Nach den Diskussionen der vergangenen Wochen ließ Michael O'Neill diese Steilvorlage selbstredend nicht ungenutzt. "Wenn man sich die Statistik anschaut, hat Deutschland ironischerweise mehr lange Bälle gespielt als wir", merkte Nordirlands Nationaltrainer nach der 0:1-Niederlage gegen die DFB-Auswahl mit Genugtuung an und hatte Recht: Zwar hatte seine Mannschaft gemessen an allen Pässen deutlich öfter den langen Ball gewählt, in absoluten Zahlen lag aber Deutschland mit 66 gegenüber 62 vorn und damit sogar zwischen den Färöern und Luxemburg auf dem dritten Platz an diesem WM-Qualifikationsspieltag.
Anders als nach dem Hinspiel wollte das in Nordirland am Montagabend aber niemand zu einem großen Thema machen, zumal sich Julian Nagelsmann vor dem Wiedersehen in Belfast sogar für seine als respektlos eingestuften Kommentare über die Spielweise des Gegners entschuldigt hatte. O'Neill fand diesmal andere Ärgernisse.
Das Abseitstor? "Unser Fehler"
"Es war ein Spiel, das durch etwas Besonderes oder ein etwas glückliches Tor entschieden werden musste - und genau so ist es letztendlich auch gekommen", haderte der 56-Jährige etwa mit Nick Woltemades per Schulter erzieltem "Zufallstor" nach einer Ecke, "die wir besser verteidigen müssen". Eine Viertelstunde vorher hatte der VAR die vermeintliche Führung der Gastgeber einkassiert, weil Paddy McNair im Abseits gestanden hatte - was ihm einen dezenten Rüffel des Trainers einbrachte: "In dieser Situation hätten wir nicht im Abseits stehen dürfen, das war also unser Fehler."
Deutlicher wurde O'Neill, als es um Schiedsrichter Jesus Gil Manzano (kicker-Note 3,5) ging. Der Spanier habe zwar in den wichtigen Entscheidungen richtig gelegen, aber "übertrieben pingelig" gepfiffen. Und am Ende nur zwei Minuten Nachspielzeit zu geben, "fand ich ehrlich gesagt lächerlich", schimpfte O'Neill angesichts von insgesamt sieben Wechseln während des zweiten Durchgangs - und drei Minuten Nachspielzeit vor der Pause. Auch die Fans hatten ihren Unmut lautstark kundgetan.
Bei nun drei Punkten hinter Deutschland und der Slowakei braucht Nordirland nun einen Kraftakt, um zumindest noch den Play-off-Platz zu ergattern. In der Slowakei geht es am 14. November für O'Neills Team weiter. "Nachdem wir sie zu Hause geschlagen haben, müssen wir daran glauben, dass wir dort das richtige Ergebnis erzielen können", blickte der Trainer nach vorn, "und hoffen, dass Deutschland jetzt zu Hause gegen die Slowakei seine Hausaufgaben macht." Ob mit langen oder kurzen Pässen, wird ihm herzlich egal sein.