Diagnose Kreuzbandriss und plötzlich ist alles anders: Mit Lilli Purtscheller, Sarah Zadrazil, Marie-Therese Höbinger und Manuela Zinsberger erwischte es seit Juli gleich vier wichtige Stützen des Frauen-Nationalteams. Sie sind mit dieser Art von Knieverletzung nicht alleine, auch international gesehen nehmen die Schlagzeilen diesbezüglich immer mehr zu. "Das gehört leider auch irgendwie dazu zu unserem Sport", sagte die beim FC Bayern tätige Zadrazil.
Das hat Purtscheller zweimal am eigenen Leib erfahren, wie auch Katharina Naschenweng, die im Sommer nach ihrem zweiten Kreuzbandriss ein Comeback gegeben hat. Barbara Dunst kam im Oktober nach fast einjähriger Pause aufgrund dergleichen Verletzung zurück. "Es gibt für mich nicht die eine Ursache, einen bestimmten Grund. Es ist aber so, dass der Frauenfußball generell immer schneller, athletischer, intensiver wird. Man merkt selber, was sich da in den vergangenen Jahren getan hat", erläuterte Zadrazil.
"Für weiblichen Körper irgendwann zu viel": Risiko bis zu acht Mal höher als bei Männern
Die Belastung ist alles andere als weniger geworden. Die Champions League sowie der Europacup an sich wurden reformiert, auf Nationalteamebene die Nations League eingeführt. "Wenn du bei einem Verein wie Bayern spielst, hast du so gut wie keine Pausen mehr und die Spiele sind immer auf Topniveau. Ich kann mir vorstellen, dass das für den weiblichen Körper irgendwann zu viel ist", vermutete die 32-jährige Salzburgerin.
Sie erwischte es am 23. September in der vierten Ligarunde in der Anfangsphase gegen Freiburg, es war ihr erst fünfter Pflichtspieleinsatz in der neuen Saison. "Bei mir war es am Saisonanfang, ich habe eine lange Pause gehabt, es war alles super, keine mentalen Probleme, keine Müdigkeit, ich war auch gut im Spiel drinnen, es war einfach eine falsche Aktion", sagte Zadrazil, deren linkes Knie betroffen ist.
Laut Studien ist das Kreuzbandrissrisiko bei Frauen bis zu acht Mal höher als bei Männern. Die Anatomie und Biomechanik sowie hormonelle Einflüsse sind Gründe dafür. Umso wichtiger sind präventive Maßnahmen im Training und der Spielvorbereitung. Auch frühes Krafttraining und Arbeit an der Sprung- und Landetechnik sowie Körperstabilisierungsübungen können die Verletzungsgefahr zumindest etwas minimieren. "Es wird viel gemacht, Zeit investiert, trotzdem passiert es", sagte Zadrazil.
Der harte Weg zum Comeback
Wenn es in Zukunft eine Lösung gebe, um diese Verletzung zu verhindern, wäre das "wünschenswert". Die Entwicklung des Frauenfußballs sei aber unabhängig davon nicht aufhaltbar. "Grundsätzlich wird sich der Frauenfußball aufgrund der Verletzungen nicht verändern, sondern noch weiter wachsen und immer athletischer und schneller werden", vermutet Zadrazil. Sie wird dem ÖFB-Team wie auch Höbinger und Zinsberger im Frühjahr in der WM-Quali nur die Daumen drücken können.
"Jeder gibt sein Bestes, um bald zurück zu sein. Mir wäre lieber gewesen, ich habe niemanden, der gemeinsam mit mir im Boot sitzt, aber jetzt machen wir das gemeinsam durch", sagte Zadrazil. Man sei natürlich im Austausch, jeder gehe aber seinen eigenen Weg in der Reha. Dabei habe sie bis jetzt "wenig Hürden" gehabt. Höbinger verletzte sich am 12. Oktober in Liverpools Ligaspiel gegen Manchester City, Zinsberger wenige Tage später im Training vor Arsenals Champions-League-Spiel bei Benfica Lissabon.
Beide haben nach erfolgreichen Operationen die Zeit auf Krücken hinter sich. "Ich arbeite gerade noch viel so an der Beweglichkeit, Beugung und Streckung. Stück für Stück werden die Muskelgruppen wieder aktiviert und langsam ins Krafttraining integriert. Ich hoffe, dass ich zur Vorbereitung im Sommer wieder ganz fit bin", erläuterte Höbinger.
Purtscheller macht sich "keinen Stress"
Im Gegensatz zu dem Trio darf sich Purtscheller realistische Hoffnungen machen, im Frühjahr auf dem Platz eine Rolle zu spielen. Sie wurde nach einer Trainingsverletzung am 4. Juli operiert. 2022 hatte sie cirka neun Monate bis zum Comeback gebraucht. "Das kann schon wieder ein Ziel sein, weil es sehr gut geklappt hat. Aber man kann keine Verletzung vergleichen, deswegen mach ich mir keinen Stress", sagte die 22-jährige Tirolerin.
Mit Laura Wienroither, Julia Hickelsberger-Füller, Chiara D'Angelo, Sophie Hillebrand (zweimal), Carina Brunold und Jasmin Pal waren weitere aktuelle ÖFB-Teamspielerinnen in der Vergangenheit schwer am Kreuzband verletzt. "Dass sie wieder auf ihr Niveau zurückgekommen sind, gibt einem natürlich Mut, dass man das selber auch schaffen kann", betonte Zadrazil. Gelungen ist das auch einigen internationalen Größen wie etwa Spaniens Alexia Putellas oder den Engländerinnen Chloe Kelly und Beth Mead.