Wenn Agit Kabayel über seinen Trainer Sükrü Aksu spricht, kennt die Wertschätzung kaum Grenzen. "Sükrü hat schon eine zweite Vaterrolle in meinem Leben übernommen. Ich verbringe wirklich sehr viel Zeit mit ihm", sagte Kabayel im Interview mit DAZN und beschreibt seinen Erfolgscoach mit großen Worten.
"Wenn ich ihn beschreiben müsste - also zu 100 Prozent loyal und immer ein Ohr offen. Egal, was für Probleme du hast, du kannst zu ihm gehen", erklärt der 33-Jährige - wenngleich Aksu kein Mensch der blumigen Worte sei. "Er ist ein sehr, sehr ehrlicher Mensch, der hält kein Blatt vorm Mund, aber in dem Moment musst du es dann schlucken. Aber er ist immer da, egal welche Uhrzeit. Ich könnte ihn um 3 Uhr nachts anrufen, er geht ran, ich weiß das."
Beide arbeiten bereits seit vielen Jahren zusammen, bereits als Jugendlicher lernte Kabayel seinen Coach kennen. Dabei war die Zusammenkunft - wie so vieles im Leben - auch mit einem gewissen Zufall verbunden. Aksu erinnert sich: "Ich habe den damals in Aachen gesehen, da haben die einen Kampf gehabt im Kickboxen. Da war ich mit meinen Freunden dort, die wollten mich mitnehmen. Ich habe gesagt, okay, ich komme mit. Und an dem ganzen Abend ist mir Agit als einziger aufgefallen."
Also nahm er den jungen Agit unter seine Fittiche, mit all den Höhen und Tiefen, die es zu Beginn gab. "Da gibt es Tage, an denen du gar keinen Bock hast zum Trainieren und nicht kommen willst. Der war sich noch nicht so bewusst, wie ich es damals war. Ich habe schon am ersten Tag gesagt, aus dem könnte was werden", erklärt Aksu.
An Kabayel habe er sofort etwas gesehen, was ihm bei anderen ehemaligen Schützlingen gefehlt hat. "Ich habe viele wirklich gute Leute trainiert, die wirklich Talent hatten, die auch ganz oben waren, aber den Durchbruch nicht geschafft haben, weil sie keine Disziplin, keinen Ehrgeiz hatten", sagte er. "Das bringt der Junge mit, der ist ein Arbeiter. Agit arbeitet viel an sich."
Gemeinsam schrieben sie eine einzigartige Erfolgsgeschichte, die Kabayel bis in die Weltspitze im Schwergewicht gebracht hat. 26 Profikämpfe hat Kabayel inzwischen bestritten, 26-mal ging er als Sieger aus dem Ring. Zuletzt besiegte er mit Frank Sanchez und Zhilei Zhang zwei absolute Top-Boxer der Gewichtsklasse.
Inzwischen ist Kabayel Interims-Weltmeister der WBC und klopft hörbar an die Tür zu einem echten WM-Kampf. Doch es fehlte einst nicht viel, und die Geschichte wäre anders verlaufen. Denn zwischenzeitlich hatte Aksu die Zusammenarbeit mit Kabayel beendet, ein Streit hatte das Duo vorübergehend und beinahe endgültig entzweit.
"Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit und ich dachte, ich kann alles besser. Ich bin einfach der Coolste, der Beste, der Stärkste. Und dann hat er mich rausgeschmissen aus dem Training", blickt Kabayel zurück. Für eine Entschuldigung sei er zu stur gewesen, er wollte alleine weitermachen. "Aber ich bin dann nicht mehr vorangekommen", erklärt er.
Auch Aksu erinnert sich an diese Phase und liefert weitere Details. "Er hat ein Angebot gehabt von Evander Holyfields Trainer aus Amerika, da haben die sofort einen Vertrag geschickt. Es war eine Überreaktion von beiden Seiten", sagte der Trainer. Doch um das Verhältnis wieder zu kitten, brauchte es eine dritte Person: den Vater von Kabayel.
"Ich habe mit meinem Vater gesprochen und ihm gesagt, ich habe Scheiße gebaut. Mein Vater hat dann gesehen, wie sehr mich das belastet. Er ist dann zu Sükrü hingefahren und hat gesagt, gib dem Jungen noch eine Chance", schildert Kabayel. Aksu lenkte ein - doch er ließ seinen Schützling spüren, dass er etwas falsch gemacht hatte.
"Danach waren die ersten so drei Monate maximal beschissen, weil Sükrü mich wirklich einmal durchs Feuer geschickt hat, weil er mir die kalte Schulter gezeigt hat", so Kabayel. "Ich musste mich wieder beweisen, ich musste pünktlich beim Training sein, bin immer quasi als Erstes gekommen, musste als Letztes gehen."
Inzwischen sind beide ein Herz und eine Seele - zumindest meistens. "Ich kann mit dem machen, was ich will. Das ist aber, weil Agit funktioniert", weiß Aksu. Kabayel ist erwachsen geworden, Meinungsverschiedenheiten werden jetzt anders geregelt.
"Ich bin jetzt mittlerweile 33 Jahre alt geworden und jeder Mensch entwickelt irgendwann seine eigene Meinung und das führt dann oft zu Diskussion. Aber er kommt damit sehr, sehr gut klar", sagte der Bochumer. Und im Zweifel gilt: "Am Ende hat er immer recht", scherzt Kabayel.
Am 10. Januar tritt Agit Kabayel in Oberhausen gegen den Polen Damian Knyba in den Ring. Fans können das Event in voller Länge bei DAZN sehen - jetzt schon für 9,99 Euro dazubuchen!