Wer die Spiele der algerischen Nationalmannschaft beim Afrika-Cup verfolgt, der hat den heimlichen Star der TV-Übertragungen längst erspäht. Er sitzt auf der Tribüne. Wenn Zinedine Zidane auf den Stadionbildschirmen gezeigt wird, dann tobt die Menge in Marokko - obwohl es um einen Unterstützer des rivalisierenden Nachbarlandes Algerien geht. "Es ist für uns eine Ehre, dass er zuschaut", sagt Leverkusens Ibrahim Maza. Dabei ist einer der erfolgreichsten Fußballspieler der Geschichte hier doch nur eines: Vater.
Sein Sohn Luca ist beim Afrika-Cup Stammtorhüter Algeriens - ziemlich unverhofft. Erst im September hatte er sich entschieden, für die Nationalmannschaft des Landes aufzulaufen, aus dem seine Großeltern - Zinedines Eltern - einst nach Marseille auswanderten. "Wenn ich an Algerien denke, denke ich sofort an meinen Großvater", erzählte Luca zum Turnierstart gegenüber beIN Sports. "Ich habe mit ihm darüber gesprochen, bevor ich mich für die Nationalmannschaft entschieden habe. Er war total begeistert." Nach jeder Nominierung rufe der mittlerweile 90 Jahre alte Smail Zidane ihn an "und sagt mir, dass ich eine gute Entscheidung getroffen habe".
Die Jugend-Nationalmannschaften hatte Luca noch für Frankreich durchlaufen. Das Land, das sein Vater 1998 zum WM-Titel köpfte - da war Luca gerade zwei Monate alt. Für einen französischen Verein hat der heute 27-Jährige aber nie gespielt. Durch die erfolgreiche Spieler- und Trainerzeit seines Vaters bei Real Madrid lief auch Luca für die Jugendmannschaften von Real auf, für mehr als zwei Spiele bei den Profis reichte es aber nicht. Die französische wie auch die spanische Nationalmannschaft, für die er aufgrund der Nationalitäten seiner Eltern hätte auflaufen können, waren stets in weiter Ferne.
Dafür jetzt eben Algerien. Und im nordafrikanischen Land ging es gleich von Null auf 100. Zidanes Einsatz beim Last-Minute-Achtelfinalsieg über die DR Kongo war sein erst viertes Länderspiel. Zwar debütierte der Keeper, der mittlerweile für den spanischen Zweitligisten Granada spielt, im Oktober in der WM-Qualifikation für Algerien, war aber eigentlich nicht als Nummer 1 vorgesehen. Dann verletzte sich der etatmäßige Stammkeeper Alexis Guendouz - und Nationaltrainer Vladimir Petkovic entschied sich für Zidane als Nummer 1 für den Afrika-Cup. Trotz der kaum vorhandenen Vorgeschichte im Nationalteam.
"Er hat sich innerhalb kürzester Zeit integriert und Erfahrung gesammelt", lobte Petkovic seinen Torhüter während der Gruppenphase und schrieb ihm "maßgeblichen Anteil" an den beiden Auftaktsiegen zu. In allen drei Turnierspielen, in denen Zidane das algerische Tor hütete - im unbedeutenden letzten Gruppenspiel wurde er geschont - hat der Keeper kein Gegentor kassiert. Am Samstag wartet nun die schwierige Aufgabe im Viertelfinale gegen Nigeria, die bislang mit Abstand beste Offensive des Turniers, angeführt von ihren beiden Superstars Victor Osimhen und Ademola Lookman. Zidane wird gefordert sein. Aber nicht nur auf der Linie.
Kein Wunder: Zidane ist "technisch versiert wie ein Feldspieler"
"Er spielt eine sehr wichtige Rolle im Aufbauspiel", erklärt Maza. "Er ist ein Torwart, der mitspielt. Das gegnerische Pressing kann man mit einem Torwart wie ihm sehr gut überspielen." Zidane, sagt Maza, sei "mit Ball unglaublich". Bei dem Vater natürlich kein Wunder. Auch Luca selbst, so drückte es ein Kindheitsfreund zuletzt gegenüber L'Equipe aus, "wollte eigentlich nie Torwart spielen, sondern den Ball am Fuß haben". Der mit 1,83 Meter eher kleine Torwart sei "technisch versiert wie ein Feldspieler".
Auch deshalb genießt Zidane im algerischen Team hohe Wertschätzung. "Man kann Späße mit ihm machen, gut mit ihm reden, er ist ein netter und offener Mensch", findet Maza. Manchester Citys Linksverteidiger Rayan Ait Nouri bezeichnet den neuen Torwart sogar als "fantastischen Menschen" und lobt: "Er hat sich schnell in die Gruppe integriert, spricht auch auf dem Platz viel. Als Spieler und Mensch passt er perfekt in die Mannschaft."
Dennoch gehört auch zur Wahrheit: Hieße er nicht Zidane, hätte man sie alle wahrscheinlich gar nicht nach ihm gefragt. "Sein Nachname ist eine Bürde", gibt auch Riyad Mahrez, der eigentliche Star im Team, zu bedenken. Bislang geht Zidane sehr gut mit ihr um. Er kennt es ja auch nicht anders.