Als die Nationalspieler am Mittwochnachmittag im Homeground in Herzogenaurach eintrafen, fehlte nur ein nominierter Akteur. Kai Havertz bestreitet am Samstag noch mit Arsenal das Champions-League-Finale gegen PSG und wird daher erst später zum DFB-Team stoßen. Der unter Julian Nagelsmann gesetzte Stürmer wird daher beim Testspiel gegen Finnland am Sonntag fehlen, was wiederum zwei anderen Spielern die Chance bieten wird, sich zu zeigen.
Nagelsmann hat in seinen WM-Kader keinen klassischen Mittelstürmer nominiert, weder Havertz noch seine beiden zentralen Offensivkollegen Deniz Undav und Nick Woltemade definieren sich als klare Neuner. Auf der Pressekonferenz am Mittwoch beschrieb Nagelsmann die Profile des bereits angereisten Duos nochmal genauer.
Die größere Umstellung im Vergleich zum Vereinsfußball wartet demnach auf Woltemade, der in Newcastle in der Rückrunde seinen Stammplatz verloren hat und von Trainer Eddie Howe auf verschiedenen Positionen eingesetzt wurde. "Er ist kein klassischer Konterstürmer", stellte Nagelsmann nochmal klar. "In Newcastle war er oft 70 Meter vom Tor weg, da fällt es ihm schwer, in den Strafraum zu kommen."
Diese Problematik sah Nagelsmann auch zuletzt beim Spiel gegen West Ham, als Woltemade zwar sein erstes Tor in diesem Kalenderjahr erzielte, jedoch auch viel ins Kombinationsspiel eingebunden war. "Er hat die Dinge oft über den Flügel eingeleitet und dann war der Ball so schnell in der Box, dass er selbst nicht mehr hingekommen ist", erkannte der Bundestrainer und forderte: "Man muss ihn in Tornähe bringen."
Das sei explizit keine Kritik an Howe, "jeder Trainer wählt seinen Stil", jedoch passe die Spielweise des DFB-Teams besser zu Woltemade. "Die Art und Weise, wie wir spielen, wird ihm guttun, weil er kürzere Distanzen zum Tor hat", sagte Nagelsmann, der einmal mehr betonte, dass der 24-Jährige "bisher viele Tore und gute Spiele bei uns gemacht" hat. Für den Bundestrainer "ein ganz wichtiger Punkt, was man in einem Umfeld schon erlebt hat".
Auch Sportdirektor Rudi Völler äußerte sich kurz zu Woltemade, der in zehn Länderspielen schon vier Tore erzielt hat. "Für ihn ist viel passiert im letzten Jahr. Er wurde Pokalsieger, dann ging er weg in ein neues Land, wurde Nationalspieler", blickte Völler zurück. "Jetzt ist es nochmal eine Steigerung, bei einer WM dabei zu sein. Wichtig ist es aber, das zu genießen und aufzusaugen", so der 90-malige Nationalspieler.
„Wenn die Mitspieler immer damit rechnen würden, was er macht, hätte er noch viel mehr Tore aufgelegt.“ (Julian Nagelsmann über Deniz Undav)
Eine noch bessere Quote im DFB-Dress hat derweil Undav vorzuweisen, der nur sieben Länderspiele für vier Tore benötigte. Im April schoss der Stuttgarter Deutschland noch zum Sieg gegen Ghana - als Joker. Viel wurde seitdem über die Rolle des besten deutschen Scorers in der Bundesliga (25) diskutiert. Die Nominierung war selbsterklärend nach Undavs Fabelsaison, nun sucht man im DFB-Team noch nach dem richtigen Platz für ihn.
"Er kann beide Positionen gut spielen, die Neun und die Zehn spielt er jeweils auf eine besondere Art und Weise", beschrieb Nagelsmann den 29-Jährigen. "Wenn man ihn fragt, kann er selbst nicht sagen, was seine beste Position ist. Was aber immer gut ist, ist die Fähigkeit, Tore zu schießen und Dinge zu machen, mit denen keiner rechnet", lobte der Bundestrainer. "Wenn die Mitspieler immer damit rechnen würden, was er macht, hätte er noch viel mehr Tore aufgelegt", sagte Nagelsmann, der Undavs Straßenkicker-Gen erneut hervorhob. "Er spielt sehr intuitiv, ist schwer zu packen mit seinem Körper. Er kann auch ein Assistgeber sein und hat einen guten Distanzschuss mit wenig Gewalt und viel Präzision."
Auf eine Position wollte Nagelsmann Undav nicht festlegen, gegen Finnland wird er sich gemeinsam mit dem ehemaligen Stuttgarter Teamkollegen Woltemade aber neu beweisen dürfen.