Als Arne Slot beim FC Liverpool vor wenigen Wochen immer heftiger unter Druck geriet, stärkten ihm die Fans mit Sprechchören regelmäßig den Rücken. Bei Enzo Maresca, der beim FC Chelsea ebenfalls eine erfolgreiche Debütsaison hingelegt hatte, hörte es sich am Dienstag dagegen so an: "You don't know what you're doing", skandierten die Chelsea-Anhänger, als der Trainer gegen Bournemouth (2:2) Cole Palmer auswechselte: "Du weißt nicht, was du tust."
Zwei Tage später ist Maresca seinen Job tatsächlich los. Was in der offiziellen, zitatfreien Mitteilung nach einer einvernehmlichen Trennung zum Wohle des Klubs klingt, ist die Krönung einer rasanten Negativentwicklung, nachdem der 45-jährige Italiener im November noch zum "Trainer des Monats" in der Premier League gewählt worden war - zum zweiten Mal in seiner Karriere.
Auf das erstaunliche 3:0 gegen den FC Barcelona in der Champions League und das 1:1-Remis in Unterzahl gegen Spitzenreiter Arsenal in der Liga Ende November waren im Dezember nur zwei Siege in acht Pflichtspielen gefolgt, darunter ein 3:1 bei Drittligist Cardiff City im League-Cup-Viertelfinale. Chelsea, vor dem Arsenal-Spiel noch Zweiter, erlebte den Jahreswechsel auf Rang 5.
Beziehung zwischen Chelsea und Maresca "vollständig zerbrochen"?
Dass die Klubbosse an Neujahr eine Krisensitzung einberufen hatten, lag aber nur am Rande an den schwachen Ergebnissen. Zuletzt waren vielmehr atmosphärische Störungen immer offensichtlicher geworden. Am 13. Dezember hatte Maresca nach dem 2:0-Sieg gegen Everton von den "schlimmsten 48 Stunden" seiner Amtszeit gesprochen, "weil uns viele Leute nicht unterstützt haben". Diese kryptischen Aussagen, die der Ex-Profi auch in den folgenden Tagen nicht näher erläutern wollte, sollen bei seinen Bossen gar nicht gut angekommen sein. Sie gaben Einblicke in das offenbar gestörte Innenleben der Blues.
Laut BBC fühlt Maresca seine Arbeit nicht ausreichend gewürdigt, andere Medien schreiben, der Trainer wünsche sich mehr Mitspracherecht bei Transfers. Dazu kommt, dass Pep Guardiolas ehemaliger Assistent trotz seines noch bis 2029 gültigen Vertrags bereits als möglicher Nachfolger des Katalanen gehandelt wird, sollte dieser im Sommer bei Manchester City aufhören. Bei The Athletic heißt es am Donnerstag, Maresca habe Chelsea Ende Oktober und Mitte Dezember darüber informiert, Gespräche mit Personen aus dem Umfeld der Skyblues zu führen.
Obwohl Maresca unlängst erklärt hatte, er könne seinen Verbleib über die Saison hinaus "absolut" versprechen, hieß es im Guardian, er wolle den Klub sofort verlassen. Seine Beziehung zum Klub sei "vollständig zerbrochen". Dass Maresca zuletzt immer seltener offizielle Chelsea-Outfits trug, passt ins Bild.
Fakt ist: In der vergangenen Saison übererfüllte Maresca, für den Chelsea im Sommer 2024 mehr als elf Millionen Euro Ablöse an den damaligen Aufsteiger Leicester überwiesen hatte, die Erwartungen. Im Endspurt gelang mit dem jüngsten Kader der Liga der Einzug in die Champions League, der Gewinn der Conference League und der überraschende Triumph bei der Klub-WM.
Ein möglicher Nachfolger wird schon gehandelt
Neben der kurzen Sommervorbereitung hatte Maresca in der laufenden Spielzeit immer wieder mit Verletzungspech zu kämpfen. Schwer trafen ihn vor allem Levi Colwills Kreuzbandriss beim Trainingsauftakt im Sommer und die wiederkehrenden Zwangspausen von Topscorer Palmer. Zwar steuert Chelsea trotzdem weiterhin auf Kurs Champions League, für die womöglich erneut - wie für Newcastle 2024/25 - der fünfte Platz genügt. Die internen Spannungen schienen aber alles zu überlagern.
Schon am Sonntag (18.30 Uhr, LIVE! bei kicker) im Auswärtsspiel bei ManCity wird Maresca nicht mehr im Amt sein. Als ein möglicher neuer Chefcoach ist Liam Rosenior im Gespräch, der bei Chelseas Partner-Klub Racing Straßburg seit Sommer 2024 beachtliche Arbeit leistet. Mit einem mindestens interimistischen Nachfolger ist schon in Kürze zu rechnen.