Irgendwie passte es natürlich zu Florian Wirtz' bislang so holpriger Saison. Im 16. Einsatz verzeichnete er am Samstag zwar seinen ersten Premier-League-Scorerpunkt, feiern durfte er ihn aber nicht. Torschütze Alexander Isak, bei seinem Schuss von Micky van den Ven abgegrätscht, hatte es so heftig erwischt, dass der Torjubel ausfallen musste. Stattdessen lag der erst zur Pause für den angeschlagenen Conor Bradley eingewechselte Rekordneuzugang mit Schmerzen auf dem Rasen und humpelte schließlich gestützt von Betreuern vom Platz.
Hat der FC Liverpool den 2:1-Auswärtssieg bei den Tottenham Hotspur also teuer erkauft? Trainer Arne Slot hatte bei seiner Pressekonferenz nach dem Spiel zwar noch "keine Neuigkeiten", ahnte aber Böses. "Wenn ein Spieler nicht mal versucht, zurück aufs Feld zu kommen, ist das normalerweise kein gutes Zeichen."
Slot findet Liverpools Kontrollverlust "unglaublich"
Das Tor - nach einer Balleroberung der Teamkollegen hatte Wirtz Isak perfekt eingesetzt - gefiel Slot trotzdem. "Guter Abschluss, guter Pass", lobte der Trainer im Wissen, dass vor allem der Assistgeber so lange auf diesen Moment gewartet, ihn sich aber auch erarbeitet hatte. 104 Ballkontakte bei einer Passquote von 91 Prozent - die zweitmeisten nach Curtis Jones (116) - belegten, wie gut der Ex-Leverkusener eingebunden war. Die Liverpool-Fans wählten ihn hinterher zu ihrem "Man of the Match".
In der Schlussphase allerdings konnte auch Wirtz seiner Mannschaft nicht die nötige Ruhe verschaffen. Als die Spurs in Unterzahl (Rot für Xavi, 33.) urplötzlich auf 1:2 verkürzten (Richarlison, 83.), geriet der Meister gehörig ins Schwimmen und wackelte nicht minder bedenklich, als auch noch Tottenham-Kapitän Cristian Romero Gelb-Rot gesehen hatte (90.+3).
In der am Ende elfminütigen Nachspielzeit "hatten sie, glaube ich, zu 95 Prozent den Ball", staunte auch Slot nicht schlecht. "Immer, wenn wir ihn hatten, haben wir ihn weggeschlagen oder weggeworfen. Es war unglaublich, dass wir es nicht geschafft haben, ihn länger zu halten. Es hat ausgesehen, als wären wir zu neunt und sie zu elft, es war Angriff auf Angriff auf Angriff."
Nach Isak auch Frimpong ein- und ausgewechselt
Mitten in diesem Durcheinander wechselte Slot nicht nur Wirtz aus, sondern auch Jeremie Frimpong, der erst nach einer Stunde für Isak gekommen war und damit nach rund zwei Monaten Verletzungspause sein Comeback gefeiert hatte. Der Grund: Als sein Landsmann an der Lippe blutete, nahm er ihn lieber vom Feld, weil dieser nach der Behandlung auf dem Platz nicht sofort wieder hätte mitmischen dürfen. "Ich wollte nicht für 30 Sekunden in Unterzahl sein", erklärte Slot, was alles über Liverpools fahriges Finish sagte.
Weil dieses nicht bestraft wurde, sind die Reds über Weihnachten punktgleich mit dem Tabellenvierten FC Chelsea und scheinen mit dem dritten Pflichtspielsieg in Serie das Momentum wieder gedreht zu haben. "Ich habe es schon letzte Woche gesagt: Die Spieler werden besser, die Mannschaft wird besser", ist Slot erleichtert. "Es war heute nicht perfekt, aber ich sehe, wie sie sich in eine Richtung entwickelt, wie es mir gefällt."
Die Chance, nach den Feiertagen nachzulegen, steht nicht schlecht: Mit Wolverhampton (H, 27. Dezember), Leeds (H, 1. Januar) und Fulham (A, 4. Januar) stehen nun drei vermeintlich gut lösbare Aufgaben an, ehe am 8. Januar das Gipfeltreffen beim FC Arsenal wartet.