: Wir waren nicht begeistert, das hätten wir lieber intern geklärt. Aber wir sind alle Männer genug. Wir haben uns dann zusammengesetzt und gesprochen. Danach war das Thema erledigt. Wie Sie sehen, arbeiten wir gut zusammen.
„Jeder träumt davon, mit Jeddeloh in der 3. Liga zu spielen. Das wäre das Geilste. Nur: Wir müssen auch die wirtschaftliche Seite sehen. Momentan glauben wir nicht, dass wir das verwirklichen können.“ (Sportliche Leiter Olaf Blancke über einen möglichen Drittliga-Antrag)
Was hat sich seitdem beim SSV verbessert?
Lindemann: Das Drumherum ist ein wenig aufgewacht. Jeddeloh ist ein Dorf. Da geht es viel um das Gemeinschaftsgefühl. Es haben immer mehr Leute Bock auf uns. Wir sind dabei, uns beim Staff und den Trainingsmöglichkeiten zu verbessern. Natürlich gibt es auch noch Lücken. Nicht alles ist von heute auf morgen realisierbar. Der sportliche Erfolg liefert aber Argumente dafür, noch mehr zu machen. Auch medial sind wir besser aufgestellt. Die Jungs haben Bock auf solche Geschichten.
Reibung erzeugt Energie. Hat Björn Lindemanns Kritik auch dafür gesorgt, dass der SSV nun solch eine gute Saison spielt?
Blancke: Natürlich, das ist so. Man muss nicht immer gleich beleidigt sein, wenn etwas ist, sondern daraus auch lernen. Das gilt für den Verein und für den Trainer. Wir müssen uns alle weiterentwickeln. Ohne Reibepunkte funktioniert es nicht. Nicht im Fußball, nicht in einer Beziehung, nirgendwo. Wenn es im Rahmen bleibt, kann das immer etwas Positives bewirken.
Herr Blancke, als Sie sich einst nach der Saison 2022/23 von Björn Lindemann getrennt haben, sagten Sie, dass Sie beide einfach unterschiedliche Vorstellungen bei der Ausrichtung des Kaders hatten. Wie sind Sie mittlerweile auf einen Nenner gekommen?
Blancke: Wir haben gemeinsam an unserer Ausrichtung gearbeitet und wollen beide sehr stark auf junge Spieler setzen. Als wir vor zwei Jahren losgelegt haben, war das auch ein kleines Himmelfahrtskommando. Wir hatten auch ein bisschen Schiss, ob es in die richtige Richtung geht, aber wir sind volles Risiko gegangen. Dieser Weg war auf jeden Fall der richtige.
„Wir haben einen radikalen Schnitt gemacht und junge, hungrige Charaktere dazugeholt. Den Samen haben wir schon vorher gesät.“ (Trainer Björn Lindemann über den Umbruch im Sommer)
Viele Spieler, die sehr lange beim SSV waren, sind mittlerweile weg. Nun haben Sie vor Weihnachten auch mit Michel-Leon Hahn nach achteinhalb Jahren den Vertrag aufgelöst. War es zwingend nötig, endlich die alten Zöpfe abzuschneiden?
Lindemann: Wir mussten einfach mal neue Impulse reinbringen. Da ist es auch wie in einer Beziehung: Wenn es jeden Tag die gleichen Abläufe gibt, wird diese auch scheitern. Es ist immer gut, wenn es auch mal Reibung gibt. Wir brauchten eine neue Dynamik. Manche sind bequem geworden, weil sie wussten, was sie hier haben. Wir waren immer ehrlich und allen gegenüber korrekt, aber die Anforderungen in der Regionalliga sind einfach höher als noch vor sieben oder acht Jahren.
Der 3:1-Derbysieg beim VfB Oldenburg galt am 1. Spieltag noch als Überraschung. Haben Sie da schon geahnt, dass dies eine besondere Saison werden kann?
Lindemann: Absolut. Mir war klar: Wenn wir unseren Plan umsetzen, können wir sehr erfolgreich sein. Der Sieg in Oldenburg hat dann für eine gute Dynamik gesorgt. Die Jungs haben den unbedingten Willen, Spiele zu gewinnen. Das hat in den Jahren zuvor ein bisschen gefehlt.
Blancke: Wir haben vor der Saison auch die Prognosen registriert. Der Bremer SV und wir galten da als die größten Abstiegskandidaten. Der Sieg gegen den VfB hat natürlich geholfen. Die Mannschaft hat schnell begriffen, dass wir von da vorn nicht so weit weg sind. In Meppen war die Niederlage bedingt durch die Belastung des Pokalspiels gegen Osnabrück. Wir freuen uns schon darauf, in der Rückserie noch mal gegen ein paar Top-Teams spielen zu können. Da wollen wir zeigen, dass wir auf Augenhöhe sind.
In Meppen und Drochtersen haben Sie in den Topspielen verloren. Haben Sie hier noch eine Rechnung offen?
Lindemann: Das Meppen-Spiel ärgert mich am allermeisten, denn die Belastung war durch das Osnabrück-Spiel vorher brutal hoch. Ich hätte es sehr gerne gesehen, wenn wir ausgeruhter gewesen wären und Kasra (Ghawilu, Anm. d. Red.) sich nicht beim Aufwärmen noch verletzt hätte. Es ist ein kleiner Genickbruch, wenn der Kapitän vor dem Spiel ausfällt. Beim Rückspiel werden wir ausgeruht sein und mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit wieder unseren ganzen Kader zur Verfügung haben. Die Jungs werden top motiviert sein. Dann kann das ein sehr geiles Spiel werden.
„Okay, weil Weihnachten ist: Linde kann sich sicher sein, dass er auf jeden Fall mindestens zwei neue Spieler bekommt.“ (Sportliche Leiter Olaf Blancke über geplante Neuzugänge im Winter)
Mit Moritz Onken, Philip Gramberg oder Tom Gaida entwickeln sich aktuell junge Spieler gut weiter. Haben Sie nicht die Sorge, dass der VfB Oldenburg einen Stürmer wie Gaida, der schon zehnmal getroffen hat, rasch zurückholen möchte?
Blancke: Da müssen wir uns nichts vormachen: Der Erfolg weckt Begehrlichkeiten. Natürlich erreichen uns Anfragen, das ist normal. Wir sind stolz darauf, wenn, wie einst Anton Stach, unsere Spieler den Sprung in den Profifußball schaffen. Jetzt zur Halbserie müsste der VfB für Gaida aber sehr viel Geld auf den Tisch legen, um ihn zu bekommen. Ich glaube nicht, dass sie sich das trauen (lacht).
Lindemann: Es ist geil, wie die Jungs bei uns performen. Gramberg ist in Oldenburg nicht in die 1. Mannschaft gekommen, Gaida saß dort nur auf der Bank. Einen Moritz Brinkmann hatte keiner auf dem Schirm. Hugo Brandes kommt aus der A-Jugend-Landesliga und hat zuletzt echt gute Spiele gemacht. Exakt so soll es sein. Hier können sie sich in einem ruhigen Umfeld entwickeln. Auch wenn es wehtut: Wenn am Ende der Saison drei Spieler in die 3. Liga wechseln, können wir uns abklatschen und sagen: 'Das haben wir echt geil gemacht.' Wir haben da auch ein gutes Scouting, denn wir erkennen das Potenzial in den Jungs. Da können wir uns auch mal auf die Schulter klopfen. Andere Vereine bekommen das nicht so gut hin.
Ghawilu hat eine überragende Saison gespielt, ehe er sich verletzt hat. Er möchte gerne den Sprung in die 3. Liga schaffen. Können Sie ihn über den Sommer hinaus halten?
Lindemann: Kasra ist hier sesshaft und hat sich auch beruflich auf den Weg gemacht. Was bringt es ihm, wenn er es anderswo probiert und dann wieder von vorn anfangen muss? Wenn Kasra 20 oder 21 wäre, würde ich ihm raten, dass er es auf jeden Fall einmal probieren muss. Aber die Frage ist ja: Was ist mit 26 oder 27 für seine Zukunft am besten? Hilft es ihm wirklich, dann zum Beispiel zu Erzgebirge Aue zu gehen, dort dann aber nicht zu spielen? Kasra hat sich hier etwas aufgebaut und kann sich sein eigenes Denkmal setzen. Ich glaube, so schlecht stehen unsere Chancen nicht.
Blancke: Kasra haben wir bei seiner beruflichen Zukunft unterstützt. Ich glaube, das weiß er zu schätzen. Ich rechne uns auch Chancen aus.
Simon Brinkmann fällt derzeit aufgrund eines Knorpelschadens aus. Kehrt er noch in dieser Saison zurück?
Blancke: Wir müssen jetzt die OP abwarten. Die findet wahrscheinlich im Januar statt. Womöglich kann er zum Ende der Saison noch mal eingreifen. Wir geben ihm aber alle Zeit der Welt.
Auf der Weihnachtsfeier zuletzt sollte auch über einen möglichen Lizenzantrag für die 3. Liga gesprochen werden. Wollen Sie aufsteigen?
Blancke: Jeder träumt davon, mit Jeddeloh in der 3. Liga zu spielen. Das wäre das Geilste. Nur: Wir müssen auch die wirtschaftliche Seite sehen. Momentan glauben wir nicht, dass wir das verwirklichen können. Da müssen wir die Kirche im Dorf lassen. Wir haben es aber noch nicht abgehakt. Wir haben ja auch noch ein paar Wochen.
Lindemann: Der Lizenzantrag wäre natürlich ein tolles Zeichen der Wertschätzung. Aber ich bin nicht böse, falls es nicht so kommt.
Weihnachten ist die Zeit der Wünsche: Der Kader ist dünn, zuletzt kam gar der 44-jährige Jakob Bertram zum Einsatz. Holen Sie noch ein paar neue Spieler für die Rückrunde, Herr Blancke?
Blancke: Mit einem Stürmer als Ersatz für Simon sind wir zumindest sehr weit. Aber unterschrieben ist da noch nichts.
Lindemann: Wir sind uns alle einig, dass wir noch ein, zwei, drei Spieler brauchen. Für den Verein ist es eine riesige Chance, in den DFB-Pokal zu kommen. Da sollten wir alles ausschöpfen, um nicht an Ostern vielleicht nur mit zwölf Leuten auf dem Trainingsplatz zu stehen.
Blancke: Okay, weil Weihnachten ist: Linde kann sich sicher sein, dass er auf jeden Fall mindestens zwei neue Spieler bekommt.