"Diese Niederlage hat wehgetan", sagt Amon-Ra St. Brown, als ihn der kicker im Juni am Rande eines Football-Camps für Kinder in München trifft.
Eigentlich war doch alles angerichtet: Mit 15 Siegen und nur zwei Niederlagen war er mit den Detroit Lions durch die vergangene Regular Season gestürmt, hatte die beste Saison der Franchise-Geschichte hingelegt und war ein integraler Teil der besten Offensive der NFL.
Der erste Super-Bowl-Einzug des jahrzehntelang erfolglosen Teams schien greifbar - und dann das: Gegen den krassen Außenseiter aus Washington setzte es schon im ersten Playoff-Spiel Mitte Januar ein 31:45. Aus der Traum. Vorerst jedenfalls.
"Jedes Jahr die Chance auf den Titel"
"Wir waren in der Umkleide sehr enttäuscht, aber nach ein paar Tagen war die Stimmung schon wieder anders", sagt St. Brown, Sohn eines ehemaligen Mister Universe und einer deutschen Mutter aus Leverkusen. "Wir haben eine junge Mannschaft und somit jedes Jahr die Chance auf den Titel." Neue Saison, neuer Anlauf.
Und auf den ersten Blick auch vielversprechende Aussichten: Die explosive Offensive rund um Quarterback Jared Goff, das wohl beste Running-Back-Duo der NFL in Jahmyr Gibbs und David Montgomery und eben St. Brown als verlässlichen Top-Receiver ist weitgehend zusammengeblieben. In der Defense kehrt Star-Spieler Aidan Hutchinson nach schlimmer Verletzung in der Vorsaison wieder zurück, der charismatische Head Coach Dan Campbell führt das Team weiterhin an.
Der 49-Jährige mit der imposant muskulösen Figur gilt als vielleicht bester Motivator unter den NFL-Coaches, als ein emotionaler Anführer, der einst bei seiner Antrittsrede verkündete, sein Team werde Gegnern "die Zähne eintreten und die Kniescheiben wegbeißen".
Das Entwerfen und Ansagen der Spielzüge überlässt er aber lieber anderen, seinen Coordinators. In der vergangenen Saison waren das Ben Johnson für die Offense und Aaron Glenn für die Defense. Beide machten ihren Job so gut, dass sie Head-Coach-Posten bei anderen Teams bekamen - Johnson bei den Chicago Bears innerhalb der Lions-Division NFC North, Glenn bei den New York Jets aus der AFC East.
Der Verlust der beiden Masterminds hinter dem Erfolg kann in der von Taktik geprägten NFL schwerer wiegen als der Verlust so mancher Spieler, auch wenn St. Brown betont: "Die Mannschaft ist immer nur so gut wie die Spieler.
Johnson hat die Lions geprägt
Aber vor allem Offensive Coordinator Johnson war mit seinen kreativen Spielzügen eben ein Meister darin, das Maximum aus der vorhandenen Qualität herauszuholen. Quarterback Goff etwa spielte unter Johnson die beste Saison seiner zuvor bei den Los Angeles Rams (2016 bis 2020) eher von lauem Durchschnitt geprägten Karriere.
Ob er diese Leistung auch unter Johnsons Nachfolger John Morton wiederholen kann? Der aus Denver geholte Assistenzcoach war bislang hauptsächlich in der zweiten Reihe von Trainerstäben aktiv. Wahrscheinlich wird diese eine der Kernfragen sein, an denen am Ende hängt, ob die Lions wieder ein Wort um den Titel mitreden können.
Eine unglaublich spannende NFC North
Detroit gehört zwar wieder zum engsten Favoritenkreis, doch selbst der Weg in die Playoffs ist alles andere als selbstverständlich. Mit den traditionell starken Minnesota Vikings und Green Bay Packers, die jüngst auch noch Micah Parsons als neues Pass-Rush-Monster von den Dallas Cowboys geholt haben, musste Detroit schon in den vergangenen Jahren teils hart um den Sieg in der NFC North kämpfen. Nun haben auch noch die Chicago Bears, das jüngst meist abgehängte vierte Team der Division, mächtig aufgerüstet - vor allem eben auf der Trainerposition. Neuer Head Coach der Bears schließlich: Ben Johnson.
„Wir wollen den Super Bowl gewinnen. Alles andere wäre eine Enttäuschung.“ (Amon-Ra St. Brown, Top-Receiver bei den Detroit Lions)
Schlägt er in Chicago so ein wie zuvor in Detroit, könnte sogar ein wilder Vierkampf um die Play-off-Plätze entbrennen. St. Brown indes überspringt dies und denkt schon einen Schritt weiter. Seit Einführung des Super Bowls im Jahr 1966 gibt es nur vier NFL-Mannschaften, die noch nie im größten Spiel dieses Sports standen - und die Lions sind eines davon.
Das soll sich ändern. Mehr noch: "Wir wollen den Super Bowl gewinnen. Alles andere wäre eine Enttäuschung."
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