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Buchautoren nach WM-Märchen: "Nicht die letzte Medaille dieser Generation"

kicker

Christoph Stukenbrock und Moritz Löhr, die seit mehreren Jahren gemeinsam für den Sport-Informations-Dienst (SID) arbeiten und Autoren des Buches SHEROES sind, haben mehrere Nationalspielerinnen im Vorfeld des Turniers begleitet. Im Interview sprechen sie über die Erwartungen vor der WM, gewachsene Überzeugungen sowie strukturelle Hürden - und darüber, warum diese Mannschaft mehr hinterlassen könnte als nur eine Medaille.

Christoph, Moritz - ihr habt für euer Buch SHEROES zahlreiche Nationalspielerinnen begleitet und porträtiert. Hattet ihr schon vor der WM das Gefühl, dass da etwas Besonderes entstehen kann?

Christoph Stukenbrock: Wenn wir beide vorher miteinander gesprochen haben, war für uns klar: Das Viertelfinale ist absolut realistisch, eigentlich auch das Halbfinale. Dass es dann in dieser Deutlichkeit passiert ist, war nach den Erfahrungen der letzten Jahre allerdings nicht zu erwarten. Wir sind davon ausgegangen, dass es im Turnierverlauf schwierige Phasen geben würde - dass diese Mannschaft aber so souverän damit umgeht und beispielsweise Frankreich derart dominiert, das war schon außergewöhnlich.

Was man sagen muss: Die Spielerinnen waren sehr in sich ruhend, sehr überzeugt von ihrer eigenen Stärke. Dass sie dieses Selbstverständnis dann so konsequent auf die Platte bringen, hat sie vielleicht selbst noch einmal überrascht.

"Mannschaft wirkt anders als bei vergangenen Turnieren"

Moritz Löhr: Absolut, vor allem wegen der Art und Weise. Sie sind ja nicht irgendwie ins Halbfinale gekommen, sondern haben auf dem Weg dorthin wirklich beeindruckt. Durch unsere Arbeit am Buch und die Nähe zu einigen Protagonistinnen hatte man vor dem Turnier eine gewisse Zuversicht gespürt. Und während des Turniers ist dann spürbar etwas zusammengewachsen.

Ich habe Christoph mehrfach gesagt: Diese Mannschaft wirkt anders als bei vergangenen Turnieren. In den Gesprächen nach den Spielen, in der Mixed Zone - da war eine andere Energie, ein anderes Selbstverständnis. Das war sehr auffällig.

Was genau war anders?

Moritz Löhr: Es war nicht dieses klassische "Wir glauben an uns", weil man es sagen muss. Ich hatte das Gefühl, sie glauben wirklich an das, was sie sagen. Diese Überzeugung hat die Mannschaft durch das Turnier getragen. Angefangen in Stuttgart, dann Dortmund - und spätestens ab dem Viertelfinale war da ein Selbstverständnis, das man greifen konnte.

Das ging so weit, dass sie zurecht daran geglaubt haben, sogar das Finale gewinnen zu können. Und wer das Endspiel gesehen hat, wird zustimmen: Norwegen war an diesem Tag schlagbar. Das hätte man vor dem Turnier kaum für möglich gehalten.

Beim Lesen der Porträts in eurem Buch fällt auf, wie viele Umwege, Rückschläge und Brüche es in den Karrieren der Spielerinnen gab. Kann das - auf eine gewisse Weise - sogar ein Vorteil gewesen sein?

Moritz Löhr: Das lässt sich natürlich nicht eindeutig belegen. Aber ich glaube schon, dass viele dieser Spielerinnen es gewohnt sind, Widerstände zu überwinden, vermutlich sogar noch etwas mehr als ihre männlichen Kollegen. Allein der dauerhafte Kampf um Sichtbarkeit und Anerkennung verlangt viel.

Dazu kommt, dass viele Frauen im Handball lange Zeit stärker auf zusätzliche Arbeit angewiesen waren, weil die Förderung geringer ist. Das prägt. Ich kann mir gut vorstellen, dass genau diese Erfahrungen zumindest dazu beigetragen haben, mit Druck und Rückschlägen besser umzugehen.

Christoph Stukenbrock: Und man darf nicht vergessen, wie jung diese Mannschaft eigentlich ist. Wenn man von "bestem Handballalter" spricht, klingt das fast übertrieben. Viele haben noch sehr viele Jahre vor sich. Dieses Turnier kann für diese Generation ein echtes Schlüsselerlebnis gewesen sein, gerade vor heimischem Publikum.

Ich bin überzeugt: Das war nicht die letzte Medaille dieser Mannschaft.

Mannschaft hat Bühne genutzt

Nach diesem Turnier wird viel vom möglichen "Boost" für den Frauenhandball gesprochen. Wie realistisch ist eine nachhaltige Entwicklung, auch in Sachen Sichtbarkeit?

Christoph Stukenbrock: Der Wunsch ist natürlich, dass sich diese Entwicklung verstetigt. Der sportliche Erfolg hilft enorm, genauso wie die Aufmerksamkeit auf der Zielgeraden des Turniers. Jetzt wird sich aber zeigen, ob der Markt dafür bereit ist.

Und mit Markt meine ich Sponsoren, Medien und auch Zuschauer. Wenn wir nach der WM wieder in die Situation kommen, dass in der Handball Bundesliga Frauen nur ein paar hundert Zuschauer in den Hallen sind und Spiele hauptsächlich im Internet-Stream stattfinden, wird es schwer.

Das ist kein Vorwurf an Einzelne, aber vielleicht müssen sich Sponsoren auch fragen, ob sie ausschließlich im Männerhandball investieren oder ob es Zeit ist, andere Schwerpunkte zu setzen. Das ist ein langer Weg, aber jetzt ist zumindest ein Anlass da, ernsthaft darüber nachzudenken.

Moritz Löhr: Ich sehe das ähnlich. Entscheidend ist das Thema "in Vorleistung gehen". Es war enorm wichtig, dass ARD und ZDF diesem Turnier eine große Bühne gegeben haben. Und genauso wichtig, dass die Mannschaft diese Bühne genutzt hat.

Die Einschaltquoten in der K.o.-Phase zeigen, dass Interesse da ist. Aber diese Bühne entsteht nicht von allein. Sie muss geschaffen werden - und dafür braucht es Mut und Investitionen.

Auf der ersten Seite eures Buches steht der Satz: "Die Zeit ist reif." Was meint ihr damit?

Christoph Stukenbrock: Diese Sportlerinnen bringen alles mit, um Stars zu sein. Sportlich haben sie das jetzt endgültig unter Beweis gestellt. Gerade die K.o.-Phase dieser WM war überragend.

Aber es geht nicht nur um Leistung. Uns hat während der Bucharbeit vor allem das Auftreten beeindruckt: die Nahbarkeit, die Offenheit, die Verbindlichkeit in Gesprächen. Im Handball sind die Wege zu den Protagonisten ja ohnehin kürzer. Bei den Frauen ist das noch einmal auf einem anderen Level.

Moritz Löhr: Wir wurden nie enttäuscht.

Christoph Stukenbrock: Genau. Und das ist keine Frage des Buchprojekts. Das zeigt sich auch im Umgang mit Fans, mit Autogrammwünschen, mit Kindern. Deshalb sagen wir: Die Zeit ist reif, dass diese Sportlerinnen dauerhaft eine größere Bühne bekommen.

Moritz Löhr: Und das auch als Vorbilder. Gerade bei den Länderspielen hatte ich den Eindruck, dass extrem viele Kinder in den Hallen waren. Diese Nähe, diese Zugänglichkeit, das ist etwas sehr Besonderes.

Dölls Weg ist wirklich außergewöhnlich

Gab es eine Geschichte, die euch besonders im Kopf geblieben ist?

Moritz Löhr: Da gibt es viele. Während des Turniers musste ich oft an Antje Döll denken. Ihr Weg ist wirklich außergewöhnlich: Im Juniorinnenalter hieß es, das reicht alles nicht. Dann die Umschulung vom Kreis auf Außen, das Nationalmannschaftsdebüt mit 28. Und neun Jahre später wird sie beste Linksaußen einer WM und gewinnt Silber.

Ein absolutes Märchen. Und diese Geschichte im Detail von ihr erzählt zu bekommen, war etwas, was bei mir wirklich hängengeblieben ist.

Wie ist aus all dem schließlich die Idee für das Buch entstanden?

Christoph Stukenbrock: Ich saß bei der Europameisterschaft der Frauen in Wien und hatte einfach wieder Lust, ein Buch zu schreiben. Parallel habe ich gesehen, wie wenig Bühne diese Sportlerinnen bekommen. Anfangs waren das zwei getrennte Gedanken, aber irgendwann wurde mir klar, dass man das verbinden kann.

Es gab früh positive Gespräche, mit Verlagen, aber auch mit Verantwortlichen im Handball. Viele Türen waren zumindest angelehnt. Dass das Projekt jetzt mit SHEROES den Titel bekommen hat, den es verdient und dann auch noch mit diesem Turnierverlauf zusammenfällt, ist natürlich eine besondere Geschichte.

Moritz Löhr: Die Rückmeldungen, sowohl von Spielerinnen wie von Fans, sind enorm. Vielen geht es gar nicht primär darum, wie es geschrieben ist, sondern dass diese Geschichten erzählt werden.

Christoph Stukenbrock: Genau. Und vielleicht noch ein Punkt, der mir wichtig ist: Ein Buch über Männerhandball gilt automatisch als relevant für alle. Bei einem Buch über Frauenhandball heißt es oft, das sei nur für Spielerinnen oder junge Mädchen. Das ist Unsinn. Diese Geschichten sind für jeden Handballfan lesenswert - und man kann sich davon als Sportler, als Trainer oder als Funktionär einiges abschauen.

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