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"Er kann auch kratzen und beißen": Wie Florian Wirtz zum größten deutschen Talent wurde

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Bayer Leverkusen Wirtz Fußball Bundesliga LIVE-STREAM Getty Images

Erst der Pass aus dem Zentrum heraus auf die rechte Außenposition, danach pirscht sich Florian Wirtz in den Strafraum. Acht Mainzer stehen um ihn herum, Wirtz findet trotzdem die winzige Lücke zwischen den Ketten, die Jeremie Frimpong anpeilen kann. Der doppelte Doppelpass ist perfekt getimt, von der Grundlinie kommt der Ball zurück ans rechte Fünfereck. Mit drei Kontakten auf engstem Raum nimmt Wirtz den Ball an, legt ihn sich für einen besseren Winkel kurz vor und schließt präzise und flach ins lange Eck ab.

Es ist das zehnte Bundesliga-Tor für Wirtz, mit 18 Jahren und 145 Tagen hat kein Spieler in der Geschichte der Bundesliga diese Marke früher erreicht. Und dieser Treffer für Bayer Leverkusen am 6. Spieltag gegen Mainz 05 ist auf vielen Ebenen einer mit Symbolcharakter. Ein Tor, das so viel vereint und ausdrückt über einen Spieler, der Fußball-Deutschland im Jahr 2021 in seinen Bann zieht.

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Da ist die Spielübersicht, mit der Wirtz seinen Treffer einleitet. Sein Gefühl für den Raum, als er zwischen den Mainzer Abwehrketten einen kleinen, unbewachten Fleck findet. Seine überragende Technik beim Doppelpass mit Frimpong sowie in der Ballbehandlung im Zuge des Torabschlusses. Dann seine Coolness im Abschluss. Viermal hat Wirtz in dieser Saison aufs Tor geschossen, viermal landete der Ball im Netz.

Florian Wirtz: Effektivster Bundesligaspieler und bester Scorer hinter Haaland 

Und nicht zuletzt symbolisiert Wirtz' Treffer gegen Mainz seine Unersetzlichkeit für den Verein, gewann Bayer schließlich dank ihm ein schwieriges Spiel gegen widerspenstige Mainzer mit 1:0. Abgesehen von Borussia Dortmund scheint kaum ein Team in der Liga so abhängig von einem einzelnen Spieler zu sein wie das stark in die Saison gestartete Leverkusen. In sechs Bundesligaspielen war Wirtz an neun Toren direkt beteiligt, nur Erling Haaland steht in der Scorerwertung über ihm. Sein Schnitt, alle 40 Minuten ein Tor zu schießen oder vorzulegen, ist unübertroffen. Schon in seinem ersten vollständigen Jahr als Profi war Wirtz außergewöhnlich gut, seit dem Sommer ist er mit 18 Jahren der wertvollste und beste Spieler der talentierten Leverkusener Mannschaft.

Dabei gehört er dieser Mannschaft erst eineinhalb Jahre an. Sein Wechsel im Frühjahr 2020 von der U17 des 1. FC Köln zu Bayer hatte für den wohl größten Aufschrei gesorgt, den es bei einem Wechsel eines Juniorenspielers in Deutschland jemals gab. Die Kölner Verantwortlichen monierten, Leverkusen habe ein ungeschriebenes Gesetz missachtet, wonach sich Klubs im Rheinland nicht gegenseitig die Talente abgreifen.

Leverkusen entgegnete derweil, eine sich bietende Chance für den Profikader genutzt zu haben. Dabei profitierte man von der Schusselig- und Schlafmützigkeit des FC unter Sportchef Armin Veh, der sich zu spät mit Wirtz‘ Zukunft und seinem auslaufenden Ausbildungsvertrag beschäftigt hatte.

"Wirtz war schon mit 16 kein Jugendspieler mehr"

"Elternhaus und Umfeld sind neben Talent, Einstellung und dem richtigen Klub die wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Profi-Laufbahn. Dazu kommt natürlich Glück", sagt Bayers langjähriger Manager Rainer Calmund im Gespräch mit DAZN . In Leverkusen fand Wirtz einen Klub, der schon oft und zuletzt bei Kai Havertz bewiesen hat, dass er weiß, wie man mit einem Ausnahme-Teenager umzugehen hat.

Der damalige Trainer Peter Bosz und Geschäftsführer Rudi Völler hatten Wirtz persönlich klargemacht, dass sie ihn für die Profimannschaft einplanen, und nicht für die A-, oder gar B-Jugend, für die Wirtz theoretisch noch spielberechtigt gewesen wäre. "Dieser geballte Wille von Bayer 04 machte wahrscheinlich bei Florian und seiner Familie Eindruck", so Calmund. Und dass mit Schwester Juliane schon ein Wirtz-Sprössling als Profi unter dem Bayer-Kreuz spielte und nur Positives berichtete, bestärkte die Entscheidung, die Rheinseite zu wechseln.

Das Glück, gesund zu bleiben und das richtige Timing zu haben, stellte sich auch ein. Seitdem ging alles rasend schnell. Die Coronakrise legte den Fußball lahm, wirkte bei Wirtz aber als Katalysator seines Talents. Weil kaum Schulunterricht stattfand, konnte der 17-Jährige ohne Druck viel Trainingszeit mit den Profis sammeln. Bosz und sein Trainerteam erkannten derweil, dass es keinen Grund mehr gab, auf den gebürtigen Pulheimer zu verzichten. "Wirtz war schon mit 16 kein Jugendspieler mehr", meint Calmund.

"Normalerweise braucht ein junger Spieler zwei bis drei Jahre"

Wirtz debütierte als viertjüngster Bundesligaspieler aller Zeiten, mit seinem ersten Bundesligator am 30. Spieltag der Saison 2019/2020 war er zwischenzeitlich der jüngste Torschütze in Deutschlands höchster Fußball-Liga jemals, bis ihn Dortmunds Youssoufa Moukoko unterbot. In der folgenden Saison war er unumstrittener Stammspieler, heute gehört er zum DFB-Team und Bayers Spiel steht und fällt mit ihm.

"Florian hat sehr wenig Zeit gebraucht, um vom Nachwuchsspieler zum Führungsspieler auf dem Platz zu werden", sagt sein Trainer Gerardo Seoane zu DAZN : "Normalerweise braucht ein junger Spieler zwei bis drei Jahre. Bei Florian ist es so, dass er innerhalb von zwölf Monaten die Leistung, die er als Nachwuchsspieler brachte, auch auf der großen Bühne zeigt."

Gerardo Seoane 14102021 Bundesliga Leverkusen

Eine wichtige Rolle in der Entwicklung zum Führungsspieler spielte der vergangene Sommer. Anstatt eine enttäuschende EURO 2020 mit der A-Nationalmannschaft zu erleben, wurde Wirtz mit einer entfesselt und mitreißend aufspielenden U21 Europameister. Dabei erkannte er, dass nicht nur spielerische Brillanz ausschlaggebend ist für den Erfolg einer Mannschaft, sondern auch Kampf, Einsatz, Leidenschaft und Wille. Eigenschaften, die er bereit ist, einzubringen.

"Keiner erfüllt die Anforderungen so wie Florian"

Seine großartige Form nahm Wirtz nahtlos in die Saisonvorbereitung mit. Seoane ordnete ihm eine Schlüsselrolle zu, Wirtz hat sie angenommen, seine Mannschaft sie ob seines großartigen Talents und seiner natürlichen Autorität anerkannt. Wirtz ist bereits Führungsspieler einer Mannschaft, die die Ambition und das Potential hat, zu den besten vier Teams Deutschlands zu gehören.

"Ich möchte unser Team mit meiner Leistung auf einen Champions-League-Platz führen", sagte Wirtz zuletzt bei Sky . Und weiter: "Ich weiß, wie es ist, wenn man als junger Spieler in eine Profimannschaft kommt. Daher will ich sie unterstützen und es ihnen so einfach wie möglich machen." Wie kommt ein 18-Jähriger auf den Gedanken, eine Mannschaft anführen zu wollen?

"Da gibt es schon immer wieder mal ein paar junge Talente, die sich dafür interessieren", sagt Jens Nowotny, inzwischen Co-Trainer der U18-Auswahl des DFB, im Gespräch mit DAZN : "Ein paar fragen aus Eigeninitiative nach, aber es sind die wenigsten. Und keiner erfüllt die Anforderungen so wie Florian."

Wirzt im Vergleich mit Havertz: "Ist von der Mentalität her noch etwas anderes"

Wirtz erkundigte sich vor allem bei Kuntz. "Wir haben viele Gespräche geführt, nicht nur über den Fußball. Es ging auch darum, wie man schon als junger Mensch eine Mannschaft hinter sich bringt", sagt der Ex-U21-Coach dem Spiegel : "Wie er zugehört hat und sich dann anschließend bemühte, das Gehörte in die Tat umzusetzen, das hat mir extrem imponiert."

Es gehe dabei darum, auch als hochtalentierter Offensivspieler Zweikämpfe anzunehmen, "zu marschieren, Wille und Körpersprache zu zeigen", erläutert Nowotny. Dinge, die zum Beispiel Leroy Sane, vom fußballerischen Talent und in seiner Außergewöhnlichkeit vergleichbar mit Wirtz, bisweilen abgesprochen werden.

"Er kann auch dreckig spielen, auch gegen den Ball arbeiten", sagte sein Mitspieler Julian Baumgartlinger mal über ihn. Das habe Havertz, Wirtz‘ Vorgänger bei Bayer mit ähnlich bewundernswerter Entwicklung, zwar auch gemacht, "aber von der Mentalität her ist das noch etwas anderes." Auch Calmund meint: "Florian ist defensiv ein Teamplayer, kann auch kratzen und beißen und dazwischenfunken. Er ist sich nicht zu schade, die Drecksarbeit zu machen."

"Technisch und taktisch sticht Florian nicht unglaublich hervor, weil die jungen Leute in den Nachwuchsleistungszentren heutzutage alle eine ausgezeichnete Ausbildung bekommen. Aber es sind Nuancen, die den Ausschlag geben, warum der eine es schafft und der andere nicht", sagt Nowotny und meint damit jene Mentalität und Einstellung. Eigenschaften, die Wirtz mit seiner Geradlinigkeit vereint.

"Uns ist allen bewusst, dass der nächste Schritt zu einem der Top-5-Vereine irgendwann kommen wird"

Damit geht auch seine größte Stärke einher, die Seoane auf den Punkt bringt, und die er beispielsweise Havertz oder Timo Werner oder Julian Brand voraushat: "Der größte Unterschied ist, dass er unter enormen Zeitdruck immer richtig entscheidet. Die letzten Pässe oder den Abschluss bringt er immer an den Mann oder ins Tor." Dabei sind Entscheidungsfindung und Effizienz sonst Merkmale, die erfahrene Spieler auszeichnen.

Wird über das derzeit größte Talent in Deutschland diskutiert, fallen neben Havertz und Wirtz am ehesten noch die Namen Jamal Musiala und Karim Adeyemi. Nicht wenige Experten halten Wirtz allerdings für Deutschlands aktuell talentiertesten Jungspund.

"Kann ich mit leben", sagt auch Nowotny zu Wirtz als begabtestem deutschen Spieler der 2000er. Calmund hält Wirtz genauso wie Havartz und Musiala für "weltklasse oder auf dem Weg dorthin". Trainer Seoane bezeichnet seinen Schützling als den talentiertesten Spieler, den er je trainiert hat.

"Er ist jetzt am richtigen Ort, kann sich bei uns toll entfalten, wird gut begleitet und unterstützt. Uns ist allen bewusst, dass der nächste Schritt zu einem der Top-5-Vereine irgendwann kommen wird", so Seoane. Havertz ging nach vier Spielzeiten zum FC Chelsea, die letzten zwei davon hatte er Bayer auf seinen Schultern getragen. So ist es bei Wirtz schon heute.

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