Als Marlon Faß am Samstagnachmittag nach einer knappen Stunde clever den ersten Elfmeter für die Stuttgarter Kickers gegen den Bahlinger SC herausholte, jubelte der junge Stürmer noch auf dem Rasen sitzend, als hätte er bereits sein zweites Saisontor erzielt. Eine Szene, die verdeutlicht, worum es bereits am zwölften Spieltag der Regionalliga Südwest für die Blauen ging. "Es war enorm Druck auf dem Kessel, deshalb war der Sieg sehr wichtig und die Erleichterung ist groß", gestand SVK-Cheftrainer Marco Wildersinn nach dem 3:0-Erfolg. Nach nur einem Punkt aus den vier vorherigen Spielen, darunter drei 0:3-Auswärtspleiten in Kassel, Alzenau und Frankfurt drohten die Blauen weiter Richtung Tabellenkeller abzurutschen.
Auch im Heimspiel gegen personell gebeutelte Bahlinger agierten die Stuttgarter sehr fehlerhaft, erspielten sich kaum Tormöglichkeiten. "Man hat gemerkt, dass gerade in der ersten Hälfte die Füße enorm zittrig oder bleiern waren, dass wir im Kopf nicht frei waren. Es war klar, dass wir uns reinarbeiten und die Karten und Elfmeter erzwingen mussten. Das gehört dazu in einer Phase, die nicht einfach für uns war", sagte Wildersinn. Nach der Gelb-Roten Karte gegen David Monga (50.), holte Faß den eingangs beschriebenen Elfmeter für die Gastgeber heraus, provozierte dabei sogar den zweiten Bahlinger Platzverweis gegen Karim El Abed (57.). Den Strafstoß verwandelte David Tomic zur Führung der Kickers, die sich aber auch mit zwei Mann mehr weiter schwertaten. "Es war keine Glanzleistung. Das Ergebnis ist am Ende souverän, aber in doppelter Überzahl hätte man einiges besser spielen können", erkannte auch Kapitän Lukas Kiefer.
Der Gefoulte will selbst ran
Zehn Minuten nach der Führung war es wieder Faß, der - dieses Mal von Holger Bux - im Strafraum zu Fall gebracht wurde. Doch anders als beim ersten Mal hielt sich der Angreifer mit dem blonden Man-Bun nicht lange mit jubeln auf, sondern orientierte sich schnell Richtung Ball, machte für viele der 3.850 Zuschauer überraschend unmissverständlich klar, dass er dieses Mal selbst antreten möchte. Bemerkenswert, schließlich pendelt der von Zweitligist Dynamo Dresden ausgeliehene 19-Jährige in dieser Saison bisher zwischen Startelf, Joker-Einsätzen und 90-minütigen Bankaufenthalten, wie in den beiden Spielen zuvor. "Ich musste auf meine Chance warten, aber habe mir das im Training erarbeitet, bin cool geblieben, habe ein gutes Umfeld und wollte die Chance nutzen, wenn ich sie bekomme. Deshalb freut es mich, dass Tomi mir den Elfer überlassen hat", berichtete Faß hinterher.
Wie David Tomic zuvor, traf auch Faß platziert links unten zum 2:0 und brachte die Kickers mit seinem zweiten Saisontreffer nach neun torlosen Spielen endgültig auf die Siegerstraße. "Als Stürmer will man Tore machen. Wenn man Elfmeter schießen darf, will man ihn auch reinmachen. Schön, dass es geklappt hat", zeigte sich Faß erleichtert und bekam auch von Kapitän Kiefer ein ordentliches Zeugnis ausgestellt: "Marlon hat in der ersten Hälfte bisschen gebraucht, um reinzukommen, aber dann war er in den richtigen Momenten präsent und hat uns mit zum Sieg verholfen."
Eine gewisse Anlaufzeit, auch auf die gesamte Saison gesehen, ist bei Faß nicht ungewöhnlich. Schließlich geht der vor allem bei der TSG Hoffenheim ausgebildete Angreifer seine ersten Schritte im Erwachsenenfußball. "Die Regionalliga ist eine richtig enge Liga, die ich erstmal kennenlernen musste. Aber natürlich haben wir einen anderen Anspruch, als wir bisher gezeigt haben. Dabei will ich helfen. Ich fühle mich wohl, habe Bock und will meine Ziele, mit denen vom Verein verbinden", sagt Faß. Dabei dürfte in den kommenden Wochen noch mehr Verantwortung auf ihn zukommen.
Konkurrenzkampf mit Unsöld
Schließlich fällt mit David Braig sein erfahrener Sturmkollege mit einer Adduktorenverletzung bis zu sechs Wochen aus. "Braiger hilft uns trotzdem in der Kabine, hat eine gewisse Präsenz und spricht viel mit uns. Insgesamt bilden wir vorne ein gutes Trio", meint Faß, auch mit Blick auf Samuel Unsöld. Der 20-Jährige wurde am Deadline-Day als dritter Stürmer dazugeholt, hatte vor dem Bahlingen-Spiel zweimal den Vorzug vor Faß erhalten, aber wartet noch auf seinen ersten Treffer im Kickers-Trikot. "Samu durfte nach dem guten Freiberg-Spiel zweimal auf dem Platz bleiben. Er bringt bisschen andere Fähigkeiten mit. Jetzt hatte Marlon eine gute Trainingswoche, am Ende war es ein Bauchgefühl, dass wir ihn starten lassen. Vom Einsatzwillen bin ich bei beiden sehr zufrieden, aber es wird wahrscheinlich noch eine Weile ein enges Rennen bleiben. Da haben wir einen Konkurrenzkampf. Beide müssen sich entwickeln. Derjenige, der sich schneller und besser entwickelt, wird spielen", erläutert Wildersinn.
„Gerade auswärts geht es weniger um Taktik, sondern viel um den Kopf.“ (SVK-Cheftrainer Marco Wildersinn)
Außerdem positiv für die Kickers: Auf der linken Außenbahn kann Christian Mauersberger wieder spielen. Der 30-Jährige gab gegen Bahlingen nach einem halben Jahr sein Comeback nach Meniskusriss, zeigte in den gut zehn Minuten Spielzeit direkt wieder Ansätze seiner Fähigkeiten und legte per Flanke nach einer kurz ausgeführten Ecke das 3:0 von Milan Petrovic auf. "Mau ist ein Typ, der uns Selbstsicherheit gibt, individuelle Qualität mit- und eine gewisse Ruhe reinbringt", weiß Wildersinn, der mit seinem Team jetzt auch auswärts wieder ein anderes Gesicht zeigen muss. "Gerade auswärts geht es weniger um Taktik, sondern viel um den Kopf, ein gewisses Selbstverständnis, Ruhe und Ausstrahlung. Da müssen die Jungs reinwachsen. Das ist ein Prozess, deshalb war es mir von vornherein klar, dass es in dieser Saison zwischendurch auch mal holprig oder schlecht laufen wird."
Für diesen Prozess dürfte Mauersberger jetzt ein wichtiges Puzzleteil werden. "Wir haben diese Woche viel gesprochen. Jeder ist in der Pflicht, sich selbst zu hinterfragen und besser zu werden. Es ist einfacher, wenn du von den Fans getragen wirst, aber man muss das eigentlich auch auswärts zeigen", sagt Mauersberger. Und Faß ergänzt: "Wir können uns nicht nur darauf verlassen, dass uns unsere Fans nach vorne peitschen. Wir müssen versuchen, die Energie auch aus uns selbst rauszuholen. Da brauchen wir einen anderen Anspruch. Nicht nur reden, sondern auch machen."
Am Samstag (14 Uhr) gilt es für Faß, gemeinsam mit seinen Kollegen, im Spiel bei der TSG Balingen diesen Worten weitere Taten folgen zu lassen, damit der Tabellenneunte auch auswärts wieder jubeln kann.