Im Amateurfußball macht Hans-Georg "Schorsch" Mewes so leicht keiner etwas vor. Doch selbst den 76-Jährigen überrascht die aktuelle Lage: "Ich bin jetzt 40 Jahre Trainer gewesen und seit sechs, sieben Jahren sportlicher Leiter - aber so eine Tabelle wie jetzt in der Oberliga habe ich noch nie gesehen", sagt der Sportliche Leiter des 1. FC Kleve mit rauem Humor: "Mit acht Punkten steht man nach neun Spieltagen normalerweise nicht am Tabellenende."
Doch in einer Saison, wo es scheinbar kaum klare Abstiegskandidaten gibt, steht die Mannschaft von Trainer Umut Akpinar am Ende des Feldes. Die Saison startete mit einem 0:0 bei der Holzheimer SG und dem einzigen Sieg (2:1) gegen DJK Adler Union Frintrop. Danach folgten mehrere Niederlagen, darunter knappe Heimspiele wie das 3:4 gegen Blau-Weiß Dingden. Ein 1:1 beim Vizemeister SpVg Schonnebeck brachte Hoffnung, doch die Abwehrprobleme traten beim jüngsten 1:3 gegen den TSV Meerbusch wieder deutlich zutage. Vor allem die Niederlage gegen Dingden ärgert Mewes noch heute: "In dem Spiel haben wir eine tolle Moral gezeigt, mehrfach Rückstände gedreht und am Ende doch verloren - gegen einen direkten Konkurrenten."
Thuyl könnte Mannschaft verstärken
Obwohl Mewes vom Klassenerhalt weiter "total überzeugt" ist, sieht er klar benennbare Gründe für die aktuellen Probleme: "Wir haben innerhalb von drei Jahren unsere komplette Oberliga-Mannschaft verloren - aus Alters-, Finanz- und Entfernungsgründen", erklärt Mewes. Im Sommer folgte ein radikaler Umbruch. Die Verluste der vergangenen Monate wiegen schwer. Er nennt die Abgänge Nedzad Dragojevic (Karriereende) und Pascal Hühner (SV Rees). "Das hat natürlich Lücken hinterlassen", sagt Mewes. Besonders schmerzlich war der Abgang von Luca Thuyl, "einem unserer besten Fußballer". Der frühere A-Jugendspieler des MSV Duisburg studiert derzeit in Valencia. "Ich hoffe, dass er in der Rückrunde zurückkommt", so Mewes. "Er ist bis Ende November dort - und wenn er wieder da ist, pack ich ihn schon."
Thuyl könnte dem Team mit seiner Erfahrung Stabilität verleihen. Mewes verweist darauf, dass aktuell einige Spieler im Kader stehen, "die vor einem Jahr noch in der Bezirks- oder sogar Grenzlandliga gespielt haben". Zudem sind zwei A-Junioren aufgerückt, "aber die werden besser, man sieht die Steigerung". Von 22 Spielern sind elf Klever. Für Mewes ist das mehr als eine Notlösung: "Das ist unser Weg."
Ein Beispiel dafür ist Ole Kook. Der 23-Jährige kam vom Bezirksligisten SV Haldern und wartet nach Verletzung und Krankheit noch auf sein erstes Tor: "Ich habe ihm gesagt: 'Ole, wenn du das erste Tor machst, kommen die anderen von allein.'" Der Kader ist jung und lernwillig, aber auch anfällig. "An der Einstellung und Fitness liegt es nicht", betont Mewes. "aber es sind eben keine gestandenen Spieler."
Fünf, sechs erfahrene Kräfte aus dem Ruhrgebiet bringen Routine rein, der Rest stammt aus der Region. "Wir behalten überall die Ruhe", sagt Mewes. "Anders kannst du in Kleve keinen Oberliga-Fußball spielen." Besonders wichtig: Innenverteidiger Philipp Divis. "Philipp ist einer der besten Innenverteidiger der Oberliga. Fehlt er, wird die ganze Abwehr wackelig." Auch Bruder Henning Divis hat sich als Torhüter schnell zum Leistungsträger entwickelt. Im Mittelfeld führen Fabio Forster und Niklas Klein-Wiele das Team an. "Forster geht in allem voran - das ist ein richtiger Kapitän", lobt Mewes.
Trotz der sportlich schwierigen Lage spricht Mewes mit spürbarem Stolz über die Bedingungen in Kleve. "Das Stadion ist ein Gedicht. Kabinen wie bei Bayern München - alles renoviert von einem Sponsor, einem Schlossermeister." Für viele Spieler sei das ein echtes Argument, nach Kleve zu kommen. "Manche denken wirklich, sie sind bei Bayern, wenn sie die Anlage sehen." Auch die Zweitliga-Frauen des VfR SW Warbeyen tragen ihre Heimspiele in der Eroglu-Arena aus.
Trainer, Taktik und Geduld
Über Trainer Umut Akpinar, der seit 2017 im Verein aktiv ist, findet Mewes nur lobende Worte: "Ein Topmann. Menschlich und fachlich. Er kann mit jungen Spielern richtig gut umgehen." Akpinar stehe für mutigen Fußball: "Umut ist kein Defensivkünstler - der will Spektakel." Inzwischen agiert die Mannschaft etwas tiefer, "vielleicht fünf Meter weiter hinten", aber das System bleibe dasselbe.
Für Mewes ist klar: "Wir müssen 103 Prozent geben, sonst geht es nicht." Und das Team tue genau das. Die jungen Spieler entwickeln sich, das Fundament wächst - und Mewes bleibt überzeugt: "Wenn wir dieses Jahr schaffen - und das werden wir - dann geht es nur noch aufwärts. Die Jungs identifizieren sich mit dem Verein, die hauen nicht ab, die wollen etwas aufbauen." Oberliga-Fußball in Kleve ist für ihn kein Alltag, sondern Privileg: "Das ist Luxus - keine Selbstverständlichkeit."