Es waren verfrühte Glückwünsche. Via Anzeigetafel hatte Gegner Brügge am Mittwochabend Marseille zum Weiterkommen in der Königsklasse gratuliert. Doch während die Partie in Belgien schon abgepfiffen war, lief die in Lissabon noch. Mit der letzten Aktion des Spiels traf Benfica-Keeper Anatoliy Trubin zum 4:2 gegen Real, damit rutschte Olympique in buchstäblich letzter Sekunde aus den Play-off-Rängen.
Ein "beschissener Abend" sei das gewesen, nahm OM-Sportdirektor Medhi Benatia kein Blatt vor den Mund. Doch es waren nicht die Geschehnisse in Portugal, die ihn in Rage brachten. Vielmehr hatte sich Marseille mit dem desolaten Auftreten beim 0:3 in Brügge selbst in die Bredouille gebracht, sogar eine knappe Niederlage hätte ja letztlich gereicht zum Weiterkommen.
Und so bekam vor allem die Mannschaft ordentlich ihr Fett weg. "Die Wahrheit ist, dass man als Sportdirektor um Verzeihung bitten muss. Sich bei den Fans entschuldigen, bei den Menschen, die Opfer für diesen Verein bringen", sagte der ehemalige Verteidiger, der von 2014 bis 2016 für den FC Bayern aktiv war. "Ich hoffe, dass die Spieler sich bewusst sind, dass dies ein berufliches Versagen ist. Ich habe in meiner Karriere viele Spiele verloren, aber selten habe ich ein solches Gefühl der Scham empfunden."
„Da kann man genauso gut zu Hause bleiben.“ (Trainer Roberto de Zerbi über den Fehlstart in Brügge)
Marseille war in Brügge förmlich überrumpelt worden. Schon nach elf Minuten lagen die Südfranzosen mit 0:2 zurück und kassierten in der 79. Minute den dritten Treffer, der ihnen in der Endabrechnung teuer zu stehen kam. Dabei hatte Coach Roberto de Zerbi seine Spieler laut Benatia noch gewarnt. "Ich nehme an den Besprechungen teil. Ich höre mir gerne an, wie wir uns vorbereiten. Ich denke, wir wussten die ganze Woche über, dass dies eine Mannschaft ist, die stark startet, die in der Lage ist, in der ersten Viertelstunde drei bis vier Tore zu schießen", so der 38-Jährige.
Auch de Zerbi fand deutliche Worte zum Fehlstart: "Man kann solche Spiele, die historisch sein können, nicht so beginnen, da kann man genauso gut zu Hause bleiben. Wir müssen nach dem Grund suchen, und ich bin dafür verantwortlich, aber wir müssen alle unser Gewissen überprüfen."
Benatia: "Spieler sind nur herumspaziert"
Letztlich hing Marseille nach dem Schlusspfiff an den Handys, bis die bittere Kunde aus Lissabon auf die Bildschirme flimmerte und das Ausscheiden besiegelt war. Dabei war Olympique vor dem Spieltag noch von Rang 19 ins Rennen gegangen. Laut Benatia hätte sein Team den Play-off-Platz aber "nicht verdient", die Spieler sollten "ihr Gewissen überprüfen", schließlich seien sie nur "herumspaziert". All das seien Dinge, die er nicht akzeptieren könne. "Ich habe immer gesagt: Wer unzufrieden ist, wer findet, dass wir zu anspruchsvoll sind, der muss um ein Gespräch bitten. Die Tür steht offen."