Viola Leuchter bei der Männer-EM? Alfred Gislason lachte. "Sie macht einen sehr guten Eindruck mit ihren 21 Jahren", sagte der Männer-Bundestrainer am Rande der Frauen-WM - und winkte mit Blick auf die EM im Januar dann doch schmunzelnd ab. Man habe schließlich "auch sehr junge Linkshänder bei uns, die auch super talentiert sind".
Die Position im rechten Rückraum, das antizipierte die ZDF-Reporterin mit ihrer Frage durchaus treffend, gilt wenige Wochen vor dem Saisonhöhepunkt als Achillesferse im deutschen Spiel.
Noch keine Anfrage an Gaugisch
"In der WhatsApp-Gruppe gab es auch noch keine Anfrage", hatte Markus Gaugisch, Bundestrainer der Frauen auf der Pressekonferenz nach dem Viertelfinalsieg über Brasilien betont.
"Vio macht es super. Sie kriegt hinten von de Paula zweimal einen Kompass verteilt und trotzdem macht sie vorne weiter. Wir haben über diese Situation gesprochen, aber jede Spielerin der Welt bekommt das von de Paula. In der Mehrzahl haben wir es gestoppt. Vio ist trotzdem so cool nach vorne zu arbeiten und dort ihren Job zu machen. Das ist top."
Weil Renars Uscins und Franz Semper momentan nicht konstant auf höchstem Niveau performen, könnte bei der Kaderbekanntgabe am Mittwoch - nein, nicht die erneut als beste WM-Nachwuchsspielerin ausgezeichnete Leuchter - sondern Routinier Kai Häfner zum Kaninchen werden, das Gislason aus dem Hut zaubert.
Der 36 Jahre alte Europameister von 2016, der nach den Olympischen Spielen seine DHB-Karriere eigentlich beendet hat, steht jedenfalls im erweiterten 35er-Aufgebot und signalisierte bereits, sich für den Notfall bereit zu halten. Und nur aus diesem Kader kann Gislason seine Wahl treffen.
Wenig Fragezeichen offen
Ansonsten sind die meisten EM-Tickets vergeben, wenn drei Tage nach dem Silber-Coup der Frauen die Männer wieder in den Fokus rücken und der Bundestrainer in Dortmund sein Kader-Geheimnis lüftet. Kapitän Johannes Golla? Gesetzt. Spielmacher Juri Knorr? Nicht wegzudenken. Tor-Krake Andreas Wolff? Kaum ersetzbar. Doch ein paar Fragezeichen bleiben.
Zehn Junioren-Weltmeister von 2023 gehören zum Pool für die Europameisterschaft im Januar in Dänemark, Schweden und Norwegen (15. Januar bis 1. Februar). Vier Spieler auf der Liste der potenziellen EM-Fahrer haben sogar noch gar keinen Einsatz im A-Team. Das Potenzial im deutschen Männerhandball ist zweifellos so groß wie lange nicht, Gislason hat die Qual der Wahl.
Schwere Vorrundengruppe
Leichte Entwarnung gab es am Dienstag bei Justus Fischer. Der Kreisläufer der TSV Hannover-Burgdorf gab trotz eines Muskelfaserrisses im linken Oberschenkel vorsichtig Entwarnung.
"Die Behandlung läuft sehr gut. Anfangs hatte ich beim Gehen Schmerzen, das ist jetzt schon nicht mehr der Fall. Ich mache gute Fortschritte. Und wenn alles nach Plan läuft, denke ich, dass ich im Januar wieder fit bin und mit der Nationalmannschaft angreifen kann - falls ich nominiert werde", sagte der 22-Jährige gegenüber handball-world.
Gislason dürfte das freuen. Zumal mit Spielmacher Luca Witzke (Schulter-OP) bereits eine feste Größe der letzten Turniere ausfällt. Der erfahrene Isländer sprach kürzlich von der EM als die bislang anspruchsvollste Aufgabe seiner Trainer-Karriere. "Unsere Hälfte des Turniers ist extrem hart. Es wird das härteste Turnier sein, das ich je gespielt habe", sagte Gislason im Interview mit eurohandball.com.
Bereits in der Vorrunde trifft die DHB-Auswahl um Anführer Golla in Gruppe A auf Spanien, Österreich und Serbien. In der Hauptrunde könnte den Olympia-Zweiten von Paris ein Topfeld mit Titelverteidiger Frankreich, Weltmeister und Olympiasieger Dänemark, Norwegen und WM-Viertelfinalschreck Portugal erwarten. "Jeder Punkt, vielleicht sogar jedes Tor, könnte entscheidend sein", sagte Gislason. Entsprechend wichtig wird die Zusammenstellung des Personals.