Er spricht über unterschiedliche Entwicklungswege, Verletzungen, Geduld, Führungsqualitäten - und darüber, warum beide trotz NBA-Karrieren bodenständig geblieben sind.
Herr Huth, wenn Sie heute auf die frühen Jahre zurückblicken: War damals bereits spürbar, dass Franz und Moritz Wagner einen besonderen Weg gehen könnten?
Marius Huth: Ich war zu der Zeit selbst noch sehr jung als Trainer, vor allem bei Moritz. Deshalb fehlte mir damals auch ein gewisser Referenzrahmen, um Talente wirklich einordnen zu können. Bei Moritz hat man früh sein Bewegungstalent gesehen, seine Energie und sein Feuer. Mir war klar, dass er körperlich noch wachsen würde. Aber konkret zu sagen, dass daraus einmal ein NBA-Spieler wird, das konnte ich damals nicht. Bei Franz war das anders. Als er etwa 12 oder 13 Jahre alt war, hatte ich erstmals das Gefühl, dass da etwas Besonderes ist. Auch hier gilt: Ob es einmal Richtung NBA gehen würde, konnte niemand seriös vorhersagen. Aber man hat klar gesehen, dass er etwas mitbringt, das über das Normale hinausgeht.
Sie waren früh auch beim DBB involviert und haben viele Top-Talente gesehen. Gab es Dinge, die Ihnen bei Franz besonders aufgefallen sind?
Huth: Franz hatte mit 14 eine schwere Knieverletzung und fiel über ein Jahr aus. In dieser Phase war er sportlich nicht "on top", andere Spieler seiner Generation produzierten sichtbar mehr. Namen wie Kay Bruhnke oder Luc Van Slooten standen damals stärker im Fokus. Trotzdem hatte ich früh das Gefühl, dass man bei Franz Geduld haben muss. Sein Körper würde sich noch entwickeln, und er würde Zeit brauchen. Diese anderthalb Jahre ohne Spielpraxis hat er später beeindruckend aufgeholt. Er war nie der dominanteste Spieler seiner Altersklasse, aber mein Bauchgefühl sagte mir immer, dass daraus etwas werden würde.
Bei Moritz war das schwieriger zu greifen. Er wuchs spät, war häufig leicht verletzt und wurde von körperlich weiter entwickelten Spielern überholt. Rückblickend war es bemerkenswert, dass lange fast ausschließlich über Franz gesprochen wurde - bis Moritz sich für Michigan entschied und viele überrascht waren. Er war ein klassischer Spätzünder. In der JBBL hat Moritz damals nicht dominiert, das muss man so klar sagen. Und auch in der NBBL wirkte das ordentlich, aber es war nicht so, dass man dachte: "Der räumt hier alles ab." In seinem letzten NBBL-Jahr ging das stärker in diese Richtung, aber insgesamt war er in der Jugend zunächst weniger auffällig als andere. In Heidelberg beim Bundesjugendlager wurde er zum Beispiel auch gar nicht nominiert.
Huth: Wir hypen junge Spieler bei Alba nicht zu früh
Franz erhielt trotz seiner Verletzung viel Vertrauen, auch vom DBB und bei Alba. Wie haben Sie diese Anerkennung wahrgenommen?
Huth: Das hat mich nicht überrascht. Franz hatte schon früh einen starken Eindruck hinterlassen. Bei einem internationalen U13-Turnier in Madrid - mit Teams wie Real Madrid und Barcelona - wurde er zum MVP gewählt, obwohl wir sportlich nur im Mittelfeld landeten. Das zeigt, wie sehr sein Spiel auffiel. Es war bekannt, dass er verletzt war, aber ebenso bekannt war, welches Potenzial er hatte. Deshalb war das Vertrauen in ihn aus meiner Sicht logisch - und letztlich hat es sich ausgezahlt.
Was glauben Sie, hat Franz aus dieser langen Verletzungsphase für seine Entwicklung mitgenommen?
Huth: Solche Phasen helfen enorm. Bis dahin lief bei ihm vieles reibungslos. Eine Verletzung zwingt dich, Widerstandsfähigkeit zu entwickeln und dich mit deinem Körper auseinanderzusetzen. Gerade junge Athleten haben oft noch kein gutes Körpergefühl. Franz hat früh gelernt, auf Ernährung, Regeneration und Training zu achten. Ich weiß, dass er damals sehr bewusst an diesen Themen gearbeitet hat. Das prägt - gerade in einem Alter, in dem andere große Entwicklungsschritte machen und man selbst zuschauen muss.
Gab es bei Franz eine besondere Form der Förderung?
Huth: Wir versuchen grundsätzlich, junge Spieler nicht zu früh zu hypen. Zusatzförderung gab es in Form von morgendlichen Trainingseinheiten vor der Schule, allerdings nicht exklusiv für ihn. Ähnliche Programme gab es auch für andere Spieler, zum Beispiel ein Malte Delow. Bei Franz war entscheidend: Talent vorhanden, nicht an der Sportschule - also haben wir versucht, ihm punktuell zusätzliche Inhalte zu geben. Sonderbehandlung im eigentlichen Sinne kam erst, als er in der NBBL sehr schnell auf hohem Niveau spielte und früh bei den Profis integriert wurde.
Huth: Moritz ist der geborene Anführer
Wie unterschieden sich Franz und Moritz in ihrer Persönlichkeit?
Huth: Man merkt sofort, dass sie Brüder sind, aber sie gehen sehr unterschiedlich mit Emotionen um. Moritz lebt alles nach außen. Freude, Ärger, Energie - das bekommt die gesamte Halle mit. Das war im Kindesalter nicht immer leicht zu kontrollieren und führte teilweise zu Fouls und Frust. Franz hatte dieselbe Intensität, richtete sie aber stärker nach innen. Er war ehrgeizig, teilweise fast zu perfektionistisch, und hat viel mit sich selbst ausgemacht. Moritz hingegen ist extrovertiert, ein emotionaler Leader, jemand, der Räume sofort einnimmt. Beides sind große Stärken - nur unterschiedlich ausgeprägt.
Gab es Bereiche, in denen Moritz Franz voraus war?
Huth: Moritz ist ein geborener Anführer, der Dinge anspricht und ein Team mitnimmt. Franz musste lernen und lernt es weiterhin, Verantwortung auch verbal zu übernehmen. Er führte lange vor allem durch Leistung. Das gehört zu seiner weiteren Entwicklung dazu - sowohl in der Nationalmannschaft als auch bei den Orlando Magic.
Würden Sie sagen, dass Franz schon immer sehr professionell und zielstrebig war?
Huth: Ja. Das beginnt mit einem sehr stabilen Elternhaus. Er hat früh viel zugehört, Dinge umgesetzt und verstanden, dass Schlaf, Ernährung und Vorbereitung entscheidend sind. Viele hören das - bei ihm blieb es hängen. Er ist ein Perfektionist. Das ist nicht immer nur positiv, aber ein zentraler Grund für seine konstante Entwicklung.
Huth über das ewige Thema Wurf bei Franz
Wenn Sie bei Franz einen sportlichen Entwicklungsbereich benennen müssten - welcher wäre das?
Huth: Der Wurf. Er kann werfen, aber die Konstanz fehlt phasenweise. Es ist weniger eine technische als eine rhythmische und mentale Frage. Franz denkt viel nach - das ist eine Stärke, kann ihn beim Wurf aber auch hemmen. Mechanisch ist er problemlos ein 38- oder 39-Prozent-Schütze. Es geht darum, wieder Vertrauen und Rhythmus zu finden.
Wie findet man einen solchen Rhythmus?
Huth: Ich glaube, der nächste Sommer - wenn er keine Nationalmannschaft hat - würde ihm guttun, wenn er länger werfen kann. Müdigkeit, Beine gehen raus, dann kommt zu viel Kraft von oben, er wird verspannt und dann kommt diese Hacke rein. Arbeit ist da nötig, aber das ist total realistisch. Wir reden nicht davon, dass wir ihm beibringen müssen, 90 Prozent Dreier zu treffen, sondern wir reden darüber, dass wir einen jungen Menschen mit viel Talent fürs Werfen und viel Bewegungsgefühl wieder in einen rhythmischen, flüssigen Ablauf kriegen müssen.
Spielt Franz heute anders als mit 16?
Huth: Ja. Früher hatte er einen starken Pull-up-Midrange-Wurf, heute ist sein Spiel viel mehr "downhill". Das hängt mit seiner Physis und dem NBA-Spiel zusammen. Sein Drive ist eine enorme Waffe. Im Sommer merke ich das im Training, der Junge ist körperlich so stark. Wenn der Wurf wieder konstanter kommt, wird sein Spiel noch ausgewogener. Und unterschätzt wird oft, wie gut er für andere kreiert - sein Spielverständnis ist außergewöhnlich.
Abschließend: Sind Franz und Moritz auf dem Feld auch so, wie sie als Menschen sind?
Huth: Auf jeden Fall, vielleicht sogar noch bodenständiger. Ich glaube fest daran, dass man auf dem Feld auch ein Mensch ist, deshalb spiegelt sich die Persönlichkeit wider. Trotz NBA, Verträgen und Aufmerksamkeit sind beide extrem geerdet. Das kommt aus der Erziehung. Erfolg hat sie nicht abheben lassen - sie sind einfach vernünftige, angenehme Menschen, mit denen man gerne Zeit verbringt. Und das ist keineswegs selbstverständlich.
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