Es mag eine Binsenweisheit im (Profi-)Sport sein, aber: In einem neuen Verein anzukommen, ist immer ein Prozess. Und Juri Knorr ist, sechs Monate nach seinem Wechsel zu Aalborg Håndbold, noch mittendrin.
"Ich werde hier manchmal aufgezogen, dass ich nach Toren, die ich werfe, nicht jubele", schmunzelt der 25-Jährige und hat die Erklärung sofort parat: "Das war immer so, wenn ich zu neuen Vereinen gekommen bin. Es ist für mich ein Prozess, um wirklich anzukommen. Es dauert, bis man das richtig, richtig fühlt; sich richtig als Teil des Ganzen fühlt."
Dieses Gefühl, auch das ergänzt Knorr ohne zu zögern, "kommt jetzt mehr und mehr". Er hat sich in der neuen Stadt eingelebt und schon die ersten Interviews auf Dänisch gegeben - "auch wenn es Phasen gab, wo ich gedacht habe: Hör mir mit dieser Sprache auf."
Und ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass der deutsche Nationalspieler sportlich ohnehin schon längst angekommen ist: 121 Tore erzielte Knorr bisher für Aalborg Handbold, er avancierte damit - hinter Thomas Arnoldsen (125) und Buster Juul (124) - auf Anhieb zu einem der drei besten Werfer.
Im Video: Besuch bei Juri Knorr in Dänemark
Hinweis: Das Video entstand in Kooperation mit der DVAG.
Erfolgreicher Start in Aalborg
Dabei verpasste er die Anfangsphase der Saison verletzungsbedingt. "Das war ärgerlich in dem Moment", blickt er zurück. Aber seit dem Comeback feierte er in 28 Spielen mit seinem neuen Team 26 Siege.
Der dänische Topklub überwintert in Dänemark als ungeschlagener Tabellenführer, gewann zu Saisonbeginn den dänischen Supercup, machte im Pokal den Einzug ins Final Four perfekt und kassierte lediglich eine Niederlage in der Champions League - bei den Füchsen Berlin. "Es läuft für uns als Mannschaft echt gut", fasst auch Knorr durchaus zufrieden zusammen, "und auch ich bin immer besser reingekommen".
Das sieht auch Trainer Simon Dahl so. "Juri hat das wirklich gut gemacht, er gibt unserem Spiel sehr viel", lobt der Chefcoach von Aalborg. Das sei nicht selbstverständlich: "Ein neues Land, eine neue Sprache, neue Spieler, eine neue Liga: Für Juri war alles neu", so Dahl weiter.
"Wir hatten viel Respekt, wie es für ihn wird, jede Woche in der Champions League harte Spiele zu machen und dazu auch harte Spiele in der Liga zu haben. Seine Torausbeute schwankt noch etwas, aber wir sind glücklich, ihn hier zu haben", betont Dahl.
Späth: "Er spielt überragend"
Für Knorr ist neben allen anderen neuen Erfahrungen vor allem die Anspruchshaltung in Aalborg eine neue Erfahrung. "Das große Ziel ist es, die Champions League zu gewinnen. Das spürt man die ganze Zeit, auch vom Trainerteam."
"Und das kriegt man dann auch mit, wenn man mal nicht so performt", beschreibt es der 25-Jährige. "Ich habe es so in der Form noch nicht erlebt, dass es so notwendig ist, Spiele zu gewinnen. Aber wahrscheinlich braucht es das einfach, um das wirklich über eine ganze Saison zu schaffen."
Sein härtester Kritiker ist Knorr vermutlich selbst. "Als Außenstehender sage ich, er spielt überragend, er selbst wird sagen: Es geht", grinst David Späth. Der deutsche Nationaltorhüter und Knorr sind seit der gemeinsamen Zeit bei den Rhein-Neckar Löwen eng befreundet, sie schreiben und telefonieren seit dem Sommer regelmäßig.
Der Wechsel sei für seinen Kumpel "einfach der richtige Schritt gewesen", ist sich Späth sicher. "Juri ist ein sehr selbstkritischer Mensch und brutal ehrgeizig, aber er wird immer zufriedener, je mehr er reinkommt und je mehr Spielzeit er bekommt. Das ist schön zu sehen."
Abwehr kommt hinzu
Nachdem Knorr anfangs bei Aalborg nur offensiv eingesetzt wurde, erhält er nach und nach immer mehr Spielzeit in der Abwehr. "Er ist ein fantastischer Spieler, gerade im Angriff, aber wir wollen ihn auch in der Defensive einsetzen", sagt Dahl. "Ich finde, er ist ein guter Verteidiger und sehr, sehr stark im Gegenstoßspiel."
Knorr bedeutet das wachsende Vertrauen viel: "Dass die Abwehr jetzt immer mehr dazukommt, freut mich natürlich, weil es mir hilft, ein kompletterer Handballspieler zu sein." Und das nicht nur in Aalborg sondern auch im Handball-Nationalteam.
Handball-EM in Dänemark
Bevor es am 7. Februar mit Aalborg weitergeht, steht für Juri Knorr die Handball-Europameisterschaft mit der deutschen Nationalmannschaft an. Der Spielort ist das rund 130 Kilometer südlich von seinem neuen Zuhause gelegene Herning.
Knorr, Späth und Co. stehen gegen Spanien, Österreich und Serbien bereits in der Vorrunde unter Druck. "Der Turnierbaum ist hart, es ist so dicht besetzt", sagt der Spielmacher mit Blick auf die Hauptrunde, wo Duelle mit den Topteams Dänemark, Frankreich, Norwegen und Portugal drohen. Nur zwei dieser Teams kommen am Ende weiter.
"Wir müssen eigentlich verlustpunktfrei in die Hauptrunde kommen, um überhaupt eine realistische Chance zu haben, ins Halbfinale einzuziehen", weiß Knorr. Auf große Kampfansagen verzichtet der 25-Jährige. "Wir lassen das auf uns zukommen", hält der Spielmacher fest.
"Wir wissen, dass wir gut sind und immer besser werden", betont der Rückraumspieler. Immer besser werden: Das will Juri Knorr mit der Nationalmannschaft und mit Aalborg - und dann wird er auch dort nach Toren irgendwann endlich jubeln.
Weitere Videos mit Juri Knorr:
Ankunft in Aalborg mit David Späth:
Abschied von den Löwen mit Umzugshelfer David Späth:
Julia Nikoleit