Die Euphorie aus dem Last-Minute-Sieg gegen Stuttgart wollte der Aufsteiger gegen die Störche mitnehmen und ins nächste Nord-Derby am kommenden Sonntag gegen Werder Bremen hinüberretten - stattdessen gab es einen Tritt auf die Euphoriebremse und eine echte Vollbremsung. Merlin Polzin fand kurz nach Mitternacht deutliche Worte. Die Ausfälle von Robert Glatzel, Yussuf Poulsen, Daniel Elfadli sowie die Pause für Nicolas Capaldo wollte der Coach ausdrücklich nicht als Ausrede anführen.
"Wir haben nicht das gemacht, was uns auszeichnet"
"Die Enttäuschung bei uns ist groß", bekennt Polzin. Und zwar nicht nur über das Ergebnis: "Wir konnten nicht das zeigen, was wir am Wochenende gezeigt haben, haben nicht das gemacht, was uns auszeichnet, haben im gemeinsamen Verteidigen zu viel zugelassen. Vieles hat mir nicht gefallen." Mit der Anfangsphase hatte sich der 35-Jährige noch einverstanden gezeigt, "dann ist es immer mehr abgeflacht."
Ein Hauptproblem am Mittwochabend war - wieder einmal - die Sturmflaute. In Abwesenheit von Glatzel und Poulsen musste abermals Ransford Königsdörffer in der Sturmmitte ran und ließ die nächste Chance verstreichen, weil er ohne jede Überzeugung und Entschlossenheit auftrat. Mildernde Umstände gelten für den Aufstiegs-Helden, schon seit Vorbereitungsbeginn im Tief, da auch seine Nebenleute Ausfälle waren: Rayan Philippe blieb auf dem rechten Flügel wirkungslos, links konnte Alexander Rössing-Lelesiit nicht ansatzweise an seinen beherzten Auftritt vom vergangenen Sonntag anknüpfen, verzettelte sich immer wieder.
Doch auch ohne Souveränität in der Defensive und Klarheit im Angriff hätte es beinahe für das Viertelfinale gereicht. Weil Publikumsliebling Bakery Jatta bei seiner ersten Kadernominierung in dieser Spielzeit zum Einsatz kam und nach einem scharfen Ball von Miro Muheim entschlossen einlief und zur Führung vollstreckte (107.). Elf Minuten später war der Hamburger Jubel vorbei, weil Phil Harres das Elfmeterschießen erzwang. Dort verstummte der Jubel dann endgültig.
Polzin: "Werde jetzt nicht auf Einzelne draufgehen"
Nach zwischenzeitlicher Führung hatte nach Nationalspieler Muheim auch Youngster Aboubaka Soumahoro verschossen - und dies auf besonders klägliche Weise. Für den 20-jährigen Franzosen ein weiterer Tiefpunkt. In nun knapp zwölf Monaten in Hamburg hatte er zuvor erst einmal, beim 0:5 in München, gespielt, wurde dort nach schwacher Leistung zur Pause ausgewechselt. Gegen die Kieler kam er als Defensiv-Joker erst zu seinem zweiten Einsatz und scheiterte dann vom Punkt, als er Timon Weiner den Ball regelrecht in die Arme rollte.
Von seinem Trainer gibt es demonstrative Rückendeckung: "So wie wir als HSV funktionieren wollen, werde ich jetzt nicht auf Einzelne draufgehen, die in so einer Situation Verantwortung übernehmen." Klar aber ist: Will der HSV am Sonntag im Derby wieder auf Bundesliga-Niveau funktionieren, muss er sich gegenüber des kläglichen Pokalauftritts deutlich steigern.