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100 Jahre Hakoah-Titel: Das sensationelle Fabian-Tor für die Ewigkeit

kicker

Teil 10: Dem Titel ganz nah

Die "Schlacht von Simmering", zu der das 1:1 zwischen dem WAC und der Hakoah ausgeartet war, setzte sich in den Medien fort. Die Massenblätter ließen die letzen Reste von Objektivität fallen und agitierten unverhohlen. "Wenn nicht alle Anzeichen trügen, werden sich die letzten Spiele, die die Hakoah noch austragen und gewinnen muss, um den Meisterschaftstitel zu erringen, zu Skandalen entwickeln", war das 8-Uhr-Blatt bei der Stimmungsmache gegen die Hakoah vorne dabei.

Was das 6-Uhr-Blatt von sich gab, war dann schon nicht mehr weit von psychologischer Kriegsführung entfernt: "Jetzt wird es also ein Kampf der besseren Nerven, und daher ist der Sieg der Blauweißen trotz ihres Vorsprunges noch immer nicht entschieden. Es beginnt zweifelhaft zu werden, ob die Krieauer die moralische Kraft haben werden, die für das Championat nötigen Punkte aus den Spielen gegen Simmering, Sportklub und Slovan noch herauszuholen.“ Am Ende wurde es ganz kryptisch: "Vielleicht wäre es wirklich vorteilhafter für den Sportklub Hakoah, die Meisterschaft nicht zu gewinnen.“

Verhetzung oder Verfolgungswahn?

"Ist das Drohung und Pogromankündigung?", fragte die jüdische Wiener Morgenzeitung, die nach spaltenlangen Zurückweisungen der zunehmenden Ungeheuerlichkeiten schließlich der ganzen Branche den Fehdehandschuh hinwarf: "Und die Wiener Sportjournalistik ist ja ein Kapitel für sich. Da gibt es zum großen Teile nur verblendeten Vereinsfanatismus, verschärft durch Mangel an Sachkenntnis. (…) Zum Mangel an Objektivität, zur Verdrehung von Tatsachen gesellen sich jüngstens noch Verhetzung und Aufreizung." Die Antwort des 8-Uhr-Blattes, die am nachten Tag folgte, lässt sich mit dem letzten Wort des Artikels subsumieren: "Verfolgungswahn."

Die Hakoah leckte derweil ihre Wunden. Die WAC-Opfer Schwarz, Hess und Grünwald waren "ernstlich verletzt“, dennoch standen für das Pfingstwochenende die Spiele gegen Sparta Prag und HASK Zagreb an, für die sich die Krieauer kurzerhand ihren ehemaligen Mittelstürmer Iszo Gansl von der Grazer Hakoah ausliehen. Beim 1:1 gegen die starken Tschechen ging dieser noch leer aus, gegen die Kroaten erzielte er zwei Treffer, konnte aber die 2:3-Niederlage der Hakoah-Reserve nicht abwenden.

Presse-Präferenzen

Und dann stimmten die Zeitungen auch schon auf das Spiel gegen den Wiener Sport-Club ein. Die eine mehr, die andere weniger neutral. "Beinahe überraschenderweise haben die Spiele dieser beiden Vereine fast immer einen ganz einwandfreien und verhältnismäßig ruhigen Verlauf genommen", thematisierte das Sport-Tagblatt zwar die "grundsätzlich verschiedene“ Zusammensetzung der beiden Teams, verzichtete aber auf hetzerische Untertöne. "Die Hakoah nimmt nur Juden auf, wogegen der Wiener Sportklub wieder Juden überhaupt nicht zulässt (ob er einen Arierparagraph in den Satzungen hatte, wird heute noch diskutiert; Anm.); aber möglicherweise legt gerade dieser Gegensatz den Spielern eine gewisse Beherrschung auf, die in andern Spielen wo der grundsätzliche Gegensatz nicht so klar zutage tritt, nicht eingehalten wird."

  • 100 Jahre: Die Hakoah auf dem Weg zum Meistertitel (Teil 1)
  • 100 Jahre Hakoah-Titel: Ein Moschkatz war zu wenig (Teil 2)
  • 100 Jahre Hakoah-Titel: "Herr Jud" und die Sport-Club-Absage (Teil 3)
  • 100 Jahre Hakoah-Titel:
  • Mit 4:1 gegen Rapid zur Tabellenführung (Teil 4)
  • 100 Jahre Hakoah-Titel: Von der Mazzesinsel bis Manhattan (Teil 5)
  • 100 Jahre Hakoah-Titel: Eisenhoffer, der verspottete Torjäger (Teil 6)
  • 100 Jahre Hakoah-Titel: Guttmann - die Mäuse, die Dollars und der Fluch (Teil 7)
  • 100 Jahre Hakoah-Titel: " Die Juden dürfen keine Meisterschaft gewinnen (Teil 8)

Die alte, den Christlichsozialen nahestehende Reichspost, ließ ihre Präferenz schon klarer erkennen: "Die Hakoah sah nach dem Sieg über die Amateure schon wie der sichere Sieger aus, hat aber kurz vor dem Ziele, in dem skandalösen Treffen gegen eine sehr schwache WAC-Mannschaft weder die Fähigkeiten, noch die moralischen Qualitäten gezeigt, die man von einer Meistermannschaft voraussetzen würde. Deshalb ist das Vertrauen in den Endsieg der Hakoah sehr, sehr wankend geworden und man erwartet schon vom Sportklub, dass er die Krieauer aus dem Rennen wirft.“

Und die Ostdeutsche Rundschau, die auf ihren Seiten schon fleißig für die Nationalsozialisten warb, machte überhaupt kein Hehl daraus, wes Geistes Kind sie war. "Welche Bedeutung der jüdische Anhang der Meisterschaft beimisst, beweisen die Tiraden der jüdischen Presse und der Terror, den der Hakoah-Anhang auf das arische Publikum und auf die Spieler der anderen Vereine ausübt. Neben dem ohrenbetäubenden Geschrei greifen die Sportjuden nun auch zu mechanischen Hilfsmitteln (gemeint sind offenbar die Ratschen, die seit einigen Spielen im Einsatz waren; Anm.), um, wie einst Jericho, die Meisterschaft zu erobern. Wir hoffen auch heute auf einen Sieg der Dornbacher."

Der war nach den letzte Ereignissen - der Sport-Club hatte eine Woche zuvor schon die Titelträume der Vienna endgültig zerstört - gar nicht so unwahrscheinlich. Zwar entging der gegen den WAC ausgeschlossene Eisenhoffer einer Sperre, weil der Schiedsrichterbericht nicht rechtzeitig beim Strafausschuss eingelangt war, dafür wurde Kapitän Max Scheuer für eine Linienrichterbeleidigung gesperrt, die er sich Wochen zuvor im Freundschaftsspiel (!) gegen Bolton geleistet hatte.

Krimi in Simmering

Gut 25.000 Zahlende waren am 6. Juni 1925 auf dem Simmeringer Platz. "Das Interesse ist ja schon durch den Tabellenstand gerechtfertigt, da der Vorsprung der Hakoah nicht groß genug ist, um nicht doch die Möglichkeit zuzulassen, dass ihr die Amateure oder die Admira noch den Sieg entreißen", erklärte das Sport-Tagblatt noch - und dann konnte es losgehen. Die Nervosität der Hakoah-Anhänger fand nach zwölf Minuten eine erste Erleichterung, als der für Scheuer in die Mannschaft gerutschte Wegner per 30-Meter-Freistoß auf 1:0 stellte. Drei Minuten später war es damit wieder dahin, als Wana ausglich.

Mit 1:1 ging es in die Pause. Ein Positionswechsel von Pollak und dem als linker Läufer überforderten Notnagel Grünfeld sorgte dafür, dass die Hakoah besser in Fahrt kam. Als nach dem 2:1 durch Häusler in der 60. Minute auch noch Neumann verletzt ausschied und der Sport-Club nur noch zu zehnt war, schien der Sieg greifbar nah. Doch dann kam die 74. Minute. Lowak drosch einen hohen Ball von der Mittelauflage auf das von Sandor Fabian gehütete Hakoah-Tor.

Der Schlussmann unterschätzte den sich unter die Latte senkenden Ball und konnte ihn nicht festhalten. Da sprang Höss dazwischen, bugsierte das Leder über die Linie und Fabian kegelte sich beim Zusammenprall die Schulter aus. Unter Schmerzen wurde der Torhüter vom Platz getragen, Nemes, der aufgrund einer Fußverletzung aus dem WAC-Spiel ohnehin das ganze Spiel schon vermieden hatte, den Ball mit dem rechten Fuß zu spielen, übernahm seinen Posten. Jetzt hing die Meisterschaft tatsächlich an einem seidenen Faden.

Fabians Tor für die Ewigkeit

Nach fünf Minuten kehrte Fabian mit dem Arm in der Schlinge zurück auf das Spielfeld - für das Tormannspiel kam er damit nicht mehr infrage. "Da aber Fabian vollkommen gebrauchstüchtige Beine zur Verfügung hatte, wurde er als Stürmer an den Flügel dirigiert", schrieb Max Leuthe in seinem unverkennbaren Stil. Der sonst so regelsichere Schiedrichter Retschury hatte offenbar noch gar nicht bemerkt, dass Fabian immer noch den Tormann-Dress trug, als eine Flanke von Schwarz vor den Füßen des umfunktionierten Keepers landete.

"Und diese Verfügung, die ursprünglich, wie ein Witz anmutete, war von unvorgesehenen Folgen belgeitet" (Leuthe im Sport-Tagblatt) - der Schuss aus schrägem Winkel war nicht allzu scharf, WSC-Goalie Edi Kanhäuser war dran, Teufel versuchte noch auf der Linie zu retten, aber der Ball war drin! 3:2!! "Unseres Wissens der erste Fall in Wien überhaupt, dass ein Tormann auf solche Art entscheidend eingriff", mutmaßte wiederum Leuthe, der es als "erster Fußballer Wiens", wie er sich gerne bezeichnete, ja wissen musste.

Nemes hatte in der letzten Minute noch einen Freistoß abzuwehren, aber dann stand der Sieg fest - und der Torschütze des "in der Geschichte der Hakoah vielleicht schicksalsschwerste(n) Treffer(s)", wie die Morgenzeitung jubelte, wurde - diesmal auf den Schultern der Anhänger - vom Platz getragen.

USA - Ungarn und retour

Der Name Sandor Fabian hat bis heute einen Ehrenplatz in der Geschicht der Hakoah. Dabei hatte der Ungar, bevor er nach Wien kam, in der Reservemannschaft des großen MTK "eine Aschenbrödelrolle" gespielt, wie Der Abend im Gespräch mit Sektionsleiter Artur Baar erfuhr. Als er 1927 für 750 Dollar die Woche bei den New York Giants unterschrieb, war er bereits einer der Stars des jüdischen Teams. "Als ich als Kind vom Geigenunterricht in die Turnhalle flüchtete, hatte ich keine Ahnung, dass ich eines Tages als New Yorker Footballstar Geld verdienen würde“, entschuldigte er sich später in einer ungarischen Zeitung fast dafür.

Eine schwere Verletzung beendete seine amerikanische Karriere im November 1929. Zurück in Ungarn spielte er noch zwei Saisonen und eröffnete eine Apotheke, die er bis 1948 betrieb. Im selben Jahr gab er dem Képes Sportlap ein Interview, im dem auch sein berühmtes Tor Thema war: "Es war das einzige Tor, das ich in meinem Leben geschossen habe, aber es war auch mein größtes Erlebnis!“ Danach zog er mit seiner Frau wiederin die USA, wo er am 18. April 1992 im Alter von 88 Jahren in Queens, New York, starb.

"Hakoahs Tormann gewinnt die Meisterschaft", verkündete Der Tag am 8. Juni 1925 bereits, wusste aber auch, dass der Hakoah zum endgültigen Titelgewinn noch ein Punkt gegen Simmering oder Slovan fehlte. Mit 25 Punkten aus 18 Spielen führte sie vor Rapid (23 aus 20), das der Admira mit einem 3:0 die letzten Titelhoffnungen raubte. Weil die Hütteldorfer ihr Meisterschaftsprogramm aber bereits abgeschlossen hatten, waren es nun einzig die Amateure (22 aus 18), die mit zwei Siegen den Hakoah-Titel theoretisch noch verhindern konnten. In einer Woche würde man sicher sein können.

+++ Fortsetzung folgt +++