Die Ausgangslage ist nach der überraschenden Niederlage gegen die Steelers am Sonntag relativ klar: Detroit müsste seine beiden ausstehenden Spiele gewinnen, während die Packers ihre beiden übrigen Partien verlieren müssten. Andernfalls finden die Playoffs ohne Detroit statt. Green Bay trifft noch auf die Ravens und die Vikings, Detroit auf die Vikings und die Bears. Ausgeschlossen ist es nicht, die Chance ist aber klein.
Und das sorgt für ein ungewohntes Gefühl. Für die Lions ging es unter Dan Campbell bislang in jedem Jahr nach vorne: Drei Siege im ersten Jahr, dann neun, dann zwölf, dann 15. Detroit hat 2023 und 2024 die Division gewonnen. Für die Lions war es der erste Division-Titel seit 1993. Einen Division-Titel verteidigt hatten die Lions davor seit den 50er Jahren nicht mehr.
Es war - und ist - der Bilderbuch-Rebuild in der NFL derzeit. Der Stafford-Trade, um sich mit Draft-Kapital zu versorgen. Das Team, das man um Jared Goff herum aufbauen konnte. Die unheimlich erfolgreichen ersten Drafts, die Säulen für eine neue Ära in Detroit wurden. Und dabei ein Team, das ganz klar Dan Campbells Handschrift trug.
All das zerfällt nicht plötzlich durch eine enttäuschende Saison, in der es zum ersten Mal unter diesem Regime einen spürbaren Rückschritt gab. Und doch muss man sich kritische Fragen stellen. Auch, um 2026 wieder einen Schritt in die richtige Richtung machen zu können.
Es gibt drei Ebenen, wenn man sich diese Lions-Saison anschaut und sich fragt, wie Detroit nach 12 Siegen 2023 mit einem Playoff Run bis ins NFC Championship Game sowie dann einer 15-2-Regular-Season im Vorjahr jetzt kurz davor steht, die Playoffs zu verpassen.
EBENE 1: Der Verlust der offensiven Identität
Die Lions über die letzten beiden Jahre waren eine gut geölte Run-Game-Maschine. 2023 und 2024 zusammengenommen belegte Detroit Platz 4 in Expected Points Added pro Run sowie Platz 6 in Rushing Success Rate.
Dieses Jahr sind sie immerhin noch auf Platz 10 in EPA pro Run, weil sie noch zu Big Plays kommen. Nach Rushing Success Rate aber belegen sie lediglich Platz 21, hinter Teams wie den Giants und den Jets. Die Down-für-Down-Konstanz im Run Game ist nicht da, und über die letzten Wochen war das besonders offensichtlich: Seit Woche 11 hatte Jahmyr Gibbs nur ein Spiel mit mehr als 3,6 Yards pro Run - und das war gegen die horrend schlechte Run Defense der Giants.
Gegen die Eagles, Packers, Cowboys, Rams und Steelers kam er nicht über diese Marke. Und nur gegen Green Bay kam er in diesen Matchups auf über 50 Rushing-Yards. Detroit verlor abgesehen vom Cowboys-Spiel alle diese Duelle.
Man merkt das auch in anderen Bereichen, was die gesamte Verzahnung der Offense angeht. 2024 kamen knapp 36 Prozent von Goffs Pässen via Play Action, Platz 1 in der NFL. Nur Brock Purdy verzeichnete mehr Yards pro Play Action Pass als Goff (10,0) und Goffs 16 Play-Action-Touchdown-Pässe waren geteilter erster Platz. Dieses Jahr wirft er 28 Prozent seiner Pässe via Play Action, verzeichnet weniger Yards pro Play Action Pass (9,6) und steht bei neun Touchdown-Pässen.
Verschiedene Faktoren spielen hier mit rein. Der Verlust von Offensive Coordinator Ben Johnson ist hier als erstes zu nennen. Nicht zuletzt, weil man parallel beobachten kann, was er aus dem Run Game in Chicago bereits im ersten Jahr macht. Johnson holte das Maximum aus der Offensive Line und dem Run Game als Ganzes heraus.
Das Run Game war das Herzstück für alles in Detroit. Das Passing Game baut darauf auf, die Investitionen in das Backfield ergeben nur damit Sinn, Goff ist signifikant besser, wenn er sich auf ein gutes Run Game stützen kann. Das Run Game soll den Lions auch die Kontrolle über den Flow des Spiels geben, um so idealerweise der eigenen Defense mehr vorteilhafte Situationen zu verschaffen.
Johnsons Verlust ist spürbar, aber auch das Karriereende von Center Frank Ragnow spielt dabei eine enorme Rolle. Sein Abschied, genau wie der Abgang von Guard Kevin Zeitler, haben große Löcher hinterlassen.
Verletzungen sind offensiv ebenfalls ein Faktor, mit Christian Mahogany und Sam LaPorta gab es hier zwei spürbare Ausfälle, während Graham Glasgow und Taylor Decker zwischenzeitlich ausfielen, beziehungsweise angeschlagen spielten.
Ohne das Run Game und ohne LaPorta als zusätzliches Sicherheitsnetz neben Amon-Ra St. Brown und Jahmyr Gibbs im Passing Game merkte man, wie Detroit sich schwer damit tut, offensiv einen Rhythmus zu etablieren und Spiele zu kontrollieren. Das wiederum lässt die eigene Defense noch mehr wackeln, als sie es ohnehin schon tut.
EBENE 2: Verletzungen in der Defense
Im Vergleich zum Vorjahr ist das sogar ein noch kleinerer Faktor. Nachdem den Lions letztes Jahr zwischenzeitlich ihre halbe Starting Defense nicht zur Verfügung stand, muss man im Vergleich dazu ja fast von einer Verbesserung sprechen.
Das ändert natürlich nichts daran, dass die Ausfälle von Kerby Joseph, Terrion Arnold, Brian Branch und Ennis Rakestraw eine Secondary, die bevorzugt in Man Coverage leben will, drastisch limitieren.
Dazu kamen die Verletzungen von Levi Onwuzurike und Josh Paschal in der Front, während Alim McNeill erst im Laufe der Saison von seinem Kreuzbandriss zurück kam. Es war einmal mehr eine Unit, die nie ihre vollen PS auf den Rasen bringen konnte.
Darunter würde jede Defense leiden. Detroit aber spielt eine ganz besonders stark auf Eins-gegen-Eins-Duelle ausgelegte Defense. Die Lions wollen Man Coverage spielen, sie wollen aggressiv gegen den Run sein und sie wollen mit ihrer Aggressivität und Physis defensiv Kontrolle erlangen.
Das klingt gut, es funktioniert aber nur, wenn man auch die entsprechenden Spieler dafür hat. Ist das nicht der Fall, muss man anpassungsfähig sein. Diese Bereitschaft lassen die Lions nicht erst seit dieser Saison vermissen. Und was eine Qualität sein kann, wenn die Dinge gut laufen, wird dann auch schnell zur Schwachstelle: In den letzten fünf Wochen haben die Lions 27 Punkte von den Giants kassiert, 31 von den Packers, 30 von den Cowboys, 41 von den Rams und zuletzt 29 von den Steelers, die in dieser Saison nur gegen die Bengals und die Jets über 28 Punkte aufs Scoreboard gebracht hatten.
Detroit wird sich überlegen müssen, ob es defensiv eine schematische Kurskorrektur braucht. Oder ob man darauf setzt, dass Plan A gut funktioniert, wenn alle mit an Bord sind.
EBENE 3: Die Aggressivität von Brad Holmes hat einen Preis
Dieser Punkt ist deutlich komplexer als die anderen beiden. Aber es ist ein Thema, das sich bei den Lions schon seit einigen Jahren durchzieht. Und die Rechnung ist vor allem dann fällig, wenn die Tiefe des Kaders getestet wird.
General Manager Brad Holmes hat in den letzten Jahren mit einer selbstbewussten Herangehensweise an den Draft für Aufsehen gesorgt. Anfangs durch sein öffentlich zur Schau gestelltes Desinteresse was Positional Value angeht, im Laufe der Jahre aber vor allem durch seine aggressiven Trades, um seine Wunschspieler zu bekommen.
Ein Blick auf die jüngsten Drafts zeichnet hier ein eindeutiges Bild.
Letztes Jahr gaben die Lions einen zusätzlichen Viertrunden-Pick aus, um in Runde 2 für Guard Tate Ratledge ein paar Spots zu klettern. In Runde 3 investierten sie dann ultimativ drei (!) Drittrunden-Picks (102, zwei Drittrunden-Picks 2026), um für Receiver Isaac TeSlaa hoch zu gehen.
2024 kletterten die Lions für Terrion Arnold von 29 auf 24 Overall und gaben dafür Pick 73 ab. In Runde 4 investierten sie einen 2025er Drittrunden-Pick, um sich Tackle Giovanni Manu zu sichern. In Runde 4 gingen sie für Sione Vaki hoch, in Runde 6 für Mekhi Wingo. Zuvor hatten sie bereits einen 2024er Drittrunden-Pick in einem Trade für Cornerback Carlton Davis abgegeben, der Detroit nach einem Jahr wieder verließ.
2023 war die Balance zumindest ausgeglichener. Nach einem Downtrade in Runde 1 ging Detroit in Runde 2 für Brian Branch und in Runde 3 für Brodric Martin hoch.
Hier ist es wichtig, die Herangehensweise auf der einen und die Resultate auf der anderen Seite zu bewerten. Der 2023er Draft mit Jahmyr Gibbs, Jack Campbell, Sam LaPorta und Brian Branch war ein Volltreffer. Und die rein sportliche Bewertung der 2024er und der 2025er Klassen ist nicht zuletzt aufgrund von Verletzungen noch offen. Die Lions haben sich nicht einfach verzockt, oder falls doch, dann ist das zumindest nur mit Einschränkungen - dazu gleich mehr - ein Takeaway konkret dieser Saison.
Aber es ist die Herangehensweise, die zu hinterfragen ist. Eine Herangehensweise, die zum einen eine derart enorme Überzeugung von der eigenen Analyse unterstreicht - eine GM-Eigenschaft, die über eine entsprechend große Sample Size immer zum Problem wird. Weil letztlich ein Team über einen längeren Zeitraum nicht besser scoutet und pickt als andere.
Zum anderen aber war und ist es auch eine Herangehensweise, die daran zweifeln lässt, dass Holmes das richtige Bild von seinem Team hat. Ein Team, das in Jared Goff einen soliden, aber keinen Top-Tier-Quarterback hat. Dessen rasanter Umschwung und bemerkenswerter Aufstieg erfolgte, weil man viel hohes Draft Kapital in ein sehr komplettes Team ummünzen konnte.
Das hätte auch weiter die Strategie sein müssen, ganz spezifisch mit Blick darauf, dass man Goff bezahlen musste. Und dann Penei Sewell und Amon-Ra St. Brown. Und Aidan Hutchinson. Und Jameson Williams. Und Kerby Joseph. Jetzt sind als nächstes Sam LaPorta und Brian Branch dran, danach Jack Campbell und Jahmyr Gibbs.
In dieser Phase des Roster Buildings, in der man einen sehr starken, aber jetzt auch sehr teuren Kern aufgebaut hat, ist es eine sehr riskante Strategie, viel Draft-Kapital in Form von Trades aufzuwenden, um damit teuer einzelne Baustellen zu schließen. Detroit hat etwa über die letzten beiden Jahre in Person von Carlton Davis, Terrion Arnold, Ennis Rakestraw und D.J. Reed sehr viel in die Cornerback-Baustelle investiert und steht immer noch ohne ein wirklich gutes Trio auf der Position da.
Giovani Manu sollte der perspektivische Nachfolger für Taylor Decker werden. Und vielleicht wird er das immer noch, aber das war ein enormes Investment für einen Tackle, der noch sehr viel Zeit brauchen wird. Vielleicht wird Isaac TeSlaa ihre starke Nummer 3 - aber nachdem sie St. Brown bereits bezahlt haben, für Williams hoch gegangen sind und ihn bezahlt haben, sind dann drei Drittrunden-Picks als Investment in die Nummer 3 dahinter eine smarte Strategie?
Die Lions haben mit ihrer Aggressivität kurzfristig gedacht, oder zumindest, kurzfristig gehandelt. Und sicher, wenn, wie in Phasen dieser Saison, nahezu die gesamte Starting-Secondary ausfällt, stößt jedes Team an Grenzen. Aber die Lions haben selbst mit dem Punkt im Hinterkopf keine gute Tiefe. Und sie haben an Stabilität eingebüßt. Das Team fühlt sich alles in allem mehr Star-heavy und weniger breit aufgestellt an.
Und das ist nicht nur eine Kritik am Roster Building. Es ist auch das Versäumnis in der Offense, sicherzustellen, dass das Run Game so robust bleibt. Es ist die Defense, die sehr starr und eindimensional wirkt, und - das war auch schon unter Aaron Glenn der Fall - sich selbst bei mehreren Ausfällen wenig anpassungsfähig zeigt. Gegnerische Offenses gelangen zuletzt am Boden und durch die Luft Big Plays gegen Detroit.
Wie geht es weiter in Detroit?
Die gute Nachricht ist: Am Ende dieser Fehleranalyse steht ein relativ klares Bild. Und das ist nicht das eines Teams, das drastische Reaktionen nach dieser Saison zeigen muss.
Detroit wird nicht jedes Jahr derart von Verletzungen gebeutelt werden, wenngleich hier vielleicht auch intern Dinge hinterfragt werden sollten.
Auch die Quarterback-Position ist eine relativ klare Sache. Jared Goff ist kein Quarterback, der eine Offense trägt. Das war er noch nie. Aber er ist ein Quarterback, der immer und immer wieder gezeigt hat, dass er eine Top-10-Offense aufs Feld bringen wird, wenn die Umstände gut sind.
Goff mag nicht der Quarterback sein, mit dem Detroit es tatsächlich auch in den Super Bowl schafft. Aber er ist der Quarterback, mit dem die Lions über die nächsten Jahre nach dem Rückschritt dieser Saison wieder einen Schritt nach vorne machen können. Dafür aber müssen die Lions wieder mehr in der Gesamtqualität ihres Kaders denken. Das kam zuletzt im Roster Building zu kurz.
Campbell steht letztlich vor der Aufgabe, die alle Head Coaches, wenn sie lange genug im Amt sind, früher oder später bewältigen müssen, wenn ihre Teams erfolgreich waren: Er muss gute Coordinators ersetzen, und er wird damit konfrontiert werden, dass Säulen seines Teams wegbrechen oder abbauen. Frank Ragnow, Kevin Zeitler und Taylor Decker sind Beispiele dafür.
Er wird sich vermutlich nach einem neuen Offensive Coordinator umschauen. Vielleicht auch spezifisch nach einem Run Game Coordinator. In der Rolle als Play-Caller wirkte auch Campbell selbst bislang nicht ideal besetzt, doch wir haben schon früh in seiner Amtszeit in Detroit gesehen, dass er hier auch vor unbequemen Entscheidungen nicht zurückschreckt.
Die Lions werden die Folgen der aggressiven Draft-Strategien in den kommenden Jahren weiter merken. Doch das Gerüst für dieses Team ist nach wie vor jung und sehr gut. Was die Qualität in der Spitze angeht, müssen sich die Lions auch mit Blick auf 2026 vor kaum jemandem verstecken.
Der Weg zurück in die Playoffs sollte für dieses Lions-Team durchaus machbar sein. Wie viel mehr als das möglich ist, das steht auf einem anderen Blatt.
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