Herr Krieg, wie waren Ihre ersten Monate bei den Atlanta Falcons?
Ich würde sagen sehr erlebnis- und lehrreich. In erster Linie aber einfach zum Genießen. Es war eine gute Zeit, um die Mannschaft und die Trainer besser kennenzulernen, als auch um als Team zusammenzuwachsen. Es macht bisher einen Riesenspaß.
In der Preseason konnten die Fans einige weite Kicks von Ihnen bestaunen. Sind Sie manchmal selbst davon überrascht, wie cool Sie mit der neuen Situation umgehen?
Ich würde es nicht unbedingt überrascht nennen. Ich glaube es ist eher das Resultat meiner harten Arbeit, die ich in den Sport stecke und die der Football mir so zurückgibt. Durch mein Training und die mentale Vorbereitung, war ich auf die neue Challenge vorbereitet. Aber klar ist es toll, in solchen Momenten die Liebe von den Leuten aus Deutschland und Atlanta zu spüren.
Haben Sie den Eindruck, dass das Niveau der NFL-Kicker in den letzten Jahren gestiegen ist?
Definitiv. Erst recht, wenn man sieht, aus welchen Distanzen Kicker heutzutage relativ entspannt kicken können. Da werden wir in Zukunft immer weitere Entfernungen beobachten können. Cam Little von den Jacksonville Jaguars hat beispielsweise in der Preseason beispielsweise die 70 Yards geknackt. Ich sehe auch regelmäßig Clips aus Trainings oder Warmups, wo Leute aus 70 Plus Yards kicken. Da ist klar ein Trend zu beobachten.
Woran liegt das? Bessere Technik, mehr Ressourcen oder vielleicht neue Analyse-Tools?
Ich glaube, das ist wie in jeder Sportart. Rekorde werden mit der Zeit immer wieder gebrochen. Ein Faktor, der bei uns entscheidend Einfluss nimmt, sind die Kicker-Bälle. Die dürfen inzwischen früher vorbereitet werden. Das führt dazu, dass sie leichter zu treten sind.
Lassen Sie uns über Ihre persönliche Entwicklung sprechen: Waren Sie aus athletischer Sicht für die NFL bereit als Sie in die USA kamen?
Ich würde schon sagen, dass ich so gut vorbereitet wie möglich kam. Durch die ganzen Recovery-Möglichkeiten wird es einem hier in Atlanta aber auch leicht gemacht, seine Form zu halten und sich stetig zu verbessern. Ich bin auf jeden Fall fitter geworden und das Wichtigste: ich bin verletzungsfrei geblieben. Und das obwohl wir ein relativ hohes Volumen fahren beim Training.
Wie hoch ist das Risiko sich als Kicker zu verletzen?
Unsere Verletzungen kommen anders als bei anderen Positionen nicht durch Kollisionen, sondern häufig geht es um Probleme im Kicking-Bein, im Hüftbeuger oder in der Leiste. Ähnlich wie beim Fußball.
Dominik Eberle (ehemaliger deutscher NFL-Kicker, Anm. d. Red.) schwärmt in den höchsten Tönen von Ihnen. Sind Sie regelmäßig im Austausch?
Wir haben uns vor dem Beginn der ELF-Saison 2024 kennengelernt. Seit er in Berlin wohnt, waren wir ein paar Mal zusammen trainieren. Er hat mir auch bei der Vorbereitung auf das International Player Pathway Program geholfen. Dominik ist damals den Weg gegangen, den ich jetzt gehen will. Ihn an meiner Seite zu wissen, ist super wertvoll für mich. Ich befrage ihn zu allen möglichen Themen wie welchen Agenten man sich suchen sollte, welche Kicking-Coachs in den USA die besten sind oder generell zum NFL-Business.
Die Preseason der Atlanta Falcons lief nicht wie gewünscht. Wie ist trotz des schwachen Starts aktuell die interne Stimmung?
Die Stimmung ist gut. In der Preseason geht es für das Franchise darum, möglichst viel auszuprobieren und Kompatibilität zwischen Schemes und Spielern auszutesten. Deshalb tun die Ergebnisse lange nicht so weh, wie in der Regular Season. Zuletzt waren aber Strafen ein Problem, vor allem offensiv. Sowas müssen wir uns eher ankreiden lassen, als den Endstand.
In Deutschland dreht sich derzeit schon viel um das Berlin-Spiel im November. Dort werden die Falcons als Auswärtsteam vor Ort sein. Sie sind selbst Berliner und Hertha-Fan: Wie groß ist der Traum vom Olympiastadion?
Absolut, ja. Das ist meine Heimat. Ich bin nicht weit weg vom Stadion aufgewachsen und klar, dass die NFL jetzt quasi in meine Stadt geht, um da ein Spiel auszutragen, das finde ich großartig. Dass ich jetzt auch noch ausgerechnet bei einem der beiden Franchises spiele, ist natürlich umso besser. Trotzdem: Das Berlin Game liegt noch weit in der Zukunft für mich. Ich denke da noch relativ wenig daran, weil noch viele Schritte davor passieren müssen. Aber ich freue mich für die Stadt Berlin und für die deutschen Football-Fans, die quasi das Produkt NFL an die Haustür geliefert bekommen.
Kann American Football im Olympiastadion mit der Stimmung in der Ostkurve von Hertha BSC mithalten?
Schwierig. Die Ostkurve macht das schon sehr, sehr stark. Bei NFL-Deutschland-Spielen treffen sich einfach viele Fans des Sports - nicht nur Falcons- und Colts-Fans, sondern Football-Liebhaber aus Deutschland und der ganzen Welt. Zusammen entsteht da eine einmalige Atmosphäre. Beim Fußball geht es viel mehr um die beiden Fanlager, die jeweils immer für geile Stimmung sorgen. Deswegen will ich da ungern Vergleiche ziehen.