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Deutschlands Box-Hoffnung Kabayel: Der Koloss und die Auferstehung

kicker

Es ist der 22. Februar 2025, Riad, Saudi-Arabien. Die gesamte deutsche Boxwelt hält den Atem an, als Deutschlands bester Schwergewichtler - auf den Punktzetteln vorne liegend - nach einer gewaltigen Linken des chinesischen Power-Punchers Zhilei Zhang krachend zu Boden geht. Ein Moment, der über die Karriere eines Boxers entscheiden kann. Ein Moment, in dem sich die Charakterstärke eines Mannes offenbart. Ein Moment, an dem auch zumindest die kurzfristige Zukunft des deutschen Boxens hängt. Ein Augenblick wie gemacht für Agit Kabayel.

Der deutsche Ring-Gigant schafft, was nur ganz wenige geschafft haben. Der 1,91-Meter-Schwergewichtler steht nach dem Volltreffer, der auch vom chinesischen Kriegsgott Guan Yu selbst hätte kommen können, wieder auf und sorgt danach sogar noch für ein Novum. In der nächsten Runde knockt er als erster Mann den asiatischen Hünen aus und katapultiert sich auf Platz 3 der Weltrangliste in der Königsklasse. Der Sprung in die absolute Weltspitze und die ehrfurcht einflößende Rückkehr des deutschen Boxens auf die internationale Landkarte. Und mit all seiner Power will der Ruhrpott-Koloss den einst großen Faustkampf auch wieder national ins Gespräch bringen.

Am 10. Januar steht sein "Homecoming" nah seiner Heimat in der Rudolf-Weber-Arena in Oberhausen an. Die fast 13.000 Karten für das Box-Spektakel waren innerhalb von fünf Tagen ausverkauft. Geschehnisse, die an alte Zeiten erinnern.

Die großen deutschen Boxer

Zeitsprung mehr als 30 Jahre zurück. "Everybody‘s Darling" Axel Schulz boxt in Stuttgart um die Schwergewichts-WM der IBF und zieht mehr als 18 Millionen Menschen vor die TV-Geräte. Imposante Zahlen und nur einer von ganz vielen hochklassigen Kämpfen auf deutschem Boden in einer Zeit, in der das deutsche Boxen zu den führenden Sportarten des Landes zählt. "Boxen war maximal populär und hat von konträren Charakteren, einzigartigen Protagonisten und tollen Medienpartnern gelebt", sagt Bernd Bönte, der damals live am Ring saß und heute der vielleicht größte Box-Experte des Landes ist.

Ringhelden wie der Brandenburger Schulz, Henry Maske, Graciano Rocchigiani und auch Regina Halmich waren sowohl weltweit als auch in der Bundesrepublik unfassbar bekannt. Diese enorme Popularität war für den Faustkampf in Deutschland nichts ganz Neues.

Der erste große Fighter des Landes war der Berliner Max Schmeling, der bis heute größte deutsche Boxer. Während Schmeling hauptsächlich in den USA fightete, füllten seine Nachfolger wie Gustav Scholz und Karl Mildenberger auch in der Bundesrepublik die Stadien. Der Hype in den Neunzigern erreichte allerdings noch nie vorher dagewesene Dimensionen. Mit den Klitschkos und deren letzten Ringschlachten Mitte der 2010er Jahre endete allerdings die große Box-Ära.

Die neue deutsche Hoffnung

2026 gibt es die Auferstehung - mit Kabayel. Der Brecher aus Bochum kam im Alter von 15 zum Faustkampf. Sein Siegeszug in der Königsklasse ist beeindruckend, neben dem kolossalen Zhang schlug er auch weitere Weltklasse-Boxer wie den agilen Sanchez und den knallharten Chisora.

Sein Stil ist dabei eine Mischung aus purer Aggression, vereint mit absoluter Präzision. "Kabayel hat die besten Körpertreffer in der gesamten Division, dazu beeindruckt mich auch immer wieder seine schnelle Anpassungsfähigkeit im Ring", sagt Uli Hebel, der den Mega-Fight live auf DAZN kommentieren wird.

Im westlichen Ruhrgebiet trifft der deutsche Hoffnungsträger auf den 2,01 Meter großen Polen Damian Knyba. Ein aufstrebender und ungeschlagener Fighter, der allerdings noch keinen Sieg auf Weltklasse-Niveau in seinen Meriten stehen hat. Gleichzeitig ist gerade im Schwergewicht immer alles möglich. "Knyba hat die längsten Arme in der Königsklasse und ist für seine Größe sehr agil", ordnet Hebel die polnische Kante ein.

Den Weltmeistertitel im Blick

Ein mächtiges Duell, das für das deutsche Boxen und auch Kabayel wegweisend sein könnte. Denn natürlich schielt der deutsche Fighter mit kurdischen Wurzeln auf den ganz großen Preis, den Weltmeistertitel im Schwergewicht. Er will in die Fußstapfen treten von Ali, Tyson und Schmeling. Schon seit mehr als einem Jahr ist er Pflichtherausforderer des aktuellen Champions und vielleicht besten Boxer dieses Jahrtausends, Oleksandr Usyk.

Ein großer Stadion-Fight gegen den ukrainischen Volkshelden im kommenden Sommer ist ein realistisches Szenario. Doch der Meister aller Klassen scheint der Herausforderung aus dem Weg zu gehen und spricht derzeit eher von einem Fight gegen Ex-König Deontay Wilder. Fairerweise ein größerer Name als der von Kabayel, aber sportlich längst nicht mehr auf dessen Niveau. "Sollte Agit siegen, hat kein Boxer auf der Welt das Duell mit Usyk mehr verdient als er. Eine andere Pflichtverteidigung beim Verband WBC als Champion Usyk gegen Interims-Champion Kabayel wäre ein Skandal", stellt der erfahrene Manager Bönte klar.

"Ich will den Weg in eine neue Ära ebnen"

Bei deutschen Boxfans werden bei solchen Szenarien dunkle Erinnerungen wach. Auch Schulz hatte bei seinen WM-Kämpfen mit mehr als zweifelhafter Box-Politik zu kämpfen. Kabayel ist das alles egal, er fokussiert sich nur auf den Kampf mit Knyba. "Es ist mir eine große Ehre, die deutsche Box-Hoffnung zu sein, ich spüre aber auch eine Verantwortung. Ich will den Weg in eine neue Ära ebnen."

Gegen den polnischen Hünen ist er der turmhohe Favorit, doch unterschätzt werden darf niemand, schließlich war Kabayel vor zwei Jahren noch selbst in der Underdog-Rolle. "Agit geht das erste Mal in einem großen Fight als klarer Favorit in den Ring. Es wird spannend, zu sehen sein, was das mit ihm macht. Ich glaube aber an seinen Sieg via Knockout", ordnet Hebel ein. Und auch Bönte pflichtet bei: "Ich glaube, dass Kabayel den Kampf vorzeitig entscheiden wird, in Runde 6 oder 7". Klare Aussagen über einen Sieg, denen viele Experten zustimmen würden.

Es wäre ein Triumph nicht nur für Kabayel, sondern auch für das gesamte deutsche Boxen. Für alle aussichtsreichen Athleten dahinter, die sich täglich in den Gyms und Vereinen im Ring weit über das eigene Limit schinden. Eine Renaissance des Faustkampfs in der Bundesrepublik bahnt sich an.