Herr Sollbauer, Sie sind das zweite Jahr in Ried, wissen Sie schon, dass Ried in 43 Bundesliga-Spielen bei Rapid noch nie gewonnen und die letzten 16 Spiele in Hütteldorf sogar verloren hat?
Das höre ich ehrlich gesagt zum ersten Mal. Vielleicht haben das noch einige Langzeit-Funktionäre im Kopf, aber mit dem letzten Abstieg wurden Mannschaft und Staff so runderneuert, dass das bei uns kein Thema ist. Aber jetzt, wo ich’s weiß, geht’s am Samstag also um mehr als die drei Punkte. Und vielleicht können wir mit dem Trainer verhandeln, dass er uns einen Tag extra frei gibt, wenn wir diese Serie beenden.
Ihr Ex-Klub Rapid steckt wieder einmal in der Krise. Sie haben in Ihrer langen Karriere schon alles erlebt. Mit Dresden hatten Sie wie Rapid heuer einen super Start und dann lief gar nichts mehr. War die Situation vergleichbar?
Es war in Dresden vielleicht eine ähnliche Abwärtsspirale, aber doch eine ganz andere Ausgansposition als bei Rapid. Dresden war damals Aufsteiger und in den ersten Runden war - ohne die Leistung wegreden zu wollen - die Aufstiegseuphorie natürlich noch sehr groß. Vielleicht ist auch eine leichte Auslosung dazugekommen, jedenfalls haben wir gut reingefunden. Aber wir waren eine ziemlich unerfahrene Truppe, von der viele Spieler nie höher als 3. Liga gespielt hatten. Deshalb hat es uns im Vergleich zu anderen Teams gar nicht so sehr an Qualität, aber an Erfahrungswerten gefehlt, um mit Drucksituationen umgehen zu können. Bei den Wintereinkäufen hat man das vielleicht auch unterschätzt und wieder vor allem Talente geholt. Im Frühjahr haben wir dann kein Spiel gewonnen und sind abgestiegen. Dynamo ist trotzdem ein großer Verein, zu dem schon mal 1.000 Leute zum Training kommen und wenn es nicht läuft, ist das auch in der Stadt Thema und es wird von Spiel zu Spiel größer.
Braucht es grundsätzlich mehr erfahrene Spieler, um als Mannschaft gut zu performen?
Ich bin ein Fan davon, jungen Spielern eine Chance zu geben und sie zu entwickeln. Aber sie müssen nicht an vorderster Front stehen, wenn es schwierig wird. Da müssen die erfahrenen Spieler vorangehen. Wir hatten in Dresden zum Beispiel Ransford Königsdörffer, der jetzt beim HSV zeigt, was er drauf hat. Aber in Dresden war er mit 20 Einser-Stürmer. Da musste ich schon manchmal hingehen und sagen: "Hey, es liegt schon an dir, dass vorne was geht". Aber junge Spieler können nur wachsen, wenn das Umfeld passt, wenn nicht so viel auf ihren Schultern lastet. Das sehe ich auch jetzt bei uns in Ried bei Jonas Mayer. Er ist ein richtig Guter, aber man muss ihm auch noch zugestehen, dass er mal ein Spiel oder ein Training nicht auf dem höchsten Level ist, weil er vielleicht gerade eine Entwicklungsstufe durchmacht.
Kingstone Mutandwa, der an mehr als der Hälfte der Ried-Tore beteiligt war, ist offenbar schon weiter. Ein besonderer Stürmer?
King wurde schon geholt, dass er vorne umrührt, aber dass er so performt, hat keiner am Schirm gehabt. Wir sind happy über seine acht Tore, aber er hat noch viel mehr Potenzial, er ist auch noch nicht in jedem Training am Anschlag. Ich weiß nicht, ob er dann mehr Tore schießt, aber für seine Zukunft muss er noch mehr wollen, dann wird Ried und Österreich nicht seine letzte Station bleiben. Ich gebe ihm immer Shon Weissman als Beispiel, mit dem ich beim WAC gespielt habe. Er war auch kein Trainingsweltmeister, aber er war nie happy und satt mit einem Tor, er wollte immer das nächste, wollte immer performen und hat immer die Chance gesehen, dass Österreich nur ein Sprungbrett für eine große Liga ist. Diese Chance hat King auch, wenn er performt.
Um auf Rapid zurückzukommen: Ihrer Erfahrung nach, wann wird's brenzlig in einer Mannschaft, nach einer gewissen Anzahl von Niederlagen?
Fußball ist ein Ergebnissport, aber Ergebnisse kaschieren oft auch Schwächen. Mich macht es mehr unrund, wenn ich auf längere Sicht mit nicht so guten Leistungen punkte, als ich verliere einmal trotz guter Leistung. Das kann man als Spieler schon einschätzen. Am Ende zahlt sich Leistung aus. Schwierig wird’s, wenn eine Idee umgeworfen wird oder die Idee des Trainers und der Mannschaft nicht mehr klar ist. Dann dreht sich die Spirale weiter, das Umfeld wird nervös, was verständlich ist, weil es ja auch in wirtschaftliche Bereiche reinspielt. Je schwieriger es wird, desto kleiner wird der Kreis, der zusammenhält. Und je größer der Verein, umso schwieriger wird es. Bei Rapid ist die Erwartungshaltung groß, dazu kommt der internationale Kader. So ein Kader braucht viel Arbeit. Wenn es am Anfang gut läuft, kaschiert das viel und man glaubt, es geht auch so. Aber wenn es dann nicht läuft, rächt es sich, dass man in diesen Prozess nicht genug Zeit investiert hat. Dann kann es sein, dass die Truppe auseinanderreißt. Ob das bei Rapid der Fall ist, kann ich nicht sagen, dafür bin ich zu weit weg.
Sie haben mit Nenad Cvetkovic noch zusammengespielt, haben Sie als Innenverteidiger eine Erklärung, warum selbst die früher so sattelfeste Rapid-Abwehr mittlerweile schwimmt?
Ich kenne das aus meiner eigenen Erfahrung, im Moment fühlt sich einfach gar nix leicht an, sie müssen sich alles erarbeiten und kommen nicht zu sich selbst. Aber da geht es Sturm, Salzburg und dem WAC gerade auch nicht viel anders. Das Problem lässt sich weniger durch Reden als mehr durch Arbeit beheben. Aber bei und über Rapid wird immer viel geredet und geschrieben. Man wünscht sich Ruhe, aber die gibt es nicht.
Ist der Abwärtstrend mit einem Sieg wieder zu stoppen?
Ich glaube, das wird nicht mit einem Sieg erledigt sein, da wird es schon drei, vier, fünf gute Spiele am Stück brauchen, um da wieder rauszukommen.
Sie waren 2020 bei Barnsleys "Great Escape" dabei, als Gerhard Struber in fast aussichtsloser Situation noch den Klassenerhalt geschafft hat. Wie war diese Trendumkehr möglich?
Uns hat damals auch Corona in die Karten gespielt. Wir hatten dadurch auf einmal Pause vom Druck und die Möglichkeit, uns einen Monat lang vorzubereiten. Dann haben wir innerhalb von sechs Wochen acht, neun Spiele gehabt. Hätten wir das erste Spiel verloren, wär’s wahrscheinlich vorbei gewesen. Aber mit dem ersten Sieg ist der Glaube von Spiel zu Spiel größer geworden und es ist die Überzeugung gewachsen, dass es noch möglich ist. Und im Drei-Tage-Rhythmus Spiele zu gewinnen, das macht schon etwas mit einer Mannschaft.
Wie war es im zweiten Barnsley-Jahr, als es wieder einen Fehlstart gab?
Da ist dann vieles vom Trainer ausgegangen. Es gab einen Trainerwechsel und der neue Trainer Valerien Ismael hatte eine brutale Präsenz, Gewinnen steht bei ihm über allem. Wir haben dann acht, neun Spiele gewonnen, über 70 Punkte gemacht und sind noch in die Play-offs eingezogen.
Sie sind selbst schon Co-Trainer der U 16 in Ried, machen die Trainerausbildung und klingen fast schon wie ein Sportdirektor. Welchen Trainer würden Sie jetzt zu Rapid holen?
Struber oder Senft. Und wenn ich meinen aktuellen Trainer nenne, geht es mir nicht darum, einen Schmunzler zu ernten. Max Senft hat eine klare Idee von Fußball, die er auch klar rüberbringen kann. Ein Trainer muss ganz klar kommunizieren, was gewollt wird.
Haben Sie das auch bei Robert Klauß vermisst?
Er hatte schon eine klare Idee und auch Expertise, aber es muss von Runde 1 bis 32 klar sein, was in welcher Situation zu machen ist. Warum es dann am Ende nicht geklappt hat, kann ich nicht sagen. Sicher ist aber: Je mehr Klarheit herrscht, desto leichter tun sich die Spieler.
War Peter Stöger die richtige Antwort auf Klauß?
Stöger war ein Statement. Er ist eine Persönlichkeit und hat viele Erfolge gehabt. Das war kein One-Hit-Wonder, da konnte man schon erwarten, dass er Ruhe und Erfolg reinbringt. Seine Bestellung war ein Signal: "Wir haben richtig was vor“, sonst hätte Rapid das nicht gemacht und Stöger auch nicht.