Es gibt zwei Dinge, die ein Franchise langfristig betrachtet mehr als fast alles andere signifikant zurückwerfen können: Das eine ist ein fehlgeschlagener Rebuild, in dem man viel investiert hat, nur um dann zu merken, dass man seine Zukunft an die falschen Spieler, Coaches oder auch Strategien geknüpft hat.
Das andere ist das aggressive Öffnen eines Win-Now-Fensters, nur um dann zu merken, dass dieses Fenster nie real war. Häufig, weil man sich im Quarterback geirrt hat. Und dann steht man vor dem Scherbenhaufen eines Kaders und ohne Antwort auf der wichtigsten Position.
Für Letzteres sind die Miami Dolphins ein gutes Beispiel. Mit den Trades für Tyreek Hill und Bradley Chubb, der Verpflichtung von Terron Armstead sowie einigen aggressiven Moves im Draft wollte man ein Super-Bowl-Fenster um Tua Tagovailoa herum öffnen. Das aber war nie wirklich realistisch und ist eigentlich schon letztes Jahr, spätestens aber mit dieser Saison auch endgültig krachend gescheitert.
Für Ersteres kann man dieses Jahr nach Las Vegas schauen. Die Raiders investierten viel, um mit Pete Carroll, Chip Kelly, Geno Smith und Top-Pick Ashton Jeanty den schnellen Turnaround einzuleiten und einen Umbruch innerhalb einer Offseason hinzubekommen. Der Versuch scheiterte krachend; Carroll wurde bereits entlassen, Smiths Nachfolger wird vermutlich im kommenden Draft ausgewählt, wo die Raiders den Nummer-1-Overall-Pick haben. Das Franchise steht am Nullpunkt.
Die Broncos nach Wilson und Hackett am Boden
Die Denver Broncos standen nach der 2021er Saison da, wo die Raiders in der vergangenen Offseason standen. Nach fünf Saisons in Folge mit negativem Record hatte man sich erst von Vance Joseph, dann von Vic Fangio getrennt. Zum dritten Mal in sechs Jahren suchten die Broncos also einen neuen Head Coach.
Und auch das Quarterback-Karussell drehte sich munter weiter. In diesem Zeitraum hatten sich unter anderem Trevor Siemian, Case Keenum, Joe Flacco, Drew Lock und Teddy Bridgewater als Starter versucht.
Die Broncos waren ebenfalls bereit für einen großen Move, und sie waren bereit, nach Jahren irgendwo zwischen Liga-Keller und unteres Mittelmaß, dafür ein großes Risiko einzugehen.
Das Risiko war die Kombination aus First-Time-Head-Coach Nathaniel Hackett, kombiniert mit dem All-In-Trade für Seahawks-Quarterback Russell Wilson. Zwei Erstrunden-Picks, zwei Zweitrunden-Picks und einen Fünftrunden-Pick schickten die Broncos nach Seattle, zusätzlich zu Tight End Noah Fant, Defensive Lineman Shelby Harris und Quarterback Drew Lock.
Es war ein Preis, den man für einen Superstar Franchise Quarterback bezahlt. Das war das, was Wilson über Jahre in Seattle war, und was er jetzt für Denver sein sollte. Seit den Peyton-Manning-Jahren hatten die Broncos nicht mehr einen derartigen Hype erlebt, die Vorfreude vor der Saison war greifbar.
Der schnelle Turnaround unter Sean Payton
Jeder kennt den Rest der Geschichte. Hackett erwies sich in der Head-Coach-Rolle als komplettes Debakel, und der einzige Trade, der in den vergangenen Jahren noch schlechter gealtert ist als der Wilson-Trade, ist der der Cleveland Browns für Deshaun Watson.
Hackett wurde noch vor dem Ende seiner ersten Saison entlassen. Die Broncos beendeten das Jahr mit lediglich fünf Siegen und standen nach der 2022er Saison ohne Head Coach, mit signifikant limitiertem Draft-Kapital und ohne Quarterback - auch wenn Wilson natürlich noch nominell im Team war - da. Das Franchise war komplett am Boden.
Dann kam Sean Payton. Die Broncos gewannen 2023 im ersten Jahr unter Payton nach einem schwierigen Start prompt acht Spiele, während das Team weiter klare Baustellen und Fragezeichen hatte. Angefangen mit dem Quarterback: Wilson bestritt in jener Saison noch 16 Spiele, aber es war offensichtlich, dass er nicht die Antwort ist.
Das machte Payton mit seinen anschließenden Entscheidungen, und auch mit einigen Aussagen überdeutlich. Die Broncos trennten sich von Wilson und waren bereit, dafür einen historisch hohen Dead Cap Hit zu schlucken.
Die Tatsache, dass 2024 ein außergewöhnlich starker Quarterback-Draft wartete, machte die Entscheidung leichter. Denver bekam hier zwar nur die sechste Option, nachdem fünf Quarterbacks mit den ersten zehn Picks vom Board gegangen waren. Aber während man über Bo Nix individuell nach wie vor hervorragend diskutieren kann, ist zumindest klar: Er passt in Paytons Offense und das Duo gewinnt viele Spiele.
Welche Version der Broncos-Offense bekommen wir?
Das wiederum wirft eine größere Frage auf, die direkt und indirekt die Kernfrage für dieses Broncos-Team ist. Denn wenn man sich überlegt, wie weit es für Denver in diesen Playoffs gehen kann, muss man folgende Frage beantworten: Welche Version der Broncos-Offense bekommen wir in dieser Postseason?
Diese Offense hatte ausgesprochen frustrierende Spiele im Laufe der Saison. Das 10:7 im Thursday Night Game gegen die Raiders in Woche 10 war vermutlich das Lowlight, aber auch etwa gegen die Jets, gegen die Jaguars und selbst in Woche 17 gegen die Backups der Chiefs und in Woche 18 gegen die Backups der Chargers tat sich die Offense schwer.
Und dann gab es Spiele wie gegen die Giants und Eagles, in denen die Offense über zwei bis drei Viertel komplett abgemeldet war, nur um dann hinten raus zu explodieren und ein Spiel spät noch zu gewinnen.
Oder anders formuliert: Vielleicht keine Offense war so extrem Hot-and-Cold wie die der Broncos in dieser Saison. Die Eagles wären wohl am ehesten das NFC-Pendant dazu.
Gerade gegen schwächere Teams hatte es häufig den Anschein, als würde Denver mit angezogener Handbremse spielen. Das galt in puncto Play-Calling, aber auch Nix individuell wirkte dann teilweise extrem konservativ und vorsichtig. Wenn sie dann gezwungen waren, das Playbook zu öffnen und aufzuholen, konnten sie häufig aber auch einen Schalter umlegen.
Die Broncos und das Spiel mit dem Feuer
Das ist einerseits beeindruckend. Andererseits auch ein gefährliches Spiel mit dem Feuer, wenn man Richtung Playoffs denkt. Denn: Teams, die regelmäßig so am Rande einer Niederlage wandeln - Denver stellte den Rekord für Siege in One-Score-Games in dieser Regular Season ein, elf Spiele gewannen die Broncos mit acht Punkten oder weniger Differenz -, laufen immer auch Gefahr, dass man mal nicht auf Kommando den Schalter umlegen kann.
Auch hier fällt die Parallele zu den Eagles ein, deren träge Offense gegen eine dezimierte Niners-Defense in der Wildcard Runde in der zweiten Halbzeit nicht mehr zurück ins Spiel fand.
Payton sprach vergangene Woche spezifisch die beiden Spiele zum Saisonabschluss gegen die Chiefs und die Chargers an und das deutlich: "Ich wünschte, ich könnte sagen, dass wir uns da zurückgehalten haben. Aber das Tape letzte Woche war offensiv nicht gut genug. Auch gegen Kansas City nicht. Es hat gereicht, um das Spiel zu gewinnen. Aber wir müssen präziser sein."
Und dann schob er den entscheidenden Punkt hinterher: "Wir werden jetzt über die nächsten Spiele auf gute Teams treffen, die punkten können. Und wir werden es mit unangenehmen Defenses zu tun bekommen."
Knackt Denver dieses Jahr die Bills?
Konkret warten am Samstag die Buffalo Bills. Das Team, gegen das Denver letztes Jahr in der Wildcard Runde chancenlos war. Mit 7:31 verloren die Broncos damals in Buffalo, in einem Spiel, das deutlich machte, dass Denver noch nicht in der Spitze der Conference angekommen war.
Dieses Jahr ist die Ausgangslage eine andere. Nicht nur, dass Denver als Top-Seed nach einer Pause erst in der Divisional Runde in die Playoffs einsteigt. Auch das restliche Playoff-Bild in der AFC ist ungewohnt.
Es gibt kein durch die Bank weg stark besetztes Ravens-Team. Keine bis an die Zähne bewaffnete Chiefs-Offense. Kein Bengals-Team, das offensiv aus allen Rohren feuert. Und auch die Bills selbst wirken anfälliger als in den vergangenen Jahren.
Es ist eine spürbar andere Perspektive.
Nichtsdestotrotz wird Buffalo auch dieses Mal eine beachtliche Hürde darstellen. Die Bills sind ohne Frage schwach in der Run-Defense - doch das Run Game der Broncos ist seit der Verletzung von J.K. Dobbins signifikant schwächer. Und die Bills könnten defensive Verstärkungen bekommen, unter anderem Maxwell Hairston und Ed Oliver kehren womöglich für das Spiel in Denver zurück.
Vor allem aber wartet natürlich Josh Allen auf der anderen Seite. Der hat bereits am Sonntag gegen Jacksonville einmal mehr gezeigt, wie er sein Team tragen kann. Das Matchup gegen die exzellente Broncos-Defense wird hier nochmal eine Ecke schwieriger.
Aber Allen, das haben auch Trevor Lawrence und die Jaguars in der Wildcard Runde schmerzhaft erfahren, ist kein Quarterback, gegen den man mit dem Feuer spielen sollte. Eine Halbzeit zu verschlafen, um sich dann spät im Spiel einen Shootout mit Allen zu liefern, ist eine sehr gefährliche Angelegenheit.
Und so geht der Blick natürlich auch auf Bo Nix. In seinen besten Spielen war Nix mitunter spektakulär. Kann er das auf den Punkt in den Playoffs abrufen? Kann er es, im Zusammenspiel mit Payton, konservieren?
Wie geht diese Broncos-Saison weiter?
Die Broncos haben unter Sean Payton bereits jetzt etwas geschafft, woran die meisten Teams scheitern: Nachdem Denver im Zuge letztlich katastrophaler Entscheidungen ohne Ressourcen, ohne Quarterback und ohne Head Coach da stand, gelang innerhalb von zwei Jahren der komplette Turnaround.
Schon im zweiten Jahr unter Payton schafften es die Broncos in die Playoffs. Dieses Jahr sind sie mit 14 Siegen der Nummer-1-Seed in der AFC. Das alleine ist eine gigantische Wende und für sich betrachtet schon ein Erfolg.
Ein Playoff-Spiel - egal, wie das am Samstag gegen die Bills ausgeht - ändert daran nichts. Aber natürlich wird es das darauf folgende Narrativ prägen. Sollten die Broncos sich direkt nach nur einem Spiel wieder aus den Playoffs verabschieden, wird unweigerlich die Frage gestellt werden, inwieweit es doch nur eine Saison der vielen knappen Siege war, in der Denver mit einer Portion Glück in einer ungewöhnlich schwachen AFC-Spitze die Pole Position holte.
So oder so wird die Frage kommen müssen, wie groß die zu erwartende Ergebnis-Regression in der kommenden Saison nach so vielen engen Siegen ausfällt. Division-Rivale Kansas City hat Selbiges dieses Jahr sehr deutlich zu spüren bekommen.
Aber sollte Denver die Bills ausschalten und im dritten Jahr unter Sean Payton das AFC Championship Game ausrichten, wäre das die nächste Bestätigung dafür, was Payton und sein Team in kurzer Zeit Außergewöhnliches geschafft haben.
Vor allem, wenn man bedenkt, wo dieses Team heute vor drei Jahren stand.
NFL-Kolumne von Adrian Franke: Eagles und Steelers brauchen einen Neustart - und die Packers?
Power Ranking zum Playoff-Start: Kein Top-Team ohne Fragezeichen Quarterback Ranking: Rodgers' letzter Run - und wie weit schleppt Herbert die Chargers? NFL-Coaching-Karussell: Diese Kandidaten könnten 2026 Head Coach werden NFL Draft Order 2026: Die aktuelle Top-10-Reihenfolge im Überblick Schlagzeilen aus der NFL