Julian Nagelsmann hatte seiner Verwunderung schon während der Pressekonferenz in Sinsheim nach dem 4:0 gegen Luxemburg Ausdruck verliehen. "50 Prozent der Fragen" überschlug der Bundestrainer, "gehen um die Torhüter." Nach dem 1:0 von Belfast, begünstigt durch spektakuläre Rettungstaten von Baumann in einer streckenweise wilden zweiten Hälfte, wurde Nagelsmann am RTL-Mikrofon noch konkreter als am Wochenende.
Nagelsmann: "Die Diskussion ist nicht zielführend"
"Die Diskussion ist nicht zielführend, und jeder Mensch kann sich vorstellen, dass sie Olli nicht völlig kalt lässt", erklärte der Coach, der sich wie schon nach der Knie-Operation bei Marc-André ter Stegen nun auch nach dessen Rücken-OP klar auf Baumann als Interims-Nummer-1 festgelegt hat, während in Teilen der Öffentlichkeit geradezu ungeachtet der Leistungen des Hoffenheimers über ein Neuer-Comeback diskutiert wird. "Wir haben", unterstreicht Nagelsmann mit Nachdruck, "in den letzten zehn Spielen keines verloren, weil wir einen schlechten Torhüter hatten." Mehr noch: Am Montagabend haben sie gewonnen, weil sie einen guten Keeper hatten.
Für Nagelsmann steht unverrückbar fest: "Wir haben aktuell kein Torwartproblem." Aber eine von außen geführte Debatte, und der Trainer wirkt in seinen Ausführungen keinesfalls wie Einer, der krampfhaft eine Diskussion abwenden will, die unaufhaltsam auf ihn zurollt, er argumentiert sachlich und nachvollziehbar. Und: Er hat die Argumente auf seiner Seite.
Baumann selbst geht mit der Situation bemerkenswert gelassen um, verzichtet auch nach einem Abend wie in Belfast auf Triumphgeheul. Ein Grund: Der 35-Jährige spürt, wie er erst vergangene Woche im kicker-Interview erklärt hatte, intern totales Vertrauen in seine Person: "Es ist eine Diskussion, die außen stattfindet."
Tah stärkt Keeper Baumann
Verteidiger Jonathan Tah unterstreicht Baumanns Wahrnehmung von uneingeschränkter Rückendeckung. "Olli macht es überragend, als Mannschaft kann man sich zu 100 Prozent auf ihn verlassen, auch in brenzligen Situationen." Der Bayern-Profi und Teamkollege von Neuer gehört daher auch zur Fraktion derer, die sich fragen, "warum wir dieses Thema jede Woche drei Stunden diskutieren?" Dann folgt ein süffisanter Zusatz: "Meines Wissens ist Manuel auch zurückgetreten."
Nach Tahs Ansicht ist die Diskussion "für keinen von Vorteil, auch für Manu nicht und für die Ruhe, die er für seine guten Leistungen braucht." Intern steht der Fahrplan in der Torwartfrage seit Wochen. Kehrt ter Stegen, wie beim Final Four in der Nations League im Juni, stabil zurück, ist er mit Blick auf die WM die Nummer 1, bis dahin ist Baumann der verlässliche Platzhalter und leistungsmäßig im DFB-Team sogar mehr als das. Eine Neuer-Frage stellt sich frühestens im März, wenn der Noch-Barcelona-Keeper im neuen Jahr ohne Spielpraxis bliebe.