So wie beim letzten Mal, das ist allen Verantwortlichen klar, kann es nicht noch einmal laufen. Denn das, was beim Afrika-Cup 2024 geschah, war jenseits des Erklärbaren. "Es ist mehr als ein Märchen", jubelte Emerse Faé im Anschluss an den Turniersieg vor heimischem Publikum vor knapp zwei Jahren. Der Ex-Profi, der nie zuvor Cheftrainer einer Profimannschaft war, war als Assistenztrainer von Jean-Louis Gasset ins Turnier gegangen und mitten während des Heimturniers zum Interimstrainer befördert worden, nachdem Gasset infolge einer 0:4-Schmach gegen Äquatorialguinea gehen musste.
Überhaupt nur dank einer Reihe von glücklichen Umständen in den folgenden Spielen rutschte die Elfenbeinküste noch als viertbester Gruppendritter irgendwie in die K.o.-Phase, um dort einen wahnwitzigen Lauf von dramatischen Siegen bis hin zum Titel hinzulegen. Beim laufenden Afrika-Cup, bei dem die Elfenbeinküste am Heiligabend gegen Mosambik ins Turnier startet, muss es anders gehen.
2024 profitierten die Ivorer vom Überraschungsmoment, von einer sich verselbstständigenden Euphoriewelle und von einem gigantischen Heimvorteil der fußballverrückten Bevölkerung. All das ist bei diesem Afrika-Cup nicht mehr gegeben. Faé braucht diesmal einen echten Turnierplan, der von Beginn an greift. Unterstützt wird er dabei von seinem in Deutschland bestens bekannten Co-Trainer Guy Demel, den er während des Turniers 2024 von seinem Job als TV-Experte auf die Trainerbank lotste.
Was die beiden bereits damals auszeichnete, ist der Mut zu unangenehmen Entscheidungen. 2024 setzte Faé zwischenzeitlich Führungsspieler Franck Kessié auf die Bank, gut zwei Jahre später schreckt er nun bei seiner Kadernominierung ebenfalls nicht vor unpopulären Entscheidungen zurück. Simon Adingra vom Premier-League-Überraschungsteam Sunderland, der im Finale 2024 beide Tore vorbereitete, ist völlig überraschend nicht dabei. Dafür reaktivierte Faé nach über zwei Jahren Abstinenz den 33-jährigen Wilfried Zaha, der nach vielen Jahren in der Premier League mittlerweile in der MLS spielt.
Nicht nominiert trotz starker Leistung: Eklat um Pepé
Auch auf den bei Villarreal momentan stak aufspielenden Nicolas Pepé verzichtet Faé in seinem Kader - allerdings nicht aus sportlichen Gründen. Der 30 Jahre alte Offensivspieler hatte im Vorfeld des Turniers für einen Eklat gesorgt, als er in einem YouTube-Video diffamierende Aussagen gegenüber dem Gastgeberland Marokko traf und dann abfällig über Spieler sprach, die in den U-Nationalmannschaften für Frankreich und in der A-Nationalmannschaft für die Elfenbeinküste auflaufen. Ein indirekter Affront, nicht nur gegen seinen Teamkollegen Alban Lafont, sondern auch gegen Faé selbst, der bis zur U 21 für Frankreich auflief.
"Wenn wir nur auf den sportlichen Aspekt geschaut hätten, wäre er dabei gewesen", begründete der Coach das Fehlen des Flügelspielers. "Aber wenn man einen Kader zusammenstellen muss, muss man viele Faktoren berücksichtigen - auf und neben dem Feld." Berichten zufolge soll auch der ivorische Verband auf die Nichtnominierung Pepés hingewirkt haben. Durchweg positiv aufgenommen wurden all die Personalien nicht im Land.
"Kritiker beeinflussen meine Entscheidungen nicht", sagte Faé zuletzt vor Turnierstart. Und Kritiker gibt es trotz des historischen Triumphs im eigenen Land durchaus. Begegnen wollte der 41 Jahre alte Coach ihnen, indem er seine Entscheidungen in einer Reihe von Social-Media-Beiträgen erklärte. Mittlerweile hat er damit wieder aufgehört. Zu extrem waren die Reaktionen mitunter. "Manche Kritik trifft einen mehr als andere, wenn man sie für ungerechtfertigt hält", gibt Faé zu.
Dabei geben alleine die Resultate kaum Anlass dazu. 14 von 18 Pflichtspielen unter Faé hat die Mannschaft gewonnen, die WM-Qualifikation gelang den "Elefanten" ohne Niederlage. Beim Endturnier 2026 wartet nun unter anderem das DFB-Team. "Es ist eine athletische Mannschaft, die wie viele afrikanische Teams körperlich auf einem guten Niveau sind", sagte Julian Nagelsmann Anfang Dezember nach der Auslosung. Beim Afrika-Cup wird er nun genau hinschauen, wie sich der Titelverteidiger schlägt.
Prunkstück des Teams ist fraglos die Defensive. In der gesamten WM-Qualifikation kassierte die Elfenbeinküste kein einziges Gegentor, unter Faé war es noch nie mehr als eines in einem Pflichtspiel. In Evan Ndicka (AS Rom), Ousmane Diomande (Sporting Lissabon), Odilon Kossounou (Atalanta Bergamo) und Emmanuel Agbadou (Wolverhampton Wanderers) hat Faé gleich vier Innenverteidiger, die in Europa auf höchstem Niveau spielen, davor die beiden Routiniers Kessié und Seko Fofana, die beim Turniergewinn 2024 die entscheidende Schaltzentrale für den Erfolg bildeten.
Offensiv hingegen liegen die Hoffnungen auf einem jungen Trio, das vor zwei Jahren noch gar nicht dabei war. Amad von Manchester United sowie die beiden Bundesliga-Profis Yan Diomande und Bazoumana Touré sollen für die besonderen Momente sorgen. "Wir sind mit unserer Nationalmannschaft aufgewachsen - sie hat uns zum Weinen gebracht, sie hat uns zum Träumen gebracht", sagt Diomande, der erst im Oktober für die Nationalmannschaft debütierte und in seinen beiden Pflichtspiel-Einsätzen jeweils traf. "Jetzt sind wir diejenigen, die Kinder inspirieren."
Hoffnungsträger ist Diomande auch deshalb, weil gerade das Offensivspiel der Elefanten immer wieder zu schwerfällig daherkommt, die besonderen Momente fehlen. Was aber vor allem auch daran liegt, dass den Ivorern ein echter Knipser fehlt. Vor allem jetzt, wo Sebastien Haller seine Teilnahme am Afrika-Cup verletzungsbedingt absagen musste. Ein echter Verlust - nicht nur in sportlicher Hinsicht. Der Angreifer ist in der Elfenbeinküste unheimlich populär, ein Leuchtturm innerhalb der Mannschaft. Wenn er auf den Platz kommt, geht ein Ruck durchs Team.
Diesen Impuls wird Faé diesmal anderweitig setzen müssen. Nur dann ist eine Titelverteidigung realistisch.