Nicht nur einmal hat Real Madrid in der abgelaufenen Saison unter Beweis gestellt, eine gesunde Bodenhaftung und den Bezug zur Realität augenscheinlich ein wenig verloren zu haben. Dass man nun schon nach den ersten sichtbaren Handgriffen von Xabi Alonso direkt wieder dazu in der Lage ist, nach den Sternen zu greifen, das haben sie aber wahrscheinlich nicht einmal bei den Königlichen gedacht.
Ihr neuer Trainer hat das jedenfalls nicht, der die Ist-Zustände im Vergleich mit dem amtierenden Champions-League-Sieger nach der 0:4-Pleite ganz treffend zusammenfasste: "Paris ist mit der Zeit gewachsen. Wir stehen taktisch erst am Anfang."
In den ersten neun Minuten schlug sich Real schon größtenteils selbst
Der zweite Aspekt fiel am Mittwoch ganz besonders ins Gewicht. Obwohl gleich zwei kapitale Böcke in den ersten neun Spielminuten wie die von Raul Asencio und Antonio Rüdiger jedes Konzept ins Wanken bringen können, hätte Madrid wohl auch ohne sie schlechte Karten gehabt. Schon vor Asencios nächstem Aussetzer - nach dem verursachten Elfmeter im ersten und der Roten Karte im zweiten Gruppenspiel - hatte sich das drückend dominante PSG einen Hochkaräter erspielt.
Unglücklich gelaufen war aus Real-Sicht nämlich vor allem der Ausfall von Trent Alexander-Arnold, während Dani Carvajal für einen Startelf-Einsatz noch nicht wieder fit genug war. So musste Xabi Alonso seine Zentrale auflösen und Fede Valverde nach rechts stellen, so rückte der Baske auch von seiner frisch einstudierten Formation ab. Aus seinem 3-5-2 wurde ein sicherlich zu luftiges 4-3-3.
An sich darf das in einem kompetitiven Kräftemessen zweier europäischer Schwergewichte keine Ausrede sein, jedoch ist die Situation bei Madrid aktuell anders gelagert. Die Königlichen befinden sich mitten in der Frühphase eines spielerischen Wandels, Xabi Alonsos umgesetzte Gedanken sind noch relativ zarte Pflänzchen. Die Strukturen beim Pressing oder in der Restverteidigung etwa, die durch die verloren gegangene Grundordnung gegen PSG ebenfalls nahezu komplett verloren gingen.
Angesichts des Klassenunterschieds war es am Ende auch aus neutraler Sicht schade, dass Real nicht mit dem Personal und der Formation wie in den vergangenen drei Spielen antreten konnte, als der strauchelnde Riese gegen RB Salzburg, Juventus Turin und Borussia Dortmund über weite Strecken einen wirklich guten Eindruck machte. Als er die Hilflosigkeit beim Anlaufen und beim Verteidigen gerade in der letzten Linie eigentlich erfolgreich auszumerzen begann.
Auch wenn ein Weiterkommen gegen die aktuell wahrscheinlich beste Vereinsmannschaft der Welt selbst dann sehr unrealistisch gewesen wäre und alle mildernden Umstände sowieso nicht von einem bedrohlichen Fragezeichen ablenken können, auf das Xabi Alonso zeitig eine Antwort finden muss - eine möglicherweise gar nicht so angenehme.
Das Problem mit Vinicius Junior und Mbappé
Funktionieren Vinicius Junior und Kylian Mbappé wirklich gemeinsam? Also einmal im direkten Zusammenspiel, aber auch ganz allgemein in einem zeitgemäßeren System, in dem aggressiv gegen den Ball gearbeitet werden und das Kollektiv mehr über dem Einzelspieler stehen soll?
Mit einem gesunden Bezug zur Realität ist das Stand jetzt eher schwer vorstellbar, eine ziemlich vertrackte Situation für den Nachfolger von Carlo Ancelotti. Dem Beweis, dass eine fußballerische Gehirnwäsche der positiven Art zumindest möglich ist, stand Xabi Alonso in East Rutherford aber direkt gegenüber.