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Leonardo Bittencourt exklusiv im KMD-Podcast: "Wir durften der Welt nicht zeigen, dass wir eine Chaostruppe sind"

Lesezeit: 7 Min.
KMD Leonardo Bittencourt

In der 136. Episode des Podcasts kicker meets DAZN wird eine Premiere gefeiert, erstmals reisten Benni Zander und Alex Schlüter ins Weserstadion. Dort trafen sie einen gut gelaunten Leonardo Bittencourt, der seinen freien Tag genoss, den er und seine Mannschaft sich mit dem 3:2-Sieg gegen den BVB am Samstagnachmittag verdienten. Mit einer historischen Leistung drehte der Aufsteiger auswärts in den letzten sechs Minuten einen 0:2-Rückstand. 

Im Gespräch blickt Bittencourt nicht nur auf die einzigartige Schlussphase zurück, sondern aufs ganze Spiel, das ein Sinnbild war für das Selbstverständnis des SV Werder Bremen. Das hat sich in einem harten und wilden Zweitligajahr entwickelt und wurde in die Bundesliga transportiert. Bittencourt erklärt, was die Mannschaft auszeichnet und welche Rolle dabei eine Hinrunde spielt, die geprägt war von chaotischen Zuständen. 

Zu hören ist diese Folge wie immer auf Abruf überall, wo es Podcasts gibt:

Leonardo Bittencourt bei kicker meets DAZN exklusiv über …

 

… den 3:2-Sieg gegen Borussia Dortmund

"Selbst heute kann man das gar nicht richtig begreifen. Das war wie im Film. Du machst ein Riesenspiel, liegst aber 0:2 hinten. Dann machst du den Anschlusstreffer und freust dich, weil er verdient war. Dann machst du das 2:2 und denkst geil, schon wieder 2:2, haben wir ein Glück. Beim 3:2 waren dann alle von uns auf dem Platz. Ich habe Menschen von uns gesehen, die haben selbst beim Aufstieg nicht so viele Emotionen gezeigt." 

... den Verlauf des Spiels

"Es wurde relativ schnell klar, dass die Dortmunder mit uns nicht klarkommen. Ab der 30. Minute haben sie nicht mehr versucht, hinten raus zu spielen, sondern über die zweiten Bälle zu kommen. Das ist so ein Zeichen: Wir haben die im Griff, der Plan geht voll aus. Dann kriegen wir in der 45.+1 das 0:1. Da war in der Kabine kurz Stunk, der Trainer musste uns beruhigen. Wenn du so eine gute Halbzeit spielst, darf so ein Tor niemals fallen. Wir haben uns vorgenommen: Egal, was passiert, wir wollen das Spiel gewinnen. Dann gehen wir raus, haben wieder mehr Ballbesitz, mehr Torchancen, der Gegner macht aber das 0:2. Dass es dann am Ende trotzdem noch so kommt, war natürlich krass." 

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... das offensive Selbstverständnis beim SV Werder

"Wir haben uns das in der 2. Liga erarbeitet. Wir sind enger zusammengerutscht, haben viel durchgemacht, kennen uns mittlerweile auf dem Platz. Auch die Neuzugänge haben schnell kapiert, was und wie wir spielen wollen. Wir sind ein eingespielter Haufen, da ist es einfacher zu wissen: Auch wenn etwas passiert, wir bleiben bei dem, was wir geplant haben. Dass du dann so ein Spiel drehst, passiert jetzt auch nicht jede Woche, zeigt aber, dass wir zwar nicht auf dem richtigen, aber auf einem guten Weg sind. Wenn es der richtige Weg wäre, kassieren wir in so einem guten Spiel erst gar nicht die zwei Tore und müssen hinten raus nicht so etwas Historisches leisten." 

... seine Pläne nach dem Werder-Abstieg 2021 

"Es wäre gelogen zu sagen: Ich wollte mit Werder unbedingt wieder hoch. Für mich war klar: Wenn was kommt, das mich reizt, mache ich das. Ich habe mich nicht in der 2. Liga gesehen. Das habe ich auch offen kommuniziert. Hätte ich mich nicht am Knie verletzt, hätte ich wahrscheinlich auch einen neuen Verein gefunden. An dem Tag, an dem ich wusste, dass ich raus bin, auch über das Transferfenster hinaus, war aber auch klar, dass ich in Bremen bleiben und das durchziehen werde." 

... das Transferfenster nach dem Abstieg

"In der Vorbereitung wussten wir lange nicht, wer am Ende noch da sein wird. Der Verein hat offen gesagt, dass Spieler abgegeben werden, wenn es für alle Seiten okay ist, denn er musste eine gewisse Bilanz erzielen. So sind wir jede Woche hergekommen und wussten nicht, ob es der letzte Tag ist oder nicht. Am Ende ist aber eine Mannschaft geblieben, die das Zeug hatte, wieder aufzusteigen. Wenn das Drumherum ruhiger geblieben wäre, hätten wir bestimmt auch eine bessere Hinrunde gespielt." 

... den Rücktritt von Markus Anfang

"Wir saßen beim Frühstück und hatten abends das wichtige Spiel gegen Schalke vor uns. Und dann hast du auf einmal keinen Trainer, weil der ein Problem mit irgendwelchen Impfsachen hat. Da denkst du dir nur: Was ist hier eigentlich los. Der Abstieg war Chaos, die Vorbereitung war Chaos, dann hatten wir keinen guten Saisonstart. Gegen Nürnberg gewinnen wir dann in der letzten Minute, gehen mit einem guten Gefühl in die Länderspielpause und freuen uns aufs Spiel gegen Schalke. Dann war das Abschlusstraining schon wieder chaotisch und am nächsten Tag hat der Trainer dann die letzte Ansprache gehalten."

... die Reaktion innerhalb der Mannschaft

"Wir haben gesagt, dass wir am nächsten Tag über alles reden können, aber am Abend müssen wir uns auf Fußball konzentrieren. Danijel Zenkovic hat als Trainer übernommen, wir mussten uns klarmachen, dass er jetzt der Chef ist. Wenn er einen Spieler rausnimmt oder jemand nicht spielt, durfte niemand abwinken oder beleidigt sein. Wir durften der Welt nicht zeigen, dass wir eine Chaostruppe sind. Wir wollten allen zeigen, dass wir eine Einheit sind. Also haben wir das Spiel so bestritten, als wenn nichts passiert wäre." 

... die Zeit nach dem Schalke-Spiel

"Die Tage danach waren Chaos. Es wurde offenbar schon mit Ole Werner geredet, aber wir mussten als nächstes ausgerechnet gegen Kiel spielen. Da war klar, dass die uns den nicht schon rüberschicken und wir auch ins nächste Spiel ohne neuen Trainer gehen. Dann haben wir in Kiel 1:2 auf den Deckel bekommen, saßen in der Kabine und haben gesagt: Alles klar, das war's. Wir spielen um die Goldene Ananas und das wird ein richtig schwieriges Jahr." 

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... den Einstieg von Ole Werner

"Dann kam Ole Werner und hat eine erste Ansprache gehalten, da waren alle erleichtert. Er war ruhig, sachlich und unvoreingenommen. Er kam von außerhalb und war komplett entspannt. Wir erfahrenen Jungs waren dauerhaft unter Strom, weil wir versucht haben, alles zu lenken, damit die Truppe zusammenbleibt, davon hat er uns erlöst. Dann haben wir im ersten Spiel gegen Aue 4:0 gewonnen und waren auf einer Welle, die uns wieder nach oben getragen hat."    

... Streit in der Kabine beim SV Werder

"Das passiert bei uns gefühlt jede Halbzeit. Wir verstehen uns so gut, dass wir uns unsere Meinung klar ins Gesicht sagen, ohne dass jemand beleidigt ist. Das zeichnet uns als Mannschaft aus. Sobald Spiel oder Training vorbei sind, wissen wir, dass wir wieder gut befreundet sind. In Dortmund hat es auch wieder geknallt. Der Trainer lässt uns dann erstmal auskotzen, dann schaukelt sich das weiter hoch, dann kommt er rein, macht Schluss damit und die Sache wird sachlich analysiert." 

... das Bremer Umfeld

"Meine Anfangszeit hier war nicht leicht, weil wir in der Bundesliga nicht gut gespielt haben. Aber seit dem Aufstieg und gerade in den letzten Wochen wurden die Leute offener und honorieren, was wir gerade machen. Wir spüren, dass wir die Leute gerade glücklich machen. Es macht ihnen wieder Spaß, ins Stadion zu kommen. Das wollen wir als Verein den Menschen zurückgeben. Denn als wir nicht gut gespielt haben, standen die Fans trotzdem immer hinter uns. Vielleicht fühlen sie sich durch die Dokumentation auch näher am Verein und trauen sich deswegen, uns gegenüber offener zu sein." 

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