Diese Diskussion ist überfällig. Und genau deshalb fühlt sich dieses Turnier so wichtig an.Deutschland holt Silber bei einer Heim-Weltmeisterschaft. Ein historischer Erfolg. Sportlich. Emotional. Gesellschaftlich. Und trotzdem steht nach dem Finale nicht nur eine Medaille im Raum, sondern eine Frage, die wir uns viel zu lange nicht gestellt haben:Warum musste es erst diesen Erfolg geben, damit Frauenhandball sichtbar wird?
Paywall ist kein Verbrechen - Unsichtbarkeit schon
Ja, Frauenhandball war zu sehen. In der Vor- und Hauptrunde bei dem Streaming Anbieter Sporteurope.TV, der sich schon lange vor dieser Heim-WM verpflichtet hatte, das Turnier zu übertragen. Der sich, als die große Aufmerksamkeit noch nicht da war, immer für den Frauenhandball entschieden hat. Und das zu einem vergleichsweise günstigen Preis. Vorerst war die Heim-WM also nur für Menschen innerhalb der Handball-Bubble zu sehen. Die Frage ist nämlich, wer sich ein Abo kauft, wenn man nicht selbst Handball spielt oder eine Verbindung zum Sport hat. Dazu kommt, dass viele sich grundsätzlich kein Abo kaufen wollen. Aus verschiedenen Gründen, wie zum Beispiel, dass eine Heim-WM einfach ins Free-TV gehört.
Aber genau hier liegt das Problem: Sichtbarkeit ist keine Frage des Preises, sondern der Haltung. Ein Sport, der hinter einer Paywall verschwindet - egal wie niedrig die Eintrittsschwelle ist - verschwindet aus dem Alltag. Aus Gesprächen. Aus Familien. Aus Kinderzimmern. Frauenhandball war nicht jahrelang "unattraktiv". Er war schlicht nicht da.
Diese WM-Finalrunde im Free-TV hat gezeigt, was passiert, wenn man Frauen nicht versteckt, sondern zeigt. 20,3 Prozent Einschaltquote im Halbfinale und 31,3 Prozent (5,79 Millionen Zuschauer:innen) im Finale. Diese Quoten sind kein Zufall. Sie sind ein Beweis. Und ein Gegenargument gegen alles, was man Frauenhandball jahrelang erklärt hat. Die Rekordquote des Finales macht deutlich, dass Frauensport seinen Platz nicht erst sucht, sondern ihn bereits gefunden hat.
Dass wir darüber sprechen, ist kein Angriff - es ist Fortschritt
Diese Debatte rund um die Sichtbarkeit des Frauensports wird oft als undankbar empfunden. Als Kritik an Sendern, an Verbänden, an Strukturen. Dabei ist sie etwas anderes: ein Zeichen von Reife. Feministische Kritik bedeutet hier nicht, Erfolge kleinzureden. Im Gegenteil: Sie nimmt sie ernst.
Denn nur wer glaubt, dass Frauenleistung Bedeutung hat, fordert mehr als ein kurzes Spotlight. Diese Diskussion entsteht nicht trotz des Erfolgs - sie entsteht wegen des Erfolgs. Weil diese Mannschaft gezeigt hat, dass sie dieses Niveau halten kann. Und dass Frauenhandball nicht geschützt, sondern getragen werden muss.
Erfolg ist wichtig. Punkt.
So ehrlich müssen wir sein: Ohne Erfolg gäbe es diese Aufmerksamkeit nicht. Keine Debatte. Keine Quote. Keine Reichweite. Erfolg ist keine Kapitulation vor einem unfairen System - er ist aktuell noch seine Eintrittskarte. Für dieses Team. Für diesen Sport. Für jede Spielerin, die davon träumt, nicht nur Leistung zu bringen, sondern auch gesehen zu werden. Das ist ungerecht. Aber es ist Realität. Und genau deshalb darf Erfolg im Frauenhandball nicht relativiert werden. Er ist nicht alles - aber er ist der Hebel.
Handball steht unter Druck - und Frauen sind Teil der Lösung
Der Blick nach vorne ist unbequem. Handball ist kein Selbstläufer mehr. Nicht bei jungen Menschen. Nicht im Wettbewerb mit Sportarten wie Basketball, die moderner auftreten, lauter kommunizieren, sichtbarer sind. Wenn Handball eine Zukunft haben will, dann muss er sich öffnen. Erzählen. Zugänglich sein. Und genau hier liegt eine riesige Chance: Frauenhandball bringt alles mit, was eine neue Generation anspricht - Emotion, Identifikation, Authentizität. Aber nur, wenn man ihn lässt.
Dieses Silber ist kein Endpunkt
Silber ist in diesem Moment mehr als Platz zwei. Es ist ein Statement. Für Investitionen. Für Sendeplätze. Für langfristige Konzepte. Für Respekt. Die Diskussion, die jetzt geführt wird, ist keine Nebensache. Sie ist der Kern. Denn Gleichberechtigung beginnt nicht bei Prämien oder Symbolen - sie beginnt bei Präsenz. Und die Chance für eine gleichwertige Sichtbarkeit. Dieses Turnier hat gezeigt, was möglich ist.Jetzt liegt es an uns allen, zu entscheiden, ob das ein Ausnahmezustand bleibt - oder endlich Alltag wird. Der Frauenfußball hat uns in den letzten zwei Jahren gezeigt, wie es geht. Und das hat nur funktioniert, weil Debatten rund um die Präsenz aufgekommen sind und dann auch noch der passende Erfolg kam. An diesem Punkt sind wir nun endlich auch!
Und wie geht es jetzt weiter?
Die wichtigste Frage nach diesem Finale ist nicht, wie lange wir über Silber sprechen. Sondern, was wir daraus machen. Die Zukunft des Handballs entscheidet sich nicht bei Weltmeisterschaften, sondern im Alltag danach. In Sendeplänen, nicht in Sonderformaten. In Nachwuchshallen, nicht nur in Arenen. Und in der Frage, ob Sichtbarkeit endlich als Investition verstanden wird - nicht als Risiko. Frauenhandball kann ein zentraler Teil dieser Zukunft sein. Gerade weil er anders erzählt. Nahbarer. Emotionaler. Weniger inszeniert, dafür ehrlicher. Aber nur, wenn man aufhört, ihn wie ein Zusatzprodukt zu behandeln.
Es braucht regelmäßige Präsenz im Free-TV oder zumindest öffentlich zugänglichen Räumen. Es braucht Storytelling, das über Turniere hinausgeht. Gesichter, die bleiben. Und Strukturen, die Erfolg nicht zur Voraussetzung machen, sondern zur Folge von Vertrauen. Denn wenn Handball gegen moderne Sportarten bestehen will, muss er nicht lauter werden - sondern zugänglicher. Wer junge Menschen erreichen will, muss sichtbar sein, bevor sie sich für eine Sportart entscheiden. Nicht erst, wenn Medaillen es rechtfertigen.
Diese Heim-Weltmeisterschaft hat gezeigt, dass das Interesse der Bevölkerung da ist. Die Einschaltquoten haben gezeigt, dass ein Großteil der Zielgruppe über 60 Jahre alt ist. Das zeigt auch, wie viel wir in Zukunft im Handball zu tun haben werden. Aber es schaut auch eine neue Generation zu - wenn man sie lässt.
Die Frage ist nicht, ob Frauenhandball eine Zukunft hat. Sondern, ob man bereit ist, diese Zukunft ernsthaft zu ermöglichen. Silber war kein Endpunkt. Es war ein Testlauf.
Und diesmal gibt es keine Ausrede mehr, warum es nicht weitergehen sollte.
??Josefine Schneiders ist eine der lautesten Stimmen des Handballs. Auf Instagram legt sie regelmäßig den Finger in die Wunde und spricht vor über 50.000 Follower*innen über Gleichberechtigung, mentale Stärke und strukturelle Probleme im Sport. Die 26-Jährige schnürte bis in den Winter 2025 selbst noch die Schuhe für die TSG Bretzenheim in der 2. Liga, ehe eine Verletzung sie ausbremste.
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