Am Abend des 21. Oktober 2021 horchte Fußball-Europa auf. Der FK Bodö/Glimt besiegte die große AS Roma in der Conference League mit 6:1 und fügte Jose Mourinho die höchste Niederlage seiner fast 1.200 Spiele zählenden Trainerkarriere zu. Seither schreibt der nordnorwegische Klub eine Erfolgsgeschichte nach der anderen. Am Mittwoch (21 Uhr, LIVE! bei kicker) muss Österreichs Meister SK Sturm Graz im Play-off-Hinspiel zur Champions League aufpassen, dass er kein nordisches Wunder erlebt.
Wer Parallelen zwischen dem norwegischen und dem österreichischen Champion sucht, findet sie. Da wäre die finanzielle Seite: Beide haben keinen Investor oder gar Oligarchen im Hintergrund, ziehen ihre Finanzkraft jedoch aus regionaler Verwurzelung, lukrativen Spielerverkäufen und UEFA-Prämien. Beide haben ihre Spielweise über Jahre antrainiert und Akteure, die den auf schnellen Ballgewinn und Pressing basierenden Ansatz auch mit Leben füllen.
Erfolgreich mit Eigengewächsen
Für Nostalgiker aber hat Bodö/Glimt etwas zu bieten, was auf größerer Fußball-Bühne heutzutage kaum mehr vorkommt. Die Stammspieler sind fast alle Norweger, viele aus der eigenen Akademie. Die wenigen Fremdarbeiter kommen alle aus Skandinavien, den israelisch-russischen Goalie Nikita Haikin ausgenommen. Angeleitet von Langzeittrainer Kjetil Knutsen (seit 2018), verkörpert diese Truppe einen Cast für eine nordische Fußball-Saga, die die Zuschauer vor allem im kompakt-kleinen Heimstadion Aspmyra (Kapazität: 8.270) regelmäßig staunen lässt.
Sturm-Angreifer Seedy Jatta warnte bereits vor den speziellen Bedingungen. Alleine im Vorjahr besiegten Jattas Landsleute am heimischen Kunstrasenplatz namhafte Teams wie den FC Porto, Besiktas Istanbul, Olympiakos Piräus oder Lazio Rom. Erst gegen Premier-League-Riese Tottenham, den späteren Gewinner der Europa League, endete die wunderbare Reise. Seitdem ist Bodø die erste Stadt am Polarkreis, die ein europäisches Halbfinale ausgerichtet hat.
Glimt heißt übersetzt Blitz - und diesem Beinamen entspricht das am Feld Gebotene ziemlich gut. Mit kurzen, schnellen Pässen kombiniert sich Norwegens aktueller Tabellenführer - blitzartig - durchs Mittelfeld. Mit dem früheren Kick and Rush der Skandinavier hat das nichts mehr zu tun. Wobei die körperliche Komponente nicht zu kurz kommt.
Norwegens schwarze Serie
Natürlich weckt der Erfolg auch bei Glimts Kickern Begehrlichkeiten. Nicht wenige Stammkräfte wurden verkauft, kehrten aber kurz darauf in die 55.000-Seelen-Stadt zurück. Patrick Berg, der sich in Lens nicht durchsetzte, und das ehemalige Milan-Wunderkind Jens Petter Hauge sind Beispiele. "Sie kommen zurück und blühen im System, das wir haben, wieder auf", so Roger Andreassen, der in den 1980er-Jahren für den Club spielte, zum Guardian. "Und in den meisten Spielen können sie nach 70 Minuten einen Gang höher schalten und ihre Gegner einfach überrennen. Viele sind nicht darauf vorbereitet."
Sturm sollte vor dem "Stolz Nordnorwegens" gewarnt sein und wird auf die Fortsetzung einer Serie hoffen. 17 Mal in Folge scheiterten norwegische Vereine zuletzt an der Qualifikation für den Hauptbewerb der Champions League. Auch Bodø/Glimt, das vor 15 Jahren mit Finanzproblemen noch zwischen den Ligen wechselte und erst 2017 wieder erstklassig war, erwischte es dreimal.