"Eine Nachricht an die Fans ...", beginnt Jess Carter ein am Sonntag auf Instagram veröffentlichtes Statement, das sich gewiss nicht an wahre Anhänger der Lionesses wandte. "Seit Beginn des Turniers habe ich viel rassistische Anfeindung erlebt", führt die 27-jährige Engländerin aus, die aufgrund der Herkunft ihres Vaters auch über die US-amerikanische Staatsbürgerschaft verfügt.
"Auch wenn ich finde, dass jeder Fan das Recht auf eine Meinung zu Leistung und Ergebnis hat, halte ich es nicht für richtig oder akzeptabel, jemanden wegen seines Aussehens oder seiner Herkunft ins Visier zu nehmen", so Carter weiter. Während sie "wie immer dankbar für die Unterstützung der echten Fans" sei, werde sie sich vorerst "aus den sozialen Medien zurückziehen und einem Team die Kommunikation überlassen".
Carter ergreife diese Maßnahme einerseits, um sich "selbst zu schützen", und andererseits, um den vollen Fokus auf ihre Leistungen für das englische Team bei der Europameisterschaft zu legen. "Mein Wunsch ist, dass mein offenes Wort zu einer weiteren positiven Veränderung beiträgt - für alle", erklärt die Abwehrspielerin.
FA schaltet britische Polizei ein - Infantino meldet sich
Neben der Unterstützung der "echten Fans" erhält Carter indes unter anderem auch Rückendeckung von ihrem Klub NJ/NY Gotham FC sowie vom englischen Fußballverband. So gibt Mark Bullingham, CEO der FA, unmissverständlich zu verstehen: "Unsere oberste Priorität gilt Jess und der Unterstützung, die sie jetzt braucht. Wir verurteilen die Täter dieses abscheulichen Rassismus aufs Schärfste."
Worte, denen die FA in der Zwischenzeit auch Taten folgen ließen, wie Bullingham anfügt: "Sobald wir von den rassistischen Anfeindungen gegen Jess erfahren haben, haben wir umgehend die britische Polizei eingeschaltet. Diese steht in Kontakt mit der betreffenden Social-Media-Plattform, und wir arbeiten mit den Behörden zusammen, um sicherzustellen, dass die Verantwortlichen für dieses Hassverbrechen zur Rechenschaft gezogen werden."
Im Laufe des Tages meldete sich auch der FIFA-Präsident zu Wort. Auch Gianni Infantino sicherte den englischen Fußballerinnen um Carter seine Hilfe zu. "Wir stehen hinter Jess. Wir stehen hinter jeder Spielerin und jeder Einzelnen, die unter rassistischen Beleidigungen gelitten haben", schrieb der Funktionär bei Instagram.
Im Finale gegen Lebensgefährtin Berger?
Bei der EM stand Carter bislang in allen vier Spielen im Startaufgebot der Lionesses - die Gruppenspiele gegen die Niederlande (4:0) und Wales (6:1) absolvierte sie gar über die vollen 90 Minuten. Im Halbfinale wartet auf die Engländerinnen nun das Duell mit Italien, das am Dienstagabend über die Bühne gehen wird (21 Uhr, LIVE! bei kicker).
Im Falle eines Sieges würde England im Endspiel auf Deutschland oder Spanien treffen - und Carter womöglich auf ihre Lebensgefährtin Ann-Katrin Berger, die das deutsche Tor hütet. Die beiden Nationalspielerinnen sind nicht nur seit über acht Jahren ein Paar, sondern inzwischen auch seit rund einem Jahr verlobt. Kennengelernt hatten sich Carter und Berger einst beim FC Chelsea, mittlerweile sind sie Mitspielerinnen beim Gotham FC.