Noch nie zuvor gab es einen Herbstmeister mit nur 22 erzielten Treffern - der FC Schalke 04 hat auf Basis seiner herausragenden Defensivstabilität (zehn Gegentore in 17 Spielen, neunmal zu null) in der ersten Saisonhälfte also ein wahres Kunststück vollbracht. Mit Blick auf ihre am Samstag bei Hertha BSC (20.30 Uhr, LIVE! bei kicker) beginnende Rückrunde haben die Königsblauen ihren vermeintlich größten Schwachpunkt eindeutig erkannt.
Daraus macht Miron Muslic gar kein Geheimnis. "Wir wissen, dass wir vorne mehr Durchschlagskraft brauchen", sagt der Trainer, der in diesem Zusammenhang gern darauf hinweist, dass es "nicht nur an den Stürmern hängt", sondern auch das entsprechende Herausarbeiten von Torgelegenheiten durch das gesamte Kollektiv vonnöten sei.
Wenig Ideen in Ballbesitz
Damit taten sich die Gelsenkirchener in der Hinrunde in aller Regel schwer. Der simple Spielstil (wenig Ballbesitz, hohes Pressing, überfallartige Angriffe) ist noch lange nicht so effizient, wie sich der Herbstmeister das vorstellt, auch deshalb arbeiten Muslic und Co. stetig an der Optimierung. Bedarf an Weiterentwicklung besteht insbesondere dann, wenn Schalke den Ball in den eigenen Reihen hat.
Karaman und Sylla als Hoffnungsträger
Muslic will die unbefriedigende Offensiv-Situation nicht negativ bewerten. Er hebt die "hohe Qualität" im Schalker Sturm hervor und nennt vor allem zwei Namen: Kenan Karaman und Moussa Sylla. Das sind genau die beiden, die aktuell auf die meisten Scorerpunkte kommen - der Kapitän hat schon sechsmal getroffen und fünf Vorlagen gegeben, der Mittelstürmer steht bei vier Toren und drei Assists.
Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass sowohl Karaman als auch Sylla mehr oder weniger weit entfernt von ihrem maximalen Leistungsvermögen sind. In der Vorsaison wiesen am Ende beide eine zweistellige Zahl an Treffern auf, Karaman mit 13 und Sylla sogar mit 16 Toren waren die Garanten dafür, dass Schalke 04 nicht in die Drittklassigkeit abstürzte.
Muslics Hoffnung ist, dass Karaman und Sylla in der Rückrunde den Turbo anwerfen. Selbst wenn das der Fall sein sollte, droht die Offensive jedoch zum Stolperstein zu werden auf dem Weg zurück in die Bundesliga.
Kaum Alternativen im Angriff
Denn die Quantität in der Abteilung Attacke lässt derzeit zu wünschen übrig. Mehrere Profis, die eine gute Rolle im Angriff spielen könnten, stehen auch in den kommenden Wochen verletzungsbedingt nicht zur Verfügung. Dazu gehören Bryan Lasme, der sich in der Hinrunde als perfekter Joker entpuppt hat, sowie Emil Höjlund, der ideal zu Muslics Spielstil passend würde, und Peter Remmert, der zu Saisonbeginn viel Eindruck hinterließ.
Gomis noch kein Goalgetter
Christian Gomis ist zwar mittlerweile wieder einsatzfähig, der Königstransfer des vergangenen Sommers (kam für eine Million Euro Ablöse vom FC Winterthur) ist den Beweis seiner Torjägerqualitäten aber noch immer schuldig. Die Kaderverantwortlichen um Sportvorstand Frank Baumann, Sportdirektor Youri Mulder und Maximilian Lüftl als neuer "Leiter Scouting und Transfers" bemühen sich um baldigen Zuwachs für die Offensive, was sich allerdings schwierig gestaltet.
Kein Grund zur Sorge hat Schalke 04 mit Blick auf die bisher formidable Defensive - ganz im Gegenteil. Die Rückkehr von Timo Becker nach seinem monatelangen Ausfall (Innenbandriss im Knie) beschert Muslic ein Luxusproblem. Becker oder Mertcan Ayhan - wer darf gegen Hertha BSC verteidigen?
Becker verdrängt Ayhan
Es läuft klar auf Becker hinaus. Der 19-jährige Ayhan habe seine Sache als Vertreter des Sommerzugangs zwar "hervorragend" gemacht, betonte Muslic am Donnerstag, doch Vize-Kapitän Becker dürfte seinen Platz nun zurückerhalten, obwohl er "noch nicht wieder zu 100 Prozent im Rhythmus ist", wie Muslic zugibt.
Ayhan wird enttäuscht darüber sein, dass er das Feld schon in Berlin respektive in sehr absehbarer Zeit wieder räumen muss, Muslic will der Enttäuschung seines jungen Schützlings "mit Klarheit und direkter Kommunikation" entgegentreten. Seine Spieler sollen "immer wissen, woran sie sind".